Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 1 (Juli 1895)
- Article
- Judenhaß und Umsturz
- Date
- 1895-07-01
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 3m deutschen Reich. dänischen, wendischen, polnischen und litthauischen Mitbürger zu Staatsbürgern zweiter Klasse herabwürdigen. Verfolgt man die Juden gar wegen ihrer politischen Ansichten, so ist schließlich kein Deutscher mehr sicher, sich ungestört zu irgend einer politischen Anschauung bekennen zu dürfen. Noch eine andere große Gefahr liegt im Judenhaß verborgen, und auch diese hat viel Gemeinsames mit den Umsturzbestrebungen: Wir wollen es kurz und ohne Schonung ausdrücken: Der Antisemitismus entfeffelt die Bestie im Menschen. Die ganze menschliche Kultur, so alt und gefestigt sie auch zu sein scheint, ist bis heute doch nur ein dünner Lack, der nothdürftig die menschlichen Mängel und die unlauteren Triebe und Leidenschaften der menschlichen Natur verhüllt. Dieser schwache Ueberzug läßt den aufmerksamen Beobachter auch in ruhigen Zeiten durch seine Nisse und Sprünge das Thierische im Menschen erkennen. Aber wenn die Menschenseele nicht leidenschaftlich erregt ist, so genügt gemeiniglich diese dünne Schutzschicht der Kultur, um den unlauteren Kern des Herzens zurückzudrängen und um ihn zu verhindern, sich nach außen hin zerstörend und verwüstend bemerklich zu machen. Anders in Zeiten der Leidenschaft. Da kocht und tobt es im Innern des Menschenherzens; die Form kann den Inhalt nicht .länger fasten; sie zerbricht, die schwache Kulturschicht fällt in Stücke, und die Bestie im Menschen hat gesiegt. Noch weit schlimmer und gefährlicher wütbet die menschliche Leidenschaft gegen die (Grundlagen der Kultur, wenn viele einzelne Leidenschaften sich zu einem großen Ganzen vereinigen, wenn der Pöbel fanatisirt wird und sich zusammenrottet zu wahnsinniger Zerstörung. Dann tritt gleichsam eine Maffenerkrankung der menschlichen Seelen ein, und diese ist es, die am meisten zu fürchten ist. Zu diesem Endziele treibt der Umsturz, und zu demselben Endziele treibt der Antisemitismus. Man erlebt es oft, daß irgend Jemand die schlechten Triebe der menschlichen Natur duldet oder gar erweckt, um seine eigenen unlauteren Absichten durchzuführen. Er giebt .sich dabei meistens dem thörichten Wahne hin. es sei ihm ein Leichtes, die erweckten Leidenschaften nach Belieben lenken und leiten zu können, wie es