Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Erziehung zur produktiven Arbeit
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 66 (sequence 9)
- Language
- German
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66 deutschen Reich. ist, manches Vorurtheil auf positive Weise zu widerlegen, hätte eigentlich sofort bei allen deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens Anerkennung und Unterstützung finden müssen. Leider war dies Anfangs nicht der Fall, trotzdem in der Ahlemer Anstalt die Knaben zu körperlich und geistig kräftigen, sittlichen und religiösen, seßhaften und erwerbsfähigen Menschen ausgebildet werden, welche Diejenigen Lügen strafen werden, die den Juden Entnervtheit und Trägheit zur Last legen, und trotzdem zu hoffen ist, daß aus Ahlem künftig tüchtige Lehrer und Leute für weitere jüdische Ackerbauschulen und Ackerbaukolonien hervorgehen werden. Der Begründer der Anstalt hat sich von Anfang an nicht verhehlt, daß ein Einzelner bei dem besten Willen nicht im Stande sein werde, das große Werk hinreichend zu fördern, welches, um aus die Höhe seiner Aufgabe zu gelangen, nicht nur den finanziellen Beistand anderer hochgesinnter Männer, sondern auch deren thätige Mitwirkung in der Anstaltsverwaltung dringend erheischt. Es ist eine eigenthümliche Erfahrung, welche auch bei andern edlen Bestrebungen leider gemacht wird, daß bei Wohlthätigkeitseinrichtungen, die aus einfache Almosen hinauslaufen, sich unter den Juden stets offene Herzen und willige Hände finden, daß selbst für den Wanderbettel, welcher freche Müßiggänger noch arbeitsscheuer macht, noch immer Unsummen vergeudet werden, daß aber für praktische Versuche zur Sicherung und Hebung der Stellung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, für die gemeinnützigsten Bestrebungen, welche jedem einzelnen deutschen Juden zu Gute kommen, nicht überall volles Verständniß und die nöthige Opferwilligkeit vorhanden ist. Der kürzlich erlassene Aufruf zur Unterstützung der Ahlemer Erziehungsanstalt sollte nicht ungehört verhallen, denn die für das Erziehungswesen gebrachten Opfer werden sich stets als lohnendere erweisen, als viele andere für milde Zwecke dargebrachte Spenden. Mit den Gaben allein darf es aber nicht abgethan sein. Die mit einem Kapital von 220 000 Mark begründete Rohr'sche Stiftung „zur Verbreitung des Handwerks, der technischen Gewerbe, des Ackerbaues und der Gartenkultur unter den Juden der Gemeinde Jarotschin und Posen", welche unseres Wissens bisher nur einen Zögling der Ahlemer Anstalt zugesührt hat, wird hoffentlich in Zukunft, die Gelegenheit, jüdische Knaben in landwirthschaftlichen Betrieben unterzubringen, in denen eine religiöse Lebens-