Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1896)
- Article
- Deutschland, Deutschland über Alles! [Rezension]
- Date
- 1896-05-01
- Page
- 291 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau. 291 Niemand, daß wir mit diesem Bilde irgend einen despektirlichen Sinn verbinden. Bewahre Gott! Man ist nur einmal jung, und wohl dem, der in den Jahren der „Trunkenheit ohne Wein" in einem schwarz-roth-goldenen Band oder sonst einem grellbunten Symbol den Freibrief besaß für ein reiches, vollgerütteltes Maß von holder Narrheit und phantastischem „Idealismus". Unsere Zeit hat es mit Allem eiliger, als frühere Epochen. Schiller kennzeichnet die studentische Schnellfertigkeit der Jenenser gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts mit den Worten: „Was sie gestern gelernt, das wollen' sie heute schon lehren". Von einem Theil unserer jetzigen lin de sieele-Akademiker müßte es heißen: Was sie heute noch nicht gelernt, das wollen sie morgen allem Volk vorpredigen. Die Hauptsache ist, resolut sein. Viel Wissen macht ja Kopfweh. Und so macht man sich daran, die gesammten gesellschaftlichen und staatlichen Zustände mittelst eines „echten Sozialismus" und „praktisch geübten Christenthums" auf's Gründlichste reformiren zu wollen, ohne von der Wirklichkeit dieser Zustände, von den millionenfach verflochtenen historischen Bedingungen .ihrer Existenz irgend eine Kenntniß, ja nur die leiseste Ahnung zu haben. Reden kann man deswegen doch. Das ist ja die herrlichste Errungenschaft des modernen Fortschritts, daß wir mit Gedanken glänzen können, die — wenigstens in den Augen eines passend gewählten Publikums — alle Weisheit des Plato und Aristoteles in Schatten stellen. Und dies, ohne ein einziges Buch geöffnet und ohne die geringste Lebenserfahrung gesammelt zu haben." Am Schluffe der Besprechung verweist die „Nordd. Allg. Ztg." auf Goethe, der von seinem studentisch-abstrakten Lernen in „Dichtung und Wahrheit" urtheilt: „Meine Bekanntschaft mit den Dingen war doch immer nur schul- und buchmäßig. Wenn ich mich fragte, was ich nun wirklich wisse, so überzeugte ich mich nur allzu lebhaft, daß erst eine, große Fülle von Gegenständen vor uns liegen müsse, ehe man darüber denken könne, daß man erst selbst etwas leisten, ja, daß man fehlen müsse, um seine eigenen Fähigkeiten und die der Anderen kennen zu lernen." Für die Rubrik: „Bücherschau" bitten wir die Herren Verleger um Einsendung von Schriften, die sich zur Besprechung in der Zeitschrift ,,Jm deutschen Reich" eignen. Die Redaktion.