Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 4 (April 1899)
- Article
- A. F. Berlin
- Date
- 1899-04-01
- Page
- 237 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316650-2316655--05267-2324071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Briefkasten der Redaktion. A. F. Berlin. Ueber die Auffindung der verstümmelten Leiche einer Näherin im Walde von Polna bei Deutschbrod in Böhmen und die Verhaftung deS jüdischen Schuhmachers Hülsner wurde uns Nachstehendes berichtet: „Der Verdacht, die am 1. April mit durchschnittenem Halse aufgefundene Anezka Hruzowa ermordet zu haben, fiel zuerst auf den schwachsinnigen Schuhmachergehilfen Hülsner, welcher verhaftet, aber schon am Tage darauf wieder freigelassen wurde. Nun richtete der antisemitische Hetzer Husek von Polna aus an den Abg. Schneider die Bitte, den Justizminister zur Entsendung einer unparteiischen Gerichtskommission zu veranlassen, denn der Polnaer Bezirksrichter Friedrich Reichenbach sei im Stande, die Spuren des Mordes zu verwischen. Er habe schon viele solche schreienden Ungerechtigkeiten begangen. Dieser dem 9Jfiniftev übersandte. Brief wurde am 13. April in der Wiener „Deutschen Zeitung" abgedruckt, ohne daß die Nummer der Beschlagnahme verfiel. Hülsner wurde am 10. April abermals verhaftet und dem Kreisgerichte Kuttenberg eingeliefert. Die antisemitischen Hetzblätter in Wien und Prag schreiben nun wieder von einem „Schächtschnitt" und davon, daß 7 Liter Blut fortgetragen worden sein müßten, da die Leiche ausgeblutet gewesen sei und der harte Boden das Blut nicht ausgesogen haben könne u. s. w. Die gerichtliche Untersuchung wird selbstverständlich nicht nach der Richtung eines Ritualmordes geführt — aber man duldet doch die Fruktifizierung des Falls gegen die Juden. In maßloser Weise wird die Zeitungshetze in Wien und Prag fortgesetzt, während der intelligentere Theil der Bevölkerung von Polna über das Märchen vom Ritualmord spottet und auch die Ungebildeten sich schon darüber beruhigt haben — zumal der wegen plötzlichen Wahnsinnsausbruches schleunigst in eine Prager Irrenanstalt geschaffte Kürschnergeselle Karl Janda aus Lieben bei Prag jetzt von einem großen Theil der Bevölkerung als Mörder der Hruzowa angesehen wird. O. D. Berlin. Der Redaktion der agrarisch - antisemitischen „Deutschen Tageszeitung" bereiten offenbar dieLorbeern Ahlwardt's schlaflose Nächte; sie hat deshalb in einer aus Mainz vom 11'. April datierten Notiz etwas geleistet, um das sie selbst Sedlatzeck beneiden könnte. Die Notiz lautet: „Ein Dienstmädchen, das von seinem jüdischen Dienftherrn unsittlich belästigt wurde, sprang heute Nacht vom vierten Stock eines Hauses hinunter auf die Straße. Das Mädchen ist tödtlich verletzt. Der Jude wurde