Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 11 (November 1897)
- Article
- B. L., Berlin
- Date
- 1897-11-01
- Page
- 579 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316635--03270-2321490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Briefkasten der Redaktion. 579 jüdischen Familien sehr wohl fühlen, ist die Regel; die ganz vereinzelten Beispiele, auf welche sich die gegenteiligen Behauptungen antisemitischer Blätter stützen, beweisen nur, daß keine Regel ohne Ausnahme ist. In der DreifaltigkeiLSkirche zu Könitz wurde vor wenigen Wochen ein nicht mehr ganz junges Paar getraut; die Braut hatte nicht weniger als 30 Jahre bei einer Konitzer jüdischen Familie gedient. Wie das „Neue Pommersche Tageblatt" berichtet, waren die beiden einzigen Trauzeugen Juden, der Bräutigam evangelisch, die Braut katholisch. D. M., Hannover. Der „Schinderhannes -Artikel" der „Hann. Post" vom 28. Oktober, eine köstliche Leistung eines leider ungenannten Mitarbeiters des Antisemiten Rosenthal, beginnt mit den Worten: „Schinderhannes! Was will der hier?" sagt vielleicht mancher Leser entsetzt, hier einem gemeinen Verbrecher einen Artikel gewidmet zu sehen." Sodann erklärt der Verfasier die von ihm versuchte Ehrenrettung des im Jahre 1803 Hingerichteten berüchtigten Räubers mit der völlig unbewiesenen Behauptung, daß der einer Abdecker-Familie entsprossene und als Scharsrichter-Lehrling ausgebildete Johannes Bückler durch Juden zum Landstreicher und Räuber gemacht worden sei und sein Raubsystem besonders gegen Juden gerichtet habe, weil diese seinen armen Vater zu Grunde gerichtet hätten. Daß Juden mit einem Abdecker Geldgeschäfte gemacht haben sollen, ist weniger verständlich als die Sympathie des Verfassers für den Juden beraubenden ehemaligen „Schinder-Lehrling", - dessen er» greifender Nekrolog in der „Hann. Post" mit den treffenden Worten schließt: „Daß die Geschichte des Schinderhannes der Schundl itteratur reiche Nahrung bot, ist bekannt". Z. 8., Hamburg. Wenn in dem „Hamburger Fremdenbl." sich ein Leser darüber beklagte, daß der Segensspruch des Hauytpastors Behrmann bei der Einweihungsfeier des Rathhauses einen streng christlich-lutherischen Charakter getragen und möglicher Weise zahlreiche an der Feier theilnehmende Hamburger israelitischer Konfession peinlich berührt habe, so nehmen wir ohne Weiteres an, daß der betreffende Einsender kein Jude ist, wenn er auch von dem „universellen Gott" in seinem „Eingesandt" spricht. Ein rechter Jude theilt die Ansicht des Wiener Rabbiners Dr. Güdemann: „Der Antisemitismus wird aufhören, wenn jeder Christ ein guter Christ und jeder Jude ein guter Jude ist". War der Einsender ein Christ, so hat er uns, wie die seitdem in mehr oder minder scharfem Tone erfolgten Zurechtweisungen beweisen, wenn auch in bester Absicht, einen recht ungeschickten Freundschaftsdienst geleistet;