Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 414 (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2293065-2293069--10635-2303932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
414 Der Züricher Kongreß. obligatorische Bindung der zionistischen Councilmitglieder in den wichtigsten Fragen gutgeheißen, ohne das Recht, sich der Stimme zu enthalten, und hat so alles getan, um eine Körperschaft, die berufen ist, die Probleme aus einheitlichem Geiste, sachlich und individuell zu behandeln, für alle Zukunft in zwei einander stets umlauernde, gegnerische Rassen zu teilen. Sie hat schließlich die Neuwahl sämtlicher Councilmitglieder zu jeder Session festgesetzt, ohne aber damit im geringsten eine demokratische Wahl zu sichern, eine vollkommen sinnlose Maßnahme, die nur durch die späte Nachtstunde der Abstimmung und die Ermüdung des Kongresses erklärbar ist. So hat sie uns eine Verfassung beschert, die kein einziges Merkmal des echten parlamentarischen Systems aufweist, keine demokratische Wahl, keine Verantwortlichkeit der Regierung (die Erfahrungen der letzten Jahre in diesem Punkte lehren genug), dafür aber eine der übelsten Ausgeburten des modernen entarteten Parlamentarismus: die allmächtige Herrschaft des Fraktionsschlüssels. Natürlich sind sich die Einsichtigen im Zionismus durchaus darüber klar, daß diese unglückseligen ,,Schutzmaßnahmen“, die nach ihrer Desavouierung durch die Praxis geradezu schreien, keinen roten Heiler wert sind. Die Amerikaner kennen ihre Machtposition zu gut, als daß sie sich von diesen papierenen Bestimmungen irgendwie beeindrucken ließen, und Marshall, der zwar im Council jovial-onkelhaft präsidierte, hat keinen Zweifel daran gelassen, daß in wesentlichen Dingen bei ihm auf wenig Entgegenkommen zu rechnen ist. Fragt man nun diese Einsichtigen, wie sie sich denn die Sache eigentlieh vorstellen, so erhält man zur Antwort: der Zionismus als Bewegung, seine innere Kraft, wird allmählich die Gegensätze überbrücken, die mentale Verschiedenheit ausgleichen und die neuen Genossen langsam zur rein zionistischen Idee herüberziehen. Und das, das ist nun die Frage, die sich dem Betrachter am stärksten aufdrängt: wie steht es um die innere Kraft des Zionismus, um die zionistische Bewegung, und was ist es jetzt, nach 32 Jahren, um den Zionismus überhaupt?