Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Date
- 1917-07-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Die nationalen Forderungen des jüdischen Volkes in Rußland usw. 371 Nur wir Juden bilden hiervon eine Ausnahme, weil wir eben nirgends die Mehrheit ausmachen, weil wir überall in der Welt in der Minderheit sind. Wir leben inmitten fremder Völker, auf die wir angewiesen sind. Wir bedürfen ihrer, sie unser dagegen nicht, oder allenfalls in viel geringerem Maße. Wir können uns selbst wirtschaftlich nicht genügen, schon weil unserem nationalen Organismus ganze Klassen fehlen, wie z. B. die Bauernklasse. Aber auch aus anderen Gründen! Ein jüdischer Händler kann nicht nur von seinen jüdisehen Kunden leben. Ein jüdischer Fabrikant kann ni cht nur mit jüdischen Arbeitern auskommen. Wir beobachten dasselbe in sämtlichen Produktionszweigen. Wir können eben nicht aus unseren eigenen Kräften leben, wir sind kein הי הנישא את עצמו. Und da wir eben zu unserem Leben andere Völker dringend brauchen, so müssen wir uns an sie anpassen. Wir müssen ihre Sprache lernen, wenn wir weiterkommen wollen. Wir müssen uns in ihr Leben einleben, uns ihre Gewohnheiten aneignen. Unsere Geschichte legt ein glänzendes Zeugnis davon ab. Das Ghetto hat uns geschützt. Es hat uns künstlich isoliert. Dort waren wir tatsächlich auf uns selbst angewiesen. Der Einfluß der Mehrheit auf uns war ausgeschaltet. Sobald aber die Mauern des Ghetto gefallen sind, sobald die Isolierung auf hörte und wir in Wettbewerb und Wettkampf mit allen unseren Nachbaren traten, da offenbarte sich unsere Schwäche. Überall schritten wir mit Biesenschritten der Assimilation entgegen. Es war und ist dagegen nichts zu machen. So ist das Leben! Es drängt sich uns die Frage auf: Welchen Ausweg gibt es aus dieser Lage? Wie sichern wir unseren Fortbestand zwischen den Völkern und zwar auf eine Weise, daß wir für unsere nationale Existenz nicht immer besorgt zu sein brauchten, wie bisher, sondern daß sie eine Selbstverständlichkeit werde, eine aus äußeren Umständen sich ergebende Naturtatsache, wie es bei allen anderen Völkern ist? 25*