Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Geschichtliche Wanderungen. 9 Geschichtliche Wanderungen. von Prof. Dr. A. Berliner. I. Die Lehrer Moses Mendelssohns. Wenn je eine Ges chicht s p e r io de den Erfahrungssatz „daß jede Zeit ihren Mann und jeder Mann seine Zeit hat“ bestätigt hat, so kann man dies vorzüglich von der Periode in unserer Geschichte behaupten, die wir als „Die neuere Zeit“ bezeichnen. Es mögen oft in der Geschichte Umwälzungen gewaltsam vor sich gehen, oder auch auf friedlichem Wege ein treten, oft scheinbar als von ungefähr oder als ein Werk des Augenblicks — dem aufmerksamen Beobachter wird es nicht entgehen, daß lange vorher unbeachtet der Keim jener Saat langsam sich entwickelt hat. — Man zählt den Beginn der neueren Zeit in der jüdischen Geschichte von dem ersten öffentlichen Auftreten Moses Mendelssohns i. J. 1750 oder 1755, oder genauer 1754, wo zum ersten Male Mendelssohn und Lessing am Schachbrette miteinander bekannt wurden1). Zweifellos ist es richtig, den Beginn dieser neueren Geschichte mit dem Namen jenes Dessauer Talmudjüngers zu verknüpfen. Allein man tut unrecht, wenn man annimmt, daß Moses Mendelssohn gleich einem Phänomen alle« aus sich selbst geschöpft. Auch er verdankt seinen Lehrern die Grundlage zu jenem logischen und philosophischen Denken, das ihn in der Folge so auszeichnete, zum Weltweisen bildete und erhob. Diese Lehrer haben den Mann und seine Zeit vorbereitet. Das erkennen wir bald, wenn wir uns nur ein wenig umsehen, wie es im jüdischen Berlin unmittelbar vor der Zeit Moses Mendelssohns bereits zu einer Wandelung, mag diese auch nicht so sehr in die Augen springen, gekommen war. Die Wiener Exulanten vom Jahre 1671, welche die Gemeinde Berlins begründeten, haben weniger das Talmudstudium, welches durch sie auf dem märkischen Boden überhaupt nicht 1) Nähere Quellenangaben werden am Schlüsse des G-anzen erfolgen.