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Im deutschen Reich · 1899-03-01 · Heft 3 (März 1899) · p. 145

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 3 (März 1899)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1899-03-01
Page
145 (sequence 1)
Language
German
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145 Umschau. Dankbarkeit ist zu allen Zeiten für eine jüdische Charaktereigenschaft gehalten worden. Daß diese Annahme keine unbegründete ist, hat die Liefe Ergriffenheit bewiesen, mit welcher in den Kreisen der deutschen Bürger jüdischen Glaubens die Nachricht von dem am 6. Februar d. I. erfolgten plötzlichen Hinscheiden des zweiten deutschen Reichskanzlers, des Grafen Leo Caprivi, ausgenommen wurde. Der mitstummer Resignation aus dem verantwortungsreichen Amte der Nachfolgerschaft eines Fürsten Bismarck geschiedene Staatsmann brauchte keine Memoiren zu hinterlaffen, um seine Thajerr zu rechtfertigen; sein Charakterbild schwankt nicht in der Geschichte. Der unversöhnliche Haß der Agrarier und Antisemiten, dessen Aeußerungen selbst der Heimgang Laprivi's nicht völlig verstummen ließ, ehrt den Todten mehr als alles andere; uns aber mahnt er an das Wort: „Was Euch ihn hassen lehrt, macht ihn uns werth!" Den Handelspolitikern und Volkswirthen sei es überlassen, das Verdienst zu würdigen, das Caprivi durch seine Vertragspolitik erwarb, welche die kurzsichtigen Versuche verhinderte, den Agrariern zu Liebe die goldene Eier legende Henne, die Erportindustrie, zu schlachten. Wir haben es nur mit der Anerkennung des humanen und hellsehenden Staatsmannes zu thun, welcher, wie er am 25. Februar 1895 von Montreux aus an einen Redakteur des „Berliner Tageblattes" schrieb, es als seine Aufgabe betrachtete, das „deutsche Volk seine alten Tugenden wiederfinden zu lassen", zu verhindern, „daß die deutsche Nation ihren sittlichen Standard sinken sehe". Diese sittlichen Anschauungen veranlaßten ihn dazu, daß er den Antisemiten die loyale Maske vom Gesicht riß und die Konservativen vor der Bundesgenoffenschaft mit einer Demagogen-Gesellschaft eindringlich warnte. Als er in der am 11. Dezember 1892 abgehaltenen Reichstagssitzung den „Judenflintenprozeß" mit scharfen Worten brandmarkte, rief er den Konservativen zu, daß es ihm unverständlich sei, wie patriotische Männer solche Dinge mitmachen könnten. Caprivi predigte tauben Ohren; auf dem Tivoli-Parteitage gingen die meisten Konservativen in das antisemitische Lager hinüber, und einer konservativ-antisemitischen Koalition stand der zweite Reichskanzler gegenüber, als er am 3. Dezember 1693 im deutschen Reichstage Abrechnung hielt mit dem

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