Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1897)
- Article
- X. Berlin
- Date
- 1897-07-01
- Page
- 394 (sequence 2)
- Language
- German
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894 3m deutschen Reich. in X," als einen „Heißsporn der Orthodoxie", als „eine Stütze der antisemitischen Bewegung" oder als „ein Hauptschreier der Agrarier" hingestellt, mag er auch ein noch so zurückgezogenes und unbeachtetes Dasein geführt haben. Zu kontroliren sind derartige Nachrichten fall niemals, aber der gewünschte „Effekt" wird erreicht, und die Leser, die bei den zahllosen erlogenen Nachrichten solcher Blätter überhaupt kaum noch Wahres von Falschem unterscheiden können, blicken schaudernd in den Abgrund des Verbrechens, in den so viele Konservative, Antisemiten, Geistliche und Agrarier gesunken sind, und wissen nicht genug die frommen Hebräer zu rühmen, bei denen „so etwas" ja nie vorkommt; wenigstens bringt „ihr" Blatt doch nie derartiges. Die „Spitzmarke" für derartige Notizen lautet fast immer: „Wieder einer!" und genügt.schon vollkommen, die Leser in sittliche Entrüstung zu versetzen. Und dabei haben diese guten Leute keine Ahnung davon, wieviel „interessanter" Lesestoff ihnen dadurch entzogen wird, daß derartige Geschichten, die von den jüdischen Mitbürgern handeln, von ihren Blättern unterdrückt werden, und sie können es sich garnicht denken, daß sich hinter den zahllosen S. F., A. T. u. dergl. anmuthige Namen,, wie Sally Feilchenfeld, Aron Teitelbaum u. s. w. bescheiden verbergen. Es geht eben nichts über „liberale" Duldsamkeit und Unparteilichkeit!" — In der Schule nannten wir das lächerliche Gebühren, die eigenen Fehler und Schwächen einem Andern zum Vorwurf zu machen, eine „Retourkutsche!" Die Spitzmarke „Wieder einer" findet man bekanntlich am häufigsten in den Blättern, welche der „Kreuzzeitung" am nächsten stehen. Der Hohn auf „Teitelbaum" wird leider andere „— baums" nicht verhindern, in dem Blatte zu annonciren, das dem Gelde der israelitischen Inserenten gegenüber an dem Satze: „Non ölet!" festhält. B. L. Berlin. Der Vorfall in dem Postamt 16, über welchen in der „Staatsbürger Ztg." vom 30. Juni unter der Spitzmarke „Gerechte Strafe" berichtet wurde, wird sicher ein Nachspiel haben, falls der betreffende Hausdiener sich wirklich an einem „Judenjüngelchen" vergriffen haben sollte. Dazu wird aber wohl der Gemißhandelte erst nachträglich in der antisemitischen Redaktion umgewandelt worden sein, denn ein Jude hätte sich seiner Haut gewehrt oder, die Persönlichkeit des handgreiflichen Hausdieners sofort feststellen lassen. Daß selbst starke Menschen bei solchen Thätlichkeiten ernstlich zu Schaden kommen können, hat sich bei der Verhandlung Rosetri contra Schönberg gezeigt, in welcher der als Zeuge vernommene Schutzmann aussagte, s o habe er noch nie einen Juden schlagen sehen!