Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 201 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Rußland und Polen. 201 Interessant ist die Tatsache, daß eine Reihe von Sektirern nach Palästina floh, wo sie noch jetzt als treue Juden leben und wirken. Die ״jüdische Ketzerei״ konnte nicht gut den Juden zur Last gelegt werden, da sie aus jenen Provinzen ausgeschlossen waren; aber diese Tatsache hinderte die Regierung in ihrer gewohnten Niedertracht nicht, den russischen Beamten die An- Weisung zu gehen, den Kampf gegen die neue Sekte unter dem Schlachtruf: gegen die ״Zyduskaja sekta“ zu entflammen. Indirekt jedoch reizte der Erfolg dieser judenfreundlichen Ketzerei verbunden mit dem Fehlschlag seiner christenfreundlichen Politik den Kaiser und führte zu einem Wiederaufleben der judenfeindlichen Gesetzgebung. Die Wirkungen der Reaktion. Der neue Geist der Reaktion trat in dem Versuch zu Tage, den alten frommen Wunsch der russischen Autokratie, die Austreibung der Juden aus den Dörfern, wieder zum Leben zu erwecken. Infolge des Ausbruchs einer Hungersnot in Westrußland, wie sie dort von Zeit zu Zeit aufzutreten pflegt, erließ der Kaiser im Jahre 1823 einen strengen Befehl, alle Juden der ganzen Provinz aus den Dörfern auszutreiben. Der Befehl wurde mit erbarmungsloser Grausamkeit ausgeführt Über 20000 Juden wurden in die überfüllten Städte getrieben, wo manche aus Mangel an Nachtquartieren den Winter hindurch auf der Straße lagen und vor Kälte, Hunger und Krankheiten umkamen. Die Vertreibung wurde, wie wir bei einer früheren Gelegenheit ausgeführt haben, angeblich durch die Sorge der Regierung für die Wohlfahrt der Bauern veranlaßt. Bis zu welchem Grade dieser Zweck erreicht wurde, kann aus einem zwölf Jahre später (im Jahre 1835) geschriebenen Bericht des Staatsrates entnommen werden, in dem die Austreibung aus Weißrußland ein Ruin der Juden genannt wird, ״obwohl man nicht im geringsten die Bemerkung machen konnte, daß sich die Lage der Bauern hierdurch gebessert hätte.״ Ein fernerer Ukas vom Jahre 1824 verbot die Niederlassung fremder Juden, besonders solcher aus Österreich, auf