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Im deutschen Reich · 1896-01-01 · Heft 1 (Januar 1896) · p. 9

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 1 (Januar 1896)
Article
Wissenschaftlicher Antisemitismus
Date
1896-01-01
Page
9 (sequence 9)
Language
German
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wissenschaftlicher Antisemitismus. 9 Stimmung der Regierung hält sie von den meisten öffentlichen Aemtern fern. Daß daher bei dem verhältnißmäßig größeren Prozentsatz, den die Juden zum Kaufmannsstand liefern, eine größere Anzahl von kommerziellen Vergehen den Bekennern des jüdischen Glaubens zufällt, ist natürlich. Aber selbst auf diesem Gebiete überschreitet sie relativ in keiner Weise und durchaus nicht die Uebertretungen der Anhänger anderer Glaubensbekenntnisse; vielmehr ist das Gegentheil der Fall. Und nun bitte ich den Herrn Professor, sich doch gelegentlich die Gerichtsnotizen in den verschiedenen Zeitungen anzusehen. Er wird unter jenen Verbrechern, die die Menschheit entehren, unter jenen täglich vorkommenden thierischen Ausschreitungen, die uns an der Gottähnlichkeit unserer Art zweifeln lassen, nur selten bcu Namen eines Juden finden. Nirgends auch, wie es selbst ihre Feinde zugestehen, ist das eheliche Leben so innig und so rein, wie bei den Juden. Die hingebende Liebe und Sorge der Männer für ihre Frauen, die bereitwilligste Opserfreudigkeit der Eltern für die Erziehung und das Wohl ihrer Kinder, die Pietät letzterer — die Grundpfeiler aller Staaten und alles Lebens stehen nirgends so fest wie in Israels Häusern. Wie kann man ferner Mangel an Sclbstkontrole und Gewissen einem Volke vorwerfen, das wie kein anderes sein Alles eingesetzt hat für seinen Gott, der seine Ehre war, in dessen Dienste es leiden und dulden mußte beinahe vom Anfang seiner Berufung an bis auf den heutigen Tag? Und wenn der Verfasser in seinen Betrachtungen über Ehre und Ehrliebe die jüdische Nation als diejenige bezeichnet, die ihre Volksehre eingebüßt hat, so hätte es ihm, wenn ihn seine Voreingenommenheit nicht verblendet hätte, auffallen müssen, daß unter dem Schlamin der Bevölkerung, von dem er bei dieser Gelegenheit spricht, unter jenen Gaunern und Prostituirten sich gerade wieder die Juden nicht befinden. Wenn nicht Moral, wenn nicht Religion den Kindern Israel gleichsam mit der Muttermilch eingeflößt worden wären, wie hätten sie sich im Schmutz des Ghettos rein und unbefleckt erhalten können? Wie hätten sie, als sie wieder die Luft der Freiheit athmen konnten, sofort mit Enthusiasmus theilnehmen können an jenen sittlichen Bestrebungen und Bewegungen, von denen sie seitdem nie fern geblieben?

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