Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Genthin
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 311 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Korrespondenzen. 311 gemeine WohlLhätigkeit in's Leben gerufen wird. Schließlich stellte es sich heraus, daß der Inhaber des betreffenden Berliner Manufakturgeschäfts ein Christ und sogar Vorstandsmitglied der französischen Kirchengemeinde ist. Wer geschäftlich nicht hinreichend leistungsfähig ist, pflegt jetzt jeden unbequemen Konkurrenten zum Juden zu machen! Wird das Gegmtheil bewiesen, dann ist der erfolgreichere Wettbewerber „ein weißer Jude", oder doch wenigstens sein Vorgehen „jüdisch"! 8 Kottbus, 15. Dezember. Zahlreichen antisemitischen Blättern ist von hier aus berichtet worden, der jüdische Kantor und Lehrer Max Levi sei entflohen, nachdem er zuvor die Synagogenkasse, deren Verwaltung ihm seit dem Tode des Rabbiners obgelegen, um eine beträchtliche Summe erleichtert und sich außerdem noch etwa 4000 Mk. von hiesigen Geschäftsleuten geliehen habe. An seine Frau habe er von unterwegs die Nachricht gelangen lassen, daß er nicht wieder nach Kottbus zurückkehren werde. Thatsache ist nur, daß der hiesige Kantor flüchtig geworden ist; die Gemeindekasse hat er aber nicht geschädigt, da weder er noch ein anderer Beamter diese Kasse je verwaltet hat. Die sich keineswegs auf 4000 Mk. belaufenden Schulden Levi's sollen, dem Vernehmen nach, durch seine Verwandten gedeckt werden, übrigens auch keineswegs den Anlaß zu seiner Flucht gegeben haben. Breslau, 15. Dezember. Vor dem Schwurgericht fand am 12. d. M. die Verhandlung gegen die des Kindesmordes angeklagre Tochter des Stadtverordneten und Direktors der Gogoliner Kalk-Aktiengesellschaft, statt. Die Geschworenen sprachen die Angeklagte Gertrud Wagner frei. X Kattowitz, 20. Dezember. Der „Germania" wurde aus Breslau geschrieben: „In der oberschlesischen Stadt Kattowitz wird es immer schöner. Die Stadt zählt 16 000 Katholiken, 4000 Protestanten und 1600 Juden. In der Stadtverordneten-Versammlung sitzen 13 Juden, 10 Evangelische und 7 Katholiken. Als bei den letzten Stadtverordnetenwahlen die Katholiken einen der ihrigen durchzubringen suchten, machte die Hüttenpartei mobil, zwang die katholischen Arbeiter für den jüdischen Kandidaten zu stimmen und ließ den Katholiken andeuten, daß man die anderen Katholiken auch noch „herausbringen" werde, falls sie nicht bescheidener auftreten würden." — Dieser Bericht ist unzutreffend. In der allgemeinen Wählerversammlung für die Ersatzwahlen am 27. und 28. November wurden sämmtliche ausgelooste Stadtverordneten zur Wiederwahl empfohlen. Alles verlief glatt, bis der sonst so friedliebende Stadtpfarrer Erzpriester Schmidt erklärte, er empfehle der dritten Abtheilung, der nur wenige Juden angehören, statt des jüdischen Klempnermeisters Heinrich Kleemann, dessen Tüchtigkeit und Würdigkeit er übrigens anerkenne, den katholischen Kandidaten, Hausbesitzer Paul Herrmann. Hier- 22