Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 234 (sequence 117)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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234 Wunderbares im Alltäglichen und dem Zauber der Lotosblumen uns hingeben, wer die Augen öffnet, sieht überall des Schöpfers Wunderwerk und sieht der Allmacht Weisheit selbst im Kleinsten sich spiegeln. — Da der Mensch sich selbst gegenüber den gigantischen Werken der Erde als klein und diese ganze Welt nur als Sandkörn erkennt gegenüber den Riesenschöpfungen im Universum, ist es nur natürlich, dass die Erhabenheit des Grossen eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausübt und ihm die eigene Grösse zusammenschrumpft zu einem Nichts. Er hätte aber auch ebenso Grund, sich selbst als unendlich gross zu betrachten im Vergleich zu dem unendlich Kleinen, das nach Stoff und Form ein 80 äusserst kunstvolles Gebilde ist und seine besondere Be- Stimmung trägt. In seinem Blut und in seinen Geweben werden in jedem Moment von diesen kleinsten Lebewesen gewaltige Schlachten geliefert und sein Zellenaufbau enthält 30 Billionen dieser Tierchen. Wir pflegen alle Dinge darauf hin zu prüfen, wie weit sie uns nützlich oder schädlich sind. Doch diese Erkenntnis bleibt immer relativ. Wie lange wohl mag die Biene als schädliches Geschöpf gegolten haben, bis die Menschheit durch zufällige Beobachtung den Honig entdeckte und damit auch dem Stachel Gerechtigkeit zollte! Wie mag man der Tollkirsche geflucht haben, bis man es lernte, aus ihr Extractum Belladonnae und Atropinum sulfuricum zu gewinnen! Wie mag man jene Raupe gelästert haben, die die Maulbeerblätter frass, bis die Kaiserin Si-Ling-Chi des Seidespinners Wichtigkeit erkannte und heute werden Maulbeerbäume gepflanzt, nur um der Raupe ihre Lieblingskost zu bereiten. Welche Wunder vollziehen sich, wenn ein Mücken Weibchen seine Eier legt! Sie lässt sich am Rand eines Wassers nur auf die vorderen Beinpaare nieder. Das letzte Beinpaar hält sie wagerecht und übereinandergekreuzt über das Wasser hin. Die gekreuzten Beine bilden nämlich einen Winkel, an den die Mücke ihre Eier ablegt. Je mehr Eier nun zum Vorschein kommen, um so weiter nach hinten kommt auch ihre Kreuzungsstelle und der Kreuzungswinkel wird immer spitzer. So bildet sich ein Paket von 300 Eiern, die durch ihre Schwere untersinken müssten.