Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 1 (Juli 1895)
- Article
- Unsre Stellung
- Date
- 1895-07-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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8 Im deutschen Reich. snoehörten, daß auch unter ihnen die Vertreter der verschiedensten politischen Ansichten zu finden waren. Die Judenfrage ist keine Parteifrage, sondern eine Rechtsfrage. Jeder Bürger, der seine moralischen und materiellen Pflichten im Staate erfüllt, muß auch den Schutz der Gesetze genießen und muß die gleichen Anrechte auf die Wohlthaten des Staates haben. Ein Bürger, der seine Pflichten verletzt, wird vom Staatsgesetze zur Rechenschaft gezogen. Dieser Grundsatz gilt für Alle. Jeder Versuch, diese Grundlage der Rechtsgleichheit zu erschüttern oder zu verletzen, ist ein Verrath an der Verfassung des deutschen Reiches. Die Verfassung aber hat nur dem Ausdruck gegeben, was dem Geiste des Jahrhunderts, der Höhe unserer Bildung entspricht. Der Antisemitismus aber und seine Anhänger begehen diesen Verrath täglich; sie haben es zu Wege gebracht, das bürgerliche Pflichtgefühl vieler deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu beunruhigen, und das ist das verhängnißvollste Ergebniß ihrer Agitation, der beklagenswertheste Erfolg dieser traurigen Bewegung. Wir dürfen uns die Freude an unserm deutschen Vaterlande durch den brutalen Gegner nicht verkümmern lassen; wir dürfen uns das Glück, das uns durch den Antheil an der nationalen Bildung eines großen Volkes geworden, nicht zerstören lassen. Unbekümmert um Angriffe und Verhetzungen wollen wir in unserer Theilnahme an allem, was dem Vaterlande frommen kann, fortfahren; unbeirrt von tausendmal wiederholten Lügen, wollen wir weiter daran arbeiten, die Schmähungen abzuwehren, die Verleumdungen abzuweisen, die Wahrheit zu beleuchten, und all unser Handeln so zu richten, als gelte es den Wettbewerb um den Ehrenkranz für den besten Bürger des Vaterlandes. Das ist der Weg zum Ziele. Frohlocken würden die Gegner, wenn sie mit Wahrheit behaupten könnten, daß unsre Liebe zum Vaterlande geringer sei, als die anderer Bürger. Verharren wir mit gleichem Erfolge wie bisher in der aufrichtigen Theilnahme an allem, was unser Vaterland bewegt, dann werden die Schatten schwinden, die Drohungen werden verstummen, die ungerechten Forderungen ungehört verhallen und der Buchstabe des Gesetzes, der allen Staatsbürgern gleiche Rechte gewährt, belebt werden durch den Geist der Gerechtigkeit und Menschenliebe. L. Victor.