Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 234 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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234 Mussarbemerkxmgen zur Zeitgeschichte. Viele Deutsche sehen sich nach einer Zufluchtsstätte um, in die sie sich vor dem Zusammenbruch retten könnten^ und überall wird ihnen die Pforte verschlossen, ja noch die letzten Keste derer, die im Kriege in anderen Ländern zurückgeblieben sind, werden aus der ihnen liebgewordenen Heimstätte verjagt. Selbst die Schweiz, dies Asyl aller Gehetzten und Gestoßenen, die ihren Stolz darin sah, den Verfolgten eine Stätte zu ge־ währen, wo er ausruhen oder für seine Ideen kämpfen konnte, auch sie kennt jetzt keine größere Sorge als die Grenze vor der deutschen Pest zu verschließen. Die beigebrachten Argumente sind menschlich begreiflich. Der Selbsterhaltungstrieb — die Einheimischen haben schon mit Ernährungsschwierigkeiten zu kämpfen — die drohende Überflutung durch unerfreuliche Elemente, die Furcht vor der siegreichen Entente. Wäre Deutschland aus dem Kriege siegreich hervorgegangen, so klänge der Ton jetzt anders und die Einwanderung wäre erleichtert. Man erinnere sich daran, wie eines der deutschfeindliebsten Organe der Schweiz das Journal de Geneve nach der März* Offensive 1918 Worte der Anerkennung für Deutschland fand. Aber immerhin dieser kleine Staat befindet sich wirklich in einer Zwangslage, wenn er den Deutschen den Eintritt versagt, selbst denen, die dort ein Heim gefunden und eine Familie gegründet und nur vorübergehend der Wehrpflicht in Deutschland genügt haben. Hat aber Deutschland ein Hecht, sich über solche Maßregeln zu beklagen, das Deutschland, das die Ausweisungen zu einem Grundpfeiler seiner Politik gemacht, das mit dieser Politik bahnbrechend geworden und allen Völkern hier als Muster und Vorbild galt. Das Deutschland, das die von Bismarck inaugurierte Ara Puttkamers mit Beifall aufnahm, da Menschen, die ihr ganzes Leben auf deutschem Boden verbracht hatten, weil sie von einem nicht naturalisierten Eingewanderten abstammten, von Haus und Hof gejagt wurden. Wißt ihr noch, wie damals — es ist schon ein Menschenalter her, und die Menschen haben es darum längst vergessen aber vor dem göttlichen Weltenrichter gibt es kein Vergessen — wißt ihr noch, wie damals eine Frau im Alter von hundertunddrei