Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1897)
- Article
- Rheydt
- Date
- 1897-05-01
- Page
- 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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274 Im deutschen Reich. anzuzweiseln sein. Das letzte Wort in dieser Sache ist hoffentlich noch nicht gesprochen. X Hamburg, 12. Mai. Ueber die gestern Abend hier in Tütges Saal abgehaltene Versammlung berichtet die „Neue Hamburger Zeitung": „Der Saal war nur wenig über die Hälfte gefüllt und zeigte viele leere Plätze. Als Anzugskraft war der antisemitische Agitator Graf Reventlow aus Kiel herangeholt worden, der seine Meinung über die „Fehler von Oben und Unten" zum Besten gab. Die Versammlung wurde mit einem Hoch aus den Kaiser eröffnet und dann ließ der Graf Reventlow seine Rede vom Stapel, worin er die nachbismarckische Negierung heftig angriff, aber deutlich auf die Person des Kaisers zielte. Dann ging der Redner auf eine Kritik der nicht antisemitischen Parteien im Reichstage über, die er ausnahmslos der Verlogenheit zieh. Nur bei der Partei der Stöcker, Ahlwardt und Gen. sei Wahrheit! Nun ist aber dieser Rechtsanwalt Graf Reventlow derselbe antisemitische Agitator, der im vorigen Frühjahr in Kiel in einer öffentlichen Versammlung äußerte, ein jüdischer Kaufmann Jacobsohn habe jene taktlose Annonce veröffentlicht, worin das Wort „Es ist vollbracht" zu unwürdigen Reklamezwecken benutzt wurde. Als der hochgeborene Herr Graf dies verkündete, war bereits durch die Zeitungen bekannt, daß der Annoncirende nach Konfession und Abstammung unzweifelhaft christlich-germanisch war und Jacob s e n hieß. Ebenso mußte Graf Reventlow damals schon wissen, daß dieser Christ wegen groben Unfugs in Kiel zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt war. Der Graf, der trotzdem die Geschichte zu antisemitischen Agitationszwecken auszubeuten suchte, wurde darauf von jüdischer Seite durcheineneingeschriebenen Briefersucht,seinen antisemitischen Ausfall zurückzunehmen und der Wahrheit die Ehre zu geben. Das hat aber Graf Reventlow bis heute noch nicht gethan. Trotzdem erklärte dieser Agitator gestern alles, was nicht antisemitisch ist, für verlogen. Außerdem war er so freundlich, den Liberalismus für den ,, größten Blödsinn" zu erklären, „der jemals erfunden worden" sei. Zur Erheiterung der Anwesenden malte der Redner auch die Möglichkeit eines Seekrieges zwischen Deutschland und — Japan an die Wand, um zu zeigen, daß die deutsche Kriegsflotte zu klein sein. Aehnlich ging es weiter fort. Ob seine Agitation der hiesigen antisemitischen Bewegung viel nützen wird, muß sich erst zeigen. Zum Schluß forderte der Vorsitzende noch zum Bezug seines antisemitischen Blättchens auf. Unter dem Gesänge „Deutschland, Deutschland über alles" löste sich die Versammlung um llV2 Uhr auf".