Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 9 (September 1896)
- Article
- Ilse und Else
- Date
- 1896-09-01
- Page
- 431 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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431 Ilse und Else. Sem einem Mitglied« unseres Vereins ist nachstehender Vorfall zu unserer Kenntniß gebracht worden: Meine Nichte besucht seit einigen Jahren eine hiesige höhere Töchterschule; innerhalb dieser Zeit befreundete sie sich auf's Innigste mit einer Schulkollegin Ilse., der Tochter eines höheren Beamten. Die gleichaltrigen Mädchen besuchten sich oft und wurden stets auf das Liebenswürdigste von den beiderseitigen Eltern empfangen. Seit einigen Monaten hörte aber dieser Verkehr plötzlich auf, trotzdem die Mädchen sich wie Schwestern liebten. Sie korrespondirten aber noch während der Sommerfrische und dabei brachte ein im Juli d. I. von Ilse.nach Warmbrunn gerichteter Brief die Lösung des Räthsels. Das Schreiben, welches nicht nur die Empfängerin schmerzlichst berührte, sondern auch deren Familie tief ergriff, hatte folgenden Wortlaut: Meine liebe, liebe Else! Ja, wenn Du diesen Brief gelesen haben wirst, wirst Du nicht lachen, nicht fröhlich sein, sondern bittere Thränen, bittere Thränen weinen. Ja, Else, dies ist der schwerste Brief, den ich bisher geschrieben habe, und auch schreiben werde, ich will nicht, und ich soll, ich kann nicht, ich muß. Ja, ich kann es nicht länger vor Dir verschweigen, ich muß es sagen. Mit einem Worte — meine Eltern wollen nicht, daß ich mit Dir verkehre; warum nicht? Weil Du eine andere Religion hast. Begreifst Du das? O, Else, hätten wir uns nie kennen gelernt, hätten wir uns nie gesehen. Ich sage Dir, ich habe furchtbare Auftritte mit meinen Ellern gehabt; ich habe gezittert, getobt, geweint. Was hat's geholfen? Nichts, nichts. Else, kannst Du mir verzeihen, kannst Tu mir vergeben? Nein, Du wirst es nicht können, nicht thun. Du wirst es der ganzen Klasse erzählen, sie werden mich alle verachten, einsam und verlasien, gehaßt und gemieden werde ich fortan sein. Und das verdanke ich meinen Eltern. O, könnten wir nicht wenigstens in der Schule 29*