Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Prag
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 93 (sequence 2)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 93 auf die Förderung der Verwaltungs-, Bildungs- und Wohlthätigkeitsangelegenheiten der israelitischen Kultusgemeinden beschränken will. Der Vorsitzende schloß die Versammlung mit einem begeistert aufgenommenen dreifachen Hoch auf den Kaiser Franz Joseph, welcher alle seine Unter- Lhanen mit gleicher Liebe, umfasse und unter dessen kräftigem Schutze die Juden der Zukunft getrost entgegensetzen können. — Große Ueberraschung bereitete hier der Rücktritt des Schloßherrn von Rosenau, Georg Schönerer, von der antisemitischen Bewegung, für welche er einst so. leidenschaftlich eintrat, daß er dabei seinen Adel verlor und gezwungen wurde, auf alle öffentlichen Aemter zu verzichten. In einem von der Zeitschrift „Unverf. deutsche Worte" veröffentlichten Schreiben erklärte Schönerer am 15. Juni: „Ich kann mich nicht freundlich zu jenen Parteigruppen stellen, die derzeit unter der Leitung Pr. Lueger' s stehen, da diese Antiliberalen im Volksblatt - V e r g a n i eine „Verkörperung m o d e r n e r K o r r u p 1 i o n" als ihre journalistische Vertretung besitzen. Die bisher unter meiner Führung gewesene Partei stand achtunggebietend vor aller Welt da und ist diese Partei nur durch Untreue, Abfall, Wortbruch und Verrath im eigenen Lager dem Untergange geweiht worden. Meine wenigen Getreuen sind gewiß, so will ich hoffen, mit mir einverstanden, wenn ich zum Abschiede sage: „Besser ist's, um unsere nationalen Ideale ringend, zu erliegen, als in dumpfer Ergebung unter das Gemeine dahin zu wandeln!" b (Äraz, 22. Juni. Auch die steirische Hauptstadt ist von der antisemitischen Hochfluth nicht unberührt geblieben. Die Stadtvertretung hatte versucht, ein Schächtverbot zu erlassen; letzteres wurde aber sofort von der Statthalterei ausgehoben und dann der Rekurs der Stadtvertretung an das Ministerium abschläglich beschieden. In der Stimmung in den Kreisen der städtischen Behörden dürste aber eine Wendung zum Bessern eingetreten sein, seit Kaiser Franz Joseph hier Gelegenheit nahm, seine Stellung zum Antisemitismus in nicht missverstehender Weise zu kennzeichnen. Als der Kaiser anläßlich der Einweihung des neuen Universitätsgebäudes in der steirischen Hauptstadt verweilte, beehrte er aud) das Rath- und neuerbaute jüdische Gotteshaus mit seinem Besuche. Der antisemitische Gemeinderath in Wien war eben aufgelöst und ein Regierungskommissäc nnt der Leitung der Geschäfte betraut worden. Mit Beziehung darauf, sprach der Kaiser 31ml Grazer Bürgermeister Pr. Portugal: „ I n Wien herrschen leider s e h r 1 r a u r i g e B e r h ä l t n i s s e; ich hoffe, S i e tu erden sich hi e r k e i n B e i s p i e l d a r a n n c i) m e n. " Worauf der Bürgerineister in höchster Bestürzung erwiderte: „Ganz gewiß nicht, Euer Majestät!" Dieser Vorfall veranlasse mich, als ich von einem deutschen Vereine uni einen Beitrag zu einer Festzeitung zu Gunsten deutscher Institute aufgefordert wurde, Nachstehendes zu schreiben: 7*