Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 4 (April 1899)
- Article
- Ein verkanntes Proletariat
- Date
- 1899-04-01
- Page
- 201 (sequence 5)
- Language
- German
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SOT Treiben unbeweglich zuschaut und nur da zu sein scheint, um von Zeit zu Zeit mit erhobenem Arme die mit Maaren beladenen Gefährte zum Stillstand zu bringen. Man merkt sofort, daß gut gekleidete Leute dieser Bevölkerung ein ungewohnter Anblick sind; von allen Seiten begegnet nian mißtrauischen Blicken und nian beschleunigt den Schritt, um denselben zu entgehen. Trifft man im Eingang von Whitechapel noch englische Gesichter, so verschwinden sie ganz in den folgenden Straßen. Englische Laute dringen immer spärlicher an das Ohr; man hört nur noch den jüdischdeutschen Jargon, und die ihn sprechen, sind bleiche abgezehrte Gestalten, denen der Hunger aus den hohlen Augen blickt. „Sie sind nicht mehr in London, Sie sind in Jerusalem," sagte zu wir ein Londoner Gemciuderath, mährend er mir die Mohn- und Arbeitsstätten dieser Leute zeigte. Und thatsächlich befindet man sich in einer fast ausschließlich jüdischen Stadt. Ganze Viertel sind von Juden bewohnt, alle Läden mit ihren meist hebräischen Schildern, von denen immer eines schmutziger ist als das andere, sind im Besitz von Inden. Airs den Stufen der Häuser kauern die Weiber, ihre Säuglinge stillend, während halt» ackle Kinder sich auf der Straße umhcrtummeln. Schon ein Blick in den düster» Hausflur läßt erkennen, daß hier das tiefste Elend seine Statte hat. Große Plakate verschiedensten Inhalts bedecken die Mauern der Häuser; fast alle sind im Jargon abgesaßt. Hier preist ein Kaufhaus seine Maaren an, dort wird dem Publikum die Ankunft einer jüdische» Truppe aus New-Dort verkündet. Ein drittes macht die Lokale bekannt, in denen zu den bevorstehenden Festen Gottesdienst abgehalten wird; noch ein anderes annonciert ein neues jüdisches Blatt für das East-End. Der jüdische Gassenjunge läuft durch die Straßen und hält die Zeitungen feil, deren Zahl ziemlich beträchtlich ist. Darunter befinden sich liberale und radikale Blätter; alle sind natürlich im Jargon geschrieben, aber die Art/ wie sie redigiert werden, wäre wirklich der besten europäischen Zeitungen würdig. „Der Jüdische Expreß" z. B. ist ein großes Blatt -von 8 Seiten, das die sämmtlichen Neuigkeiten ans aller Welt bringt und dessen Artikel oft volles Lob verdienen. Ebenso der „Tägliche Expreß", das „Jüdische Telephon" u. A. Außer den jüdischen Blättern von London, Leeds und Manchester werden in den Läden sogar im Jargon geschriebene Blätter ver- 14