Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 3 (März 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / L. R. P.
- Date
- 1899-03-01
- Page
- 183 (sequence 1)
- Language
- German
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183 Lingcsandt. Jeder Stand hat jetzt Verbände, die seine Interessen vertreten und in sachgemäßer Weise schützen; so haben auch die kaufmännischen Ange st eilten Vereine gebildet, di« ihren Mitgliedern Stellen Nachweisen, sie in Zeiten der Krankheit oder der Stellenlosigkeit unterstützen. Bei der Vermittelung von Stellen für Handlungsgehilfen erzielen diese Vereine eine große Zahl von Verträgen und diese Erfolge werden bei jeder Gelegenheit rühmend hervorgehoben. Leider kommen aber diese Vermittelungen den jüdischen Handlungsgehilfen nur selten zu Statten, weil die anstellenden Chefs häufig ausdrücklich „christliche" Commis, aber nur in Ausnahmefällen besonders „jüdische" Commis verlangen. Selbst manche jüdischen Kaufleute fühlen sich durch die antisemitische Bewegung veranlaßt, bei Vakanzen in ihren Geschäften jüdische Bewerber abzulehnen, weil diese möglicher Weise einem Theile der christlichen Kundschaft nicht angenehm sein könnren. Eine derartige Angstmeierei muß mit der ZZt ein Proletariat jüdischer Handlungsgehilfen erzeugen. Ich kenne eine große Stadt, m welcher nur etwa zehn jüdische Angestellte in christlichen Handlungshäusern thätig sind und die Zahl der in den jüdischen HandiungShäusern arbeitenden Juden, so weit nicht einige Detailgeschäfte in Betracht kommen und verwandtschaftliche Beziehungen bei der Anstellung maßgebend waren, geradezu beschämend klein ist. Und dieses Beispiel ist kein vereinzeltes. Wo diese bedauerliche Zurücksetzung nicht durch die Rücksicht auf eine vermeintliche antisemitische Kunoschaft motiviert werden kann, werden noch sonderbarere Gründe angegeben, z. B., daß sich jüdischeAngestellte „zu viel uni Einzelheiten desGeschäfts bekümmern," daß sie „etwas abzusehen suchen, was ihnen zur späteren Etablierung verhilft" u. A. m. Aber gerade die häufige Stellenlosigkeit ist eS, welche so viele jüdische Handelsangestellten frühzeitig auf den Gedanken bringt, sich selbstständig zu machen. Wer aber „in der Wahl seiner Eltern nicht vorsichtig genug war", um ein Geschäft mit großen Mitteln begründen zu können, dessen Etablierung ist heutzutage ein Hazardspiel, das in vielen Fällen rasch zum Ruin führt. An vielen derartigen Etablierungen tragen aber jene jüdischen Geschäftsinhaber die Schuld, welche ausschließlich christliches Personal anstellen. Die oft zu Hetzzwccken aufgestellte Behauptung der Antisemiten, daß der jüdische Kaufmann dein christlichen überlegen sei, läßt sich kaum begründen, aber daß durchschnittlich der elftere in Bezug auf Tüchtigkeit dem letzteren nicht nachsteht, entspricht der allgemeinen Annahme.