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Im deutschen Reich · 1895-09-01 · Heft 3 (September 1895) · p. 141

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 3 (September 1895)
Article
Heilbronn
Date
1895-09-01
Page
141 (sequence 2)
Language
German
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Korrespondenzen. 141 die Juden von allen ehrlichen Beschäftigungen aus. „Ja," wird man mir vielleicht einwenden, „diese unsinnigen Gesetze find längst gefallen: Ihr Juden schachert ruhig weiter." Diese Ansicht ist nicht richtig. Ueberall finden Sie tüchtige jüdische Industrielle, die Dutzende, ja Hunderte von Arbeitern beschäftigen und anständig bezahlen. Und überall finden Sie gesuchte jüdische Aerzte. Ein tüchtiger Fabrikant, ein tüchtiger Arzt — das sind doch wohl nicht minder nützliche Glieder der Gesellschaft als irgend ein Bauer, ein Handwerker oder Lohnarbeiter. Der Uebergang der Juden zu den produktiven Elementen hat begonnen. Aber die Sache geht langsam. Es sind erst wenige Jahrzehnte, daß wir Juden gleichberechtigt sind. Vierzig, fünfzig Jahre sind eine lange Zeit für einen Einzelnen — im Leben eines Volkes bilden sie aber nur eine kurze Spanne. Sie haben gewiß schon von dem großen Elend gelesen, in welchem die Handweber in Schlesien leben. Die preußische Regierung giebt sich vergeblich Mühe, die Leute zu veranlassen, ihre Kinder einem andern Beruf zu widmen. Die Alten lassen eben ihre Buben am liebsten das lernen, was sie selbst treiben, damit sie bald Hülfe haben und ebenso ist es bei vielen Juden. Wenn die Antisemiten sich damit begnügen würden, gegen jene Juden zu Feld zu ziehen, welche nur von der Ausbeuturg ihrer Nebenmenschen leben, so hätte Niemand Etwas dagegen. Aber diese Herren führen einen Vernicktungskampf gegen Gerechte und Ungerechte. "Nicht nur, daß die antisemitischen Blätter auch die Juden verfolgen, die selbst harte Arbeit verrichten, sie machen die Juden auch für jedes Verbrechen, für jeden Unglücksfall verantwortlich, ja selbst für Krankheiten, wie bei der letzten Cholera in Hamburg. Da drängt sich die Frage auf, was wollen diese Herren denn schließlich mit uns Juden anfangen? Auch hieraus sind schon Antworten vorhanden. Der Eine möchte sie von den Wilden in Afrika todtschlagen, der Andere durch das Meer verschlingen lassen. Man sieht, die heutigen Antisemiten sind die würdigen Nachfolger jener mittelalterlichen Unmenschen, die die Juden zu Tausenden unter den ungeheuerlichsten Beschuldigungen hinschlachteten. Redner schloß seinen' mit vielen Beispielen belegten Vortrag unter lebhaftem Bravo und Händeklatschen mit den Worten: „Kampf gegen alle Ausbeuter, jüdische und christliche, aber Achtung vor allen nützlichen Gliedern der Gesellschaft, einerlei, ob Jude oder Christ!" Nachdem Herr Wilh. Schäffler dargelegt, was die Sozialdemokratie will, wurde mit großer Mehrheit eine Resolution angenommen, in der betont wurde, daß der wirthschaftliche Niedergang eine Folge der großkapitalistischen Produktion sei, die keine Rücksicht nimmt auf Rasse und Religion. Im Schlußwort führte Herr Gerichtsrath Kittler die eigentliche Triebfeder der antisemitischen Bewegung auf Geschäftsneid zurück.

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