Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 103)
- Language
- German
- Belongs to
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Bilder aus Litauen. 547 Frühjahr ein gefährlicher, abgründiger Morast, im Winter ein weites, weißes Schneefeld, gekrönt von dei durch ihre bunten Zwiebelkuppeln so eigenartig wirkenden russischen Kirche, umgeben von kleinen, unscheinbaren, jeder Architektur und Schönheit baren Häuschen. Da und dort mal ein Steinhaus, die meisten aus Holz gebaut, mit windschiefem, von grünem Moos überwucherten Schindeldach. Wehe, wenn in trockener Zeit ein Funken eine der an sich so wertlosen Buden in Brand steckt; ehe auch nur an Hilfe gedacht werden kann, steht der halbe Ort in Flammen, rettungslos dem verheerenden Element preisgegeben. 60 Häuser sind jüngst in B., 80 Häuser in S. vor einigen Tagen binnen wenigen Stunden niedergebrannt, nur die Schornsteine zeugen davon, daß auf dem Trümmerfeld einst Menschen gewohnt haben. — Wie ein Wunder hat es mich berührt, daß in B. die hölzerne Synagoge mitten in der Brand- Stätte unversehrt stehen geblieben ist. — Vom Marktplatz aus eine Hauptstraße, meistens die Verbindung zu dem, scheinbar prinzipiell einige Bolometer von der Stadt entfernt angelegten Bahnhof, und einige kleine Gäßchen. Trotz der Überfülle an Platz zur Anlage von Straßen sind die Häuser in die Höfe, oft 3 und mehr Häuser hintereinander in einen Hof gebaut. Ein Kramladen neben dem anderen, in jedem die gleichen Gebrauchsgegenstände, besser gesagt, alles was überhaupt zu handeln ist. Vor der Ladentür träumt der Besitzer, schwatzt seine Frau mit der Nachbarin, spielen die Kinder und Enkel, picken die Hühner, meckern die Ziegen. Dornröschenstimmung in jiddischer Aufmachung. Nur an den Markttagen lebt das Städtchen auf. Dann drängen sich auf dem Marktplatz um die Panjewagen die Händler, um das Wenige, was auf den Markt kommt zu ergattern, man feilscht und handelt in jiddisch, polnisch und russisch, man schreit und schwört bei allem was heilig ist, — kurz es wird ״lebedig und freleeh“ — wie einst, als noch in den guten Friedenszeiten alltäglich der Bauer zur Stadt kam und den Händler mehr oder weniger, jedenfalls zum Sattwerden für sich und die Seinen, verdienen ließ. Der russische Bauer! Ein Bild für sich,