Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 9 (September 1897)
- Article
- V. K., Berlin
- Date
- 1897-09-01
- Page
- 457 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefkasten der Redaktion. 457 Humoreske durchzulesen, können Sie in diesem Wust vielleicht den „agrar-antisemitischen Bazillus" entdecken, dessen schädliche Wirkung wahrlich nicht zu unterschätzen ist. K. N. Breslau. Die bedauerliche Wiederauffrischung des Befehls des russischen Verkehrsministers, demzufolge auf der Eisenbahn reisende Juden nicht in den Zügen und auf den Stationen beten dürfen, ist wohl nur durch die unnöthig auffällige Art, in welcher in Polen zuweilen solche Reisende ihre Gebete verrichten, veranlaßt worden sein und wird eine unauffällige Andachtsvorrichtung nicht verhindern. A. B., Breslau. Die Ausführungen des Teschener Blattes „Silesia" sind durchaus zutreffend. Das Blatt bezeichnete es als „ein trauriges Zeichen der Zeit", daß im dortigen Eugensaale ein „Schlußfest jüdischer Absolventen schlesischer Mittelschulen" stattgefunden habe und fügt hinzu: „Der Antisemitismus ist bereits in die Mittelschulen gedrungen und wenn es so weiter geht, so wird er sich auch in Volksschulen unter ABC-Schützen geltend machen. An einigen schlesischen Mittelschulen haben sich die christlichen Maturanten von den jüdischen abgesondert, für sich allein Schlußfeste veranstaltet und jüdische Kollegen hierzu nicht eingeladen. Diese verletzten jüdischen Studenten hatten es nun für nöthig befunden, sich zu vereinigen und ein gemeinsames Fest in Teschen zu veranstalten, welches vorgestern stattfand. Als wir Alten studirt haben, gab es unter Kollegen keinen Unterschied der Konfession oder Nationalität. Und wenn heute die Schulkollegen von damals, Juden und Christen, zusammenkommen, so freuen sie sich dessen von Herzen und bleiben die alten, guten Freunde. Was werden das aber für Menschen sein, die aus den heutigen Schulen hervorgehen, wenn sich dort auf der Schulbank der Menschenhaß breit macht, der zur sittlichen Verwilderung führt? Es ist nicht anzunehmen, daß dieser Menschenhaß von Lehrern gepflegt oder gefördert wird — das dürfte denn doch nur in seltensten Fällen Vorkommen — aber er dringt von außen in die Schulen ein und vergiftet jugendliche Herzen. Aufgabe einer zielbewußten Unterrichtsverwaltung wäre es, diesen beklagenswerthen Erscheinungen der Zeit mit aller Entschiedenheit entgegen zu wirken. Gewissenhafte Lehrer haben die Pflicht, auf die Schuljugend einzuwirken, daß Letztere vor Verrohung gewahrt bleiben. Die Schule hat nicht nur die Verstandeskraft ihrer Zöglinge zu schärfen, ihnen nicht nur einen Vorrath an Wissen beizubringen, sie soll auch die Herzen heranbilden und die Ideale der Menschlichkeit pflegen. Erfüllt sie die letztere Aufgabe nicht, dann hat sie ihren Zweck verfehlt, dann schade um jeden Steuerkreuzer, den sie kostet."