Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 240 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Mussarbemerkungen zur Zeitgeschichte. gesetzestreuen Juden, die wir so vielfach ein gesondertes Leben führen, vermögen bei aller Zusammengehörigkeit im Denken und Fühlen mit unsern nichtjüdischen Mitbürgern so viel Distanz zu nehmen, daß wir gegenüber den Angriffen einer ganzen Welt ein objektives Urteil fällen können über diese ״Tüchtigkeit“. Was wir im Laufe der Geschichte in dem mehr als ein Jahrtausend langen Zusammenleben von großen Teilen dieses Volkes erfahren, darf uns nicht den Blick dafür trüben, daß es ein Volk ist, das für die Entwickelung der Menschheit Erhabenes geleistet, daß es — wie viele andere Völker — übermütig und frevlerisch im Glück, aber zur Größe sich emporschwang unter dem Drucke eines schweren Geschickes. Doch die Völker als Ganzes waren nur für die Propheten ein Objekt der Mussarrede. Und der Mund der Propheten ist verstummt. Auch heute freilich wird von Gott durch das Strafgericht das ganze Volk betroffen, und die Worte der Zucht sind darum nicht weniger eindringlich, wenn sie statt durch den Mund eines gottgesandten Sehers durch das furchtbare, tragische Geschick, das ein Volk betrifft, verkündet werden. Aber die Völker als Ganzes haben sich nie der ״Zucht״ zugänglich erwiesen. Der Weg ging immer über die Einzelnen. Das Individuum muß den Läuterungsprozeß an sich vollziehen* und im kleinen Bereich der Einzelwirksamkeit muß es sich zeigen, ob die Lehren der Weltgeschichte nicht spurlos an ihm vorüber gegangen sind. Aber wie anders stände es um die Völker, wie anders stände es um di$ Menschheit, wenn der Einzelne sich die Lehre מדה כנגד מדה ins Herz schriebe, wenn er sie nicht bloß mit Wohlgefallen hörte, wenn sein Prediger sie ihm eindringlich von der Kanzel kündet, wenn er sie zur Kichtschnur machte in jedem Augenblicke seines Han- * delns. Wenn er sich immer vor Augen hielte: Schuld und Sühne sind nicht zwei von einander getrennte Phasen im Menschenleben, sie sind untrennbar mit einander verknüpft, in der Schuld bereitet sich die Sühne vor, alles Unrecht, das du einmal begehst, trägt den Keim der Sühne in sich, die Sühne