Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 11 (November 1897)
- Article
- Schöneberg b. Berlin
- Date
- 1897-11-01
- Page
- 564 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316635--03216-2321475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
564 Im deutschen Reich. Gustav Müller stehenden „Unabhängigen" aus, welche eine ^-Majorität der neuen Stadtverordneten-Versammlung für sich haben werden. Zu rhnen zählen auch Baumeister Kuznitzky und Bankier Seelig, die ersten Juden in der Schöneberger Gemeinde-Vertretung. Dieses Resultat ist um so erfreulicher, als seitens der gegnerischen Bürgerpartei in öffentlicher Versammlung die Forderung ausgestellt wurde, man solle nur Christen wählen. CharLottenburg, 10. November. Der antisemitische Schriftsteller Kar! Wald hatte sich vor dem hiesigen Schöffengericht wegen Betruges und Beleidigung des Polizeiaffeffors Pieske zu verantworten. Das Gericht erachtete den Thatbestand des Betruges nicht genügend aufgeklärt und sprach Wald deshalb frei. Wegen der Beleidigung wurde Wald zu einer Geldstrafe von 10 Mark verurtheilt. — Thätliche Beleidigung mittel st e i n e s Ä u s s e s war der Gegenstand einer Anklage, die vor dem hiesigen Amtsgericht gegen den Kaufmann Rudolf R o s e n b e r g zur Verhandlung kam, dem zur Last gelegt wurde, seine Buchhalterin gegen ihren Willen geküßt zu haben. Die Verhandlung endete mit Freisprechung, weil sich nach Vernehmung der in Friedrichshagen wohnenden Schwester der Belastungszeugin herausstellte, daß die letztere, Katharine Kopfch, im ersten Termin unwahre Angaben über ihre Entfernung aus dem Rosenberg'schen Geschäft und ihr Verbleiben bis zu ihrer Fahrt nach Friedrichshagen gemacht habe. Der Vertheidiger Rosenberg's betonte darauf die Ueberzeugung, daß die Zeugin ohne Grund aus dem Geschäft des Angeklagten fortgeblieben sei und die Geschichte mit den: K u ß erfunden habe, um sich in plausibler Weise zu rechtfertigen. Das Gericht vermochte sich der Beweiskraft dieser Ausführungen nicht zu entziehen und sprach den Angeklagten frei. Bekanntlich hatte die „Staatsbürger- Ztg." den Fall bereits zu einen: Leitartikel verarbeitet und im „freien Meinungsaustausch" die Hoffnung ausdrücken lassen, durch „den Kuß des Chefs", die Berliner antisemitischen Gesinnungsgenossen wieder aus ihren: Schlafe aufzuwecken. chst Potsdan:, 1. November. Die Gesellschaft „ L i t t e r a r i a ", welche die geistige Elite Potsdams umfaßt, ertheilte dem inzwischen nach Berlin übergesiedelten emeritierten Rabbiner Dr, Tobias Cohn, dem verehrten Mitarbeiter unserer Zeitschrift „In: deutschen Reich", die Ehrenmirgliedschaft. Bei der Ueberreichung der die Verdienste des Dr. Cohn um die Gesellschaft verzeichnenden, kunstvoll ausgeftatteten Adresse hielt die „Litteraria" am 16. Oktober eine Festsitzung ab, zu welcher die Mitglieder nahezu vollzählig erschienen waren. In dieser Sitzung hielt der Vorsitzende, Sanitatsrath Haus-