Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 543 (sequence 107)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Juden in Rußland und Polen. 543 ging. Bereits im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts kamen die polnischen Rabbiner häufig zusammen, um verschiedene Streitfragen aus der rabbinischen Praxis zu besprechen, die ihnen in ihrer Berufstätigkeit aufstießen^ und die sig möglichst gleichförmig zu lösen bestrebt waren'. Diese Zusammenkünfte fanden gewöhnlich in Lublin statt, teils weil ־jene Stadt der Wohnsitz des gefeierten Rabbi Schalom Schaehna war, des Vaters des polnischen Talmudismus und des Oberrabbiners von Kleinpolen, teils weil Lublin der Sitz einer d!ör beruhmtesten jährlichen Messen war, die im polnischen Lieben im allgemeinen und im polnisch-jüdischen Leben im besonderen eine so bedeutende Rolle spielten. Denn diese Messen dienten nicht nur als Brennpunkt für die geschäftliche Tätigkeit der Juden, sondern auch für ihr kulturelles und soziales Leben. Auf diesen ״Jarids“, wid sie von den Juden genannt wurden, kam ganz in gleicher Weise, wie es heute auf wissenschaftlichen Kongressen geschieht, die jüdische Intelligenz jener Zeit zusammen, um Anschauungen und Ergebnisse ihrer Forschungen auszutauschen. Die Leiter der ״Jeschibahs“ der talmudischEn Hochschulen, die auf der gesellschaftlichen Stufenleiter der polnischen Judenheit einen ganz besonders hoh'en Rang ein-' nahmen und von den Staatsbehörden in dieser Stellung anerkannt wurden, erschienen hier in Begleitung ihrer erlesensten Schüler. Die Messen dienten, so seltsam dies auch unserm Geschmack erscheinen mag, zu gleicher Zeit als Gelegenheit für Ehestiftungen. Denn die jüdischen Kaufleute kamen dorthin nicht nur, um ihren Geschäften obzuliegen oder ihre talmudischen Studien wieder aufzufrischen, sondern auch, um,natürlich unter den begabten und gelehrten Jüngern der Hochschulen, für ihre Töchter Gatten zu wählen. Es ist wohl möglich, daß der Begriff der ״Edelehe“ den polnischen Juden ein unbekannter war, aber nichtsdestoweniger waren Keuschheit und Sittenreinheit in der polnischen Judenheit selbstverständliche Dinge, Und die bei diesen Gelegenheiten geschlossenen Verbindungen wargn weder durch die