Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1899)
- Article
- Ein verkanntes Proletariat
- Date
- 1899-05-01
- Page
- 270 (sequence 9)
- Language
- German
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270 Im deutschen Reich. Woche nur für Brod und Kaffee. Dabei hatte er 2 sh. für feine Schlafstelle zu zahlen, wo er mit fünf anderen (darunter mehrere Frauen) zusammen auf dem Fußboden schlief.^) Mr. Salomon erzählte mir, daß er in London zuerst 6 Monate lang ohne Lohn von 6 Uhr Morgens bis 12. sehr häufig sogar bis 2 Uhr Nachts hätte arbeiten müffen. Später verdiente er 25 sh. die Woche, hatte aber dafür täglich 18 Stunden zu thun. Der Lohn wird jährlich geringer. Noch vor einigen Jahren verdienten die „Finishers", d. h. diejenigen, die ein Paar Schuhe fertig machen, für ein Dutzend 5 sh., jetzt dagegen bekommen sie nur noch 2 sh. 6 d. Ein guter Arbeiter kann, wenn er Tag und Nacht arbeitet, in der Hauptsaison 18—25 sh. wöchentlich verdienen; ein weniger geschickter Arbeiter nur 15—16 sh., die Lehrlinge oder die Neueingestellten gar nur 10 sh. und darunter.so) Zu der Schuhkonfektion muß man noch die Pantoffelbranche hinzurechnen, die 'ebenfalls einige taufend Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt, und wo dieselben Verhältniffe herrschen wie bei den Schuhmachern. Ende 1889 trat eine große Bewegung unter den jüdischen Arbeitern des East-End ein. Volksversammlungen (Meetings) wurden abgehalten, im Jargon verfaßte Aufrufe in den Straßen vertheilt; 1890 brach dann der Streik aus, der vom 3. März bis zum 5. Mai dauerte. Der Erfolg war, daß zwar die Lage der christlichen Arbeiter, die in der besten Branche beschäftigt waren, gebessert wurde, die der Juden dagegen unverändert blieb. Sie haben nicht einmal die vereinbarten Preise aufrecht erhalten können; das Sinken der Löhne begann, und ihre Lage ist heute kläglicher als je zuvor. Außer den jüdischen Schuh- und Schneiderarbeitern des East- End giebt es noch zahlreiche Arbeiter, die in den letzten Jahren nach Soho oder West-End übergesiedelt find;, es war mir jedoch unmöglich, ihre Zahl auch nur annähernd zu erfahren. Sicherlich aber ist ihr Gesundheitszustand und ihre sonstige Lage besser als im East-End. 25) Ebenda, S. 116. Charles Booth IV, S. 99. (Fortsetzung folgt.)