Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1899)
- Date
- 1899-05-01
- Page
- None (sequence 4)
- Language
- German
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BSP* Istestafl Siegfried KvonbcrcH, WerLirr W. 57. Ich suchte Dich! Nahida Ruch Lazarn« (Nahida Remy). Biographische Erzählung, ivlcg. brosch. 3 M., eleg. geb. 4M. kInhatt: Trennung. — Die Gräfin — DaS Kind und di' Bibel — Die Flucht. — See'en- ** kämpfe. — Ehrwürden — V?. — Die Konfirmandin. — Konfessionslos. — Ein seltsames Erlebnis. — Die neue Ruth. Selbstbiographien hochherziger Frauen, die den Kampf mit den Vorurteilen der Gesellschaft wacker durchgefochtcn, bieten ein eigentümliches Interesse gemischter Art. Verdienen schon die dargestellten Erlebnisse unfern warmen Anteil, so richtet sich unser Hauptaugenmerk doch aus die Art und weise der Darstellung; hier wie dort verlangen wir die Frau zu erkennen, die, wie sie das Schicksal weiblich erträgt, so auch in der Darstellung desselben ihren weiblichen Charakter nickt verleugnen darf. Die Frau, die mit ihren Selbstbekenntnissen vor die Oeffentlichkeit tritt, wagt einen kühneren Schritt als in solchem Falle der ITtaun. Wahrhaftigkeit und Zurückhaltung — beides erwartet man von ihr, und der notwendige Ausgleich zwischen beide:! wird in schwierigen Konflikten leicht zu Unwahrheit oder zu Ünweiblichkeit verleiten. Nur außerordentliche Frauen bleiben auch als Schriftstellerinnen durch die „Mauer der Schicklichkeit", die das weibliche Geschlecht umgiebt, vor jenen Abwegen bewahrt und verstehen es durch Offenherzigkeit'und Grazie die schwierigsten Probleme der Frauenschriststellerei zu lösen. Ein Beispiel dieser Art sind die Memoneu der George Sand (kuLtoiro de inu vie), die am besten geeignet sind, das thörichte Vorurteil von dem unweiblichen Charakter dieser ausgezeichneten Frau zu Schanden zu machen. Die Aufrichtigkeit und Uugeziertheit, mit der diese Französin von sich selber spricht, ist uns durch die Selbstbiographie der Frau Nahida Lazarus in Erinnerung gerufen worden. Es ist erstaunlich, was für interessante und durch Wahrheit überraschende Züge weiblichen Wesens aus solche!: aufricktigen Frauenbekeuntuiffen bekannt werden. Ich will aus dem Buch der Nabioa Lazarus nur ein Beispiel anführen. Als der Redakteur einer Berliner Zeitung der jungen Dame, die er nur einmal und flüchtig gesehen, seinen Besuch auküudigte, um ihr ein von ihr erbetenes Buch zun: Lesen zu leihen, da weiß sie — woher und wie vermöchte sie nicht zu sagen ~ aber augenblicklich fühlt und weiß sie es und spricht es aus: „Also das wird mein — Der Besuch erscheint, ,nan spricht von diesem und jenem, scheinbar ohne innere Berührung, und der Besuch entfernt sich wieder. Aber sie weiß es noch immer so fest wie vorher. Und sie hatte sich.nicht getäuscht. Die Bekenntnisse der Frau Nahida Lazarus, der Gattin des berühmten Völkerpsychologen Moritz Lazarus, enthalten mehr als allgemeine Franenjchicksale... Das Hauptereignis, wenigstens das auffallendste ihres Lebens, ist ihr Übertritt zum Judentum, der uns einfach und glaubwürdig wie alles Andere erzählt wird. Die Konfessionslosigkeit befriedigt diese ernste, religiöse Natur nicht; sie fühlt ein tiefes Bedürfnis, sich zu einer Religion zu bekennen. „Gottesglanbe und Pflichterfüllung, das ist alles, was das Judentum verlangt — und das ist alles, was ich brauche." Auch dieser Zug ist weiblich, und wer die ganze Gedankenentwickelung verfolgt, wird vielleicht an ein ähnliches Buch, an die „Memoiren eitler Idealistin" der M. v. Meusenburg erinnert, die, eine weniger religiöse Idealistin, nach langem Suchen ihr ganzes L^ei! in der Philosophie Schopenhauers findet, die sie als absolute Wahrheit, wie die wagnersche Musik als absolute Schönheit, ergreift. Die Biographie mit dem Motto: „Ich suchte Dich!" ist ein Frauenbuch im schönen Sinne des Wortes und bietet, obgleich von einer Jüdin geschrieben, auch den ausdrücklich christlichen Frauen ein Beispiel von dem Mut und der Wahrhaftigkeit, mit welcher gewisse Ausnahmen des weiblichen Geschlechts die Religion des Herzens gegen die Zumutungen der Gesellschaft verteidigen. Beurteilung des Berner Bund vom 25. Januar 18Y8. Druck von Gmil Billig Nachf., Berlin £>W., Linden-Straßr 63.