Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 11 (November 1897)
- Article
- Der Nationaljude als Staatsbürger
- Date
- 1897-11-01
- Page
- 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316635-2321361--03176-2321441- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
530 Im deutschen Reich. beobachtet, scheint derselbe doch gerade die Behauptungen zu bestätigen, welche von dem sogenannten wiffenschaftlichen Antisemitismus seit den Tagen aufgestellt wurden, in welchen H. von Treitschke seine berüchtigten Auslassungen über die Judenfrage in den Preußischen Jahrbüchern veröffentlichte. Hierfür ist gerade das Flugblatt Nr. 2 ein sprechender Beweis. Zu den Angriffen, welche von jeher die gebildeten Juden am schmerzlichsten berührten und berühren mußten, gehört die Behauptung, der Jude habe eine besondere Nationalität, der deutsche Jude nicht die deutsche, der französtsche nicht die französische, sondern eben nur die jüdische, und auch ein Mann wieTreitschke, welcher doch auf dem Gebiete der Völkerpsychologie und Volkskunde Bescheid wiffen mußte, hat keinen Anstand genommen, sich in dieser Beziehung mit „Skribenten letzten Ranges und Ignoranten" auf eine Stufe zu stellen. „Der Jude," sagt Lazarus in seinem Vortrag „Was heißt National?", bekanntlich einem Kabinetsstück der Völkerpsychologie, „hat eine besondere, von der deutschen verschiedene Nationalität, das kann man von den untersten Skribenten bis hinaus zu denen hören, welche dem Kreis der wissenschaftlichen Forscher angehören." Was ist nun der wesentlichste Inhalt des Flugblattes Nr. 2 der National-Jüdischen Vereinigung für Deutschland? Lediglich der Versuch des Nachweises, daß die Juden in der That eine besondere Nationalität haben, nämlich die jüdische, welche von der deutschen verschieden ist; dies wird mit dürren Worten in bem Satze ausgesprochen „der Jude kann seine Nationalität garnicht verleugnen, ebensowenig wie er seine Geburt ungeschehen machen kann", und die zur Bekräftigung zitierten Aeußerungen des Rabbiners Dr. Rülf sind geeignet, diesem Satze den entsprechenden Nachdruck zu geben. Damit haben also die Antisemiten von Treitschke bis Ahlwardt und Lueger von jüdischer Seite die Bestätigung erhalten, daß die deutschen Juden in der That sich als besondere Nationalität fühlen, und wenn sie daraus die entsprechenden Folgerungen ziehen, so wird sich die national-jüdische Vereinigung nicht der Verantwortlichkeit entziehen können, denselben das Rüstzeug zu ihren Angriffen geliefert zu haben — trotz Max Nordau's und des Oberrabbiners von Bialystock. Für eine Bewegung, welche so stolz auftritt und ihren Gegnern Phrasenknltus, Unklarheit und ähnliche vollsaftige Liebenswürdigkeiten