Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Heidelberg
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 270 (sequence 2)
- Language
- German
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270 Im deutschen Reich. Erbitterung fortgesetzt. Auf den scharfen Angriff des Heidelberger Antisemitenorgans entgegnet der Landpost-Redakteur, Herr Röder, in einem mit Namensunterschrift versehenen Artikel. Er weist darin die Behauptung zurück, daß die Israeliten für ihn agitirt hätten, er habe sogar gerade in seiner Eppinger Kandidatenrede seinen „antisemitischen Standpunkt viel schärfer betont", als eS sonst seine Gewohnheit sei. Herr Röder bekennt sich also ausdrücklich als Antisemit, trotzdem entschlüpft ihm die interessante Bemerkung: „Da nachgerade jeder Lump in Antisemitismus macht, so ist esfür einen konservativen Mann ein Gebot der Vornehmheit, in diesem Punkte vorsichtig zu sein." Jever, 17. November. Vor Jahren wurde nächtlicherweise die unsere Synagoge umgebende Mauer theilweise eingerissen. Es war nicht möglich, die Thäter zu ermitteln, auch das Aussetzen einer Geldprämie für die Ermittelung blieb erfolglos. Nachdem die That längst der Vergessenheit anheimgefallen war, traf jetzt bei dem hiesigen jüdischen Lehrer ein Brief ein, in welchem sich ein Geistlicher anklagt, einft die That als Student verübt zu haben. Auch seine Mitschuldigen giebt der Geistliche an, wovon einer bereits verstorben ist und der andere in Südamerika lebt, und bittet schließlich um Verzeihung. Wenn die Reue auch etwas spät sich eingestellt hat, so ist doch der Mannesmuth, mit welchem der Pfarrer sein einstiges Unrecht wieder gut zu machen sucht, anzuerkennen. 8 Prachatitz i. Böhmen, 12. November. Von der in Berlin erscheinenden antisemitischen „Staatsbürger-Ztg." ist in Nr. 521 vom 6. d. M. unter der Ueberschrift „Jüdische Frechheit" berichtet worden, daß der hiesige Distriktsarzt Dr. Grünfeld den seit Jahren hier ansässigen älteren Arzt Dr. Kästner im Weinhause überfallen und dem Ahnungslosen zwei Schlüge in's Gesicht versetzt habe, was in Prachatitz die Mißstimmung gegen jüdischen Zuzug vermehre. Die Sache verhält sich aber ganz anders: Aergerlich über die Schmälerung seiner Praxis durch den seit ’>\'i Jahren als Distriktsarzt angestellten jüdischen Kollegen, erging sich Dr. E. Kästner im öffentlichen Lokal über denselben in beschimpfenden Redensarten, welche Dr. Grünfeld derart zur Wuth reizten, daß er seinem Gegner kurzweg zwei Schläge in's Gesicht versetzte. Das von der „Staatsbürger-Zeitung" angedcutete Nachspiel vor Gericht bestand darin, daß, weil beide Parteien schuldig, Klage und Gegenklage zurückgezogen wurden und ein Ausgleich zu Stande kann Da §err Dr. Kästner in Prachatitz sich kaum jemals wieder über seinen Kollegen beschimpfend äußern dürfte, hat wahrscheinlich einer seiner guten Freunde als Heilpflästerchen die Notiz in das Berliner Antisemirenblatt lancirt. Kaaden i. Böhmen, 20. November. Der von zahlreichen deutschen Antisemitenblättern unter der Spitzmarke „Es giebt keine jüdischen