Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1897)
- Article
- Nordhausen
- Date
- 1897-02-01
- Page
- 100 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316627--02123-2320035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
100 Im deutschen Reich. Sinne deS Wortes blamables Fiasko hat der Versuch der Antisemiten, Ellrich zu erobern, gemacht. Zu der dort am 7. d. M. abgehaltenen Versammlung waren im Ganzen 10 Personen erschienen. Davon waren 3 Nordhäuser, 2 anerkannte Freisinnige und Las Gros resp. die Führer der hiesigen Antisemiten, Stellmachermeister Semper und Fuhrmann Wiegand." O Breslau, 1. Februar. Unter der Ueberschrift „Handelspraktiken" ließ sich die agrarisch-antisemitische „Deutsche Tageszeitung" aus Breslau am 1. v. Mts. Folgendes berichten: „Während der jüdische Aufkäufer für den Großgrundbesitzer, bei dem er das Getreide nach 100 Kilogramm zu bezahlen hat, nur selten in Kauflaune ist, nimmt er dem Bauern dasselbe Getreide glatt ab, kauft aber nicht nach Kilogramm, sondern nach dem alten „Sack" und bietet dem Bauern für den Sack — 85 Kilogr. Roggen oder Weizen nicht mehr als den Preis, den er für 75 Kilogr. dem Großgrundbesitzer zu zahlen hätte. Er hat also bei dieser Einkaufsweise bei fünf Sack stets 50 Kilogramm Uebergewicht und kauft daher bei dem Bauern, welcher sich in dem Getriebe des Marktes seinen Preis für 85 Kilogr. nicht so rasch zurecht legen kann, bedeutend billiger ein, als beim Großgrundbesitzer, den er nur aufsucht, wenn er muß, und an dem er nichts verdienen kann. Es wäre an der Zeit, wenn die Rustical-Vereine dieser Verkaufsweise energisch entgegenträten und ihre Mitglieder verpflichteten, nur noch 50 oder 100 Kilogr. zu sacken und danach den Preis am Markte zu berechnen." — Diese offenbar zu tendenziösen Zwecken gemachte Darstellung hat hier allgemeine Verwunderung erregt, da sie in keiner Weise den wirklichen Verhältnissen entspricht. Die hiesigen jüdischen Getreidehändler kaufen thatsächlich weit seltener von den kleinen Landwirthen als von den Großgrundbesitzern, weil bei den Dominialsachen das Getreide durch bessere Maschinen gereinigt ist und weil größere Massen im Ganzen weiter begeben werden können, ohne erst auf Lager genommen zu werden. Die von sehr geringer Sachkenntniß zeugende Notiz der „Deutschen Tageszeitung" ist offenbar einerseits darauf berechnet, den Haß gegen die jüdischen Aufkäufer zu schüren, andererseits die Konkurrenz der kleinen Landwirthe völlig aus dem Felde zu schlagen. Auch hiesige angesehene, ch r i st l i ch e Getreidehändler bezeichnen die Behauptungen des Breslauer Korrespondenten des agrarisch-antisemitischen Blattes als aus der Luft gegriffen. Die Notiz enthält außer einem unqualifizirbaren Angriff gegen den jüdischen Kaufmann auch eine Beleidigung des schlesischen Bauern st andes. Wenn ein Bauer heut zu Tage Ge-