Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 42 (17.10.1935)
- Date
- 1935-10-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XIV. Jahrgang 7 Nr. 42 Berlin, 17. Oktober 1935 Preis 10 Pfennig entral ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin AV 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—i.V Telegrammadresse: Centralglaubon. Berlin, Postscheckkonto: iVerlin .W172. Die „C.-V.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag.. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt, und. die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt, durch die. Post. «Ne die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 -Rpf. wVusland 2,30 RM, umgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10' Rpf. (Ausland 20 Rpf.-)... Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten' Beträge. — Anzelgengebilhren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespalt.ene Millimeter-Zeile 20 Kpf., für. Stcllengesjieho. 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte .Grundpreise siehe Preisliste. Einzclanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dicntftag. Platz- und L>alcnvorschrifteu"•ohne Verbindlichkeit.- den Winter A. H. Ein Aufruf erreicht in diesen Tagen: jeden jüdischen Menschen innerhalb der deutschen Grenzen. Und wo er ihn erreicht: während der Arbeit, des Mahles, der Muße, der Feier — wird er einen Augenblick schweigender Besinnung schaffen, wie sie aus einem Ruf entspringt, der uns in den tiefsten Schichten unseres jüdischen Seins anrührt. Jenes „Gedenke, daß du ein Jude bist", das uns Tatsachen und Wille jeden Augenblick vergegenwärtigen, ivird von einer Forderung zur unmittelbaren-^Mischen Tat. Ursprüngliches Empfinden kommt aus dem Unterbewußtsein .-ins Licht des Entschlusses: diesmal mußt du selbst Tatjude sein. Diesmal ist es nicht möglich, sich zu einem Programm zu bekennen und abzuwarten, was die anderen, die es verkünden, daraus machen. Diesmal fordert es Einsatz und Opfer von jedem einzelnen, und ohne Verzug. Wir hatten in den heiligen Tagen von Buße, Gebet und Wohltun m den Gotteshäusern gelesen. Der Aufruf führt aus den Bet° ftuben hin zu den Stuben der Not und der Armut. Ze d aka zu üben, g er echten Ausgleich schaffen zwischen, denen, die etwas . haben und denen, die entehren, ist Grundforderung' des ersten jüdischen Programms bot allen späteren. Ein gewisses Etwas,' Hei klugen Analysen des Judentums mitunter beiseite gestellt, steht unversehens im Vordergrund, die Jüdifchkeit ohne erläuternde Zusätze weshalb, woher,, warum und wieso. Seckis Monate bindurcki wird Wille und Tatbereitschast wach bleiben müssen, über den Augenblick hinaus, in dem uns der Aufruf trifft. Auch jener Heide, dem Hillel die Grundforderung unseres Glaubens einzuprägen versprach, solange jener auf einem Bein stehen könnte, war noch nicht Jude geworden, als er hörte und nachsprach: Liebe deinen jr Nächsten, denn er ist wie du! Erst was dahinter kam. und was er tat, als er wieder mit beiden Füßen fest auf der Erde stand, entschied über sein Judesein. Eine Welle von Arbeit, Einsatz der Herzen und Hergabe der Mitfel geht durch unsere Reihen. k Wer trotz der . Erfüllung der Verpflichtungen für ein jüdisches Winterhilfswerk wird kein Pfennig den anderen Aufgaben unserer jüdischen Arbeit entzogen werden dürfen. Das Leben, das fordernde aufzubauende jüdische Leben wird seinen Gang auch in diesem Winter gehen. Es wird nicht ausgetauscht werden zwischen Gabe und Gabe, es wird zusätzlich geopfert, werden müsien. Manchem mag es kaum vorstellbar erscheinen, daß aus dem einen und selben und zugleich kleineren und wirtschaftlich schwächeren Judentum immer, neue Kräfte zur Bewältigung der gestellten und freiwilligen Aufgaben gezogen werden können. Aber die Reihenfolge her Beweggründe für das Geben erläutert, warum eiü ärmeres Judentum in Deutschland stärker in der Bewältigung seiner jüdischen Aufgaben werden konnte: weil es auf dem Wege zu einem einheitlich geführten und verpflichteten und freudig bekannten Judentum immer weiter vorwärts gekommen ist, weil nicht mehr „Beträge für Saunnlungszwecke gezeichnet" oder „Spenden bewilligt" werden, sondern weil Opfer gebracht werden mit dem Gefühl, wie gut es wäre, wenn man größere bringen könnte. Es gilt nicht mehr, was einmal Heine sprach, man müsse sich um Menschen kümmern, die dreifach elend seien: durch Armut. Körperschmerz. Judentum! Wir haben erlebt und unter Beweis gestellt, daß Judentum kein Element des Elends, sondern der Erhebung der Elenden ist und werden kann. „Wenn der Mensch alles leMn soll, was man von ihm fordert, so muß er sich für mehr halten als er ist." So hat Goethe die Kraft des Glaubens und dos Willens für die Bewältigung übermenschlicher Ausgaben gültig festgestellt: nicht Überheblichkeit, sondern Selbstvertrauen und Hingabekraft. Eine solche Aktion bringt' in einem außerordentlichen Maße jedem Einzelnen Pflichten der Nähe. Tie Einzelheiten des Arbeitsprogramms für Berlin und für das Reich zeigen, wo die Ansatzpunkte für den einzelnen sind. Sie können nur das Gerippe des Lebens sein, das aus unseren Herzen und unseren Händen erwachsen muß. Hunderte von Menschen aus den Reihen des C. V. sind den zuständigen Stellen, in Berlin der Jüdischen Gemeinde, bereits gemeldet worden- Wir sind nur dann berechtigt, die anderen großen und in die Weite reichenden jüdischen Aufgaben mit gutem Gewissen zu erfüllen, wenn in der Nähe nichts zu tun mehr übrig geblieben ist. Der jüdische Mensch, dem geholfen werden soll, der eigentlich immer Mittelpunkt aller jüdischen Arbeit sain sollte, ist dicTwal ihre Voraussetzung. Vielleicht wird^hie tiefe Die vorliegende Nummer umfasst 20 Seiten — Sie enthält u. a.; Hauptblatt: Die Zerstreuung der Juden über di* Erde, von Dt. E. R—z. — Der S. Programmpunkt der Reichs- Vertretung, von Dt. Friedrich Brodnitz. 1. Beiblatt: Die jüdische Winterhilfe. 2. Be i b la 11 : Am Ende der Feste, von, Leo Bacrwald. — Der Gaon Saadia, von Max Wiener. — Römische Impressionen, von H. J. Schoeps. 3. B eiblatt i Das neue'Ruch. — Der ■ Briefmarkensammler. 4. Beiblatt * Sport und Medizin in der- Schale, von Ham-Kalium. — Sport der Woche. — Wirtschaft der Woche. Der Aufruf der Reichsvertrefung und der Grossorganisationen Die Juden sind in diesem Jahre am Winterhilfswerk des deutschen Volkes nicht beteiligt. Sie werden durch das Wmterhilfswerk des deutschen Volkes nicht betreut und sollen auch zu Spenden nicht herangezogen werden. Der Reichsbeauftragte für das Wmterhilfswerk des deutschen Volkes hat die Betreuung der hilfsbedürftigen Juden der Z e n t.r a l w o h l f a h r t s st e l l e in Gemeinschaft mit den ihr angeschlossenen Stellen, in Berlin mit dem Wohlfahrts- und Jugendamt der Jüdischen Gemeinde, nach den von ihm genehmigten Richtlinien als Jüdische Winterhilfe überlassen. Die Richtlinien für die Jüdische Winterhilfe sehen für die Gebenden Opfer von. gleicher Art und Höhe, für die jüdischen Hilfsbedürftigen im Rahmen der aufzubringenden Mittel Leistungen gleicher Art und gleichen Umfangs wie das Winterhilfswerk des deutschen Volkes vor. * Damit steht die jüdische Gemeinschaft in Deutschland vor einer neuen, großen moralischen, finanziellen und organisatorischen Aufgabe, die zu den bisherigen Verpflichtungen für die Durchführung konstruktiver Hilfs- und Aufbauarbeit hierund in Palästina hinzutritt. In wenigen Tagen und Wochen muß ein Werk der gegenseitigen Hilfe und Solidarität errichtet werden, das den letzten jüdischen Hilfsbedürftigen in kleinsten Orten unsere Hilfe bringt Und jeden Juden zum Opfer für die Jüdische Winterhilfe heranzieht. .Die Unterzeichneten Verbände, Gemeinden und Organisationen rufen zur tätigen Mitwirkung an der Jüdischen Winterhilfe durch persönlichen Einsatz und durch Opfer an Geld-und Sachspenden auf! Kein Hungernder unserer Gemeinschaft darf in diesem Winter ohne Nahrung, kein Bedürftiger ohne Kleidung und niemand ohne Obdach sein! Niemand darf in seinem Vertrauen auf unsere Hilfsbereitschaft enttäuscht werden. Unsere Gemeinschaft, die für die Linderung der Not des Winters in diesem Jahre auf sich selbst gestellt ist, wird niemanden im Stich lassen! Seid Euch Euerer Verantwortung bewußt, wenn die Jüdische Winterhilfe Euerer Gemeinde in diesen Tagen zum erstenmal an Euch herantritt. Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Zentralausschutz für hllfe und Aufbau. Preutzischer Landesverband jüdischer Gemeinden. Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Eentral-Verem der Juden in Deutschland. Grohloge für Deutschland. Jüdischer Frauenbund e. V. Reichsansschutz der jüdischen Jugendverbände. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Sächsischer israelitischer Gemeindeverband. Verband Bayerischer israelitischer Gemeinden. Oberral der Israeliten in Württemberg. Aentralvexbund jüdlscher-Handwerker Deutschlands. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Die Richtlinien über die Durchführung des Winterhilfswerks finden unsere Leser »m 1. Vekblatt dieser Rümmer. Erfahrung daraus schon während der Epoche dieser großen Aktion uns Stimmung und Ausgestaltung aller anderen jüdischen Arbeitsgebiete vers.achlichend wirken. Dann würden ivir den Bedachten und nicht die Bedachten uns zu danken haben. itorOrihocloxiv Rum Thema Reichonerlretnnu und ..Uiio»Iii>»,lhl« OrtHoboxic",' das "wir"'!,, br.- ,.e. V.-Zeiin»»'' vom .12. Oktober brhuntk'lton, sendet ' im» . Dr. c'h v i» ,i n n (Frankfurt n. M.) eine «u-.giihllnhe Sielliina- »ahme, nur her wir solaeiihe die OndNerun» sordernde Teile zum Ähdenek drinnen. Der Leitung der „E.W..Hütung" bin tri) dankbar, daß sie durch ihre Bemerkungen zu. der Erklärung derReichsvertretimg der Unabhängigen jüdischen Orthod'orie in Rr. t l mir Anlaß gegeben hat. die Gründe näher zu er« Örtern, die zur Beröffentlichnng dieser Erklärung geführt haben. . Wenn es in den Bemerkungen heißt, die Auslassungen müßten bei dem Leser den Eindruck erwecken. das; die.Unabhängige Ortho» dorie in einem dauernden Kampf gegen Eingriff in ihre Gewissensfreiheit seitens der Reichsvertretnng stehe, so wird in hisjer I . der Erklärung der llnabhäiigigen Orthodoxie klar und deutlich ziim Ansdritck gebratht, .in wiefern sie sich in iljrp.in Gewissen eingeengt fühle. Die Reichsvertretnng erhob in ihrer Kundgebung nicht nur den Anspruch' ans Vertretung der gesamten jüdischen Interessen nach außen, sondern forderte auch , die Schaffung einer einheitlichen. staatlich anerkannten Zwangoorganisatinn der jüdischen Gemeinschaft. I» dieser letzten.Forderung erblickt in der Tat die llnabliäiigige Orthodorie eine für sie ' nnerträgliche G>ewissens > belastung. Während -eines 'Zeitraumes von mehr als 5 Jahrzehnten hat die Unabhängige L-rthodorie gegenüber den von liberaler und zionistischer Seite unablässig zutage getretenen Bestrebungen auf Schaffung einer einheitlichen Zwangsorganisation unler unsäglichen materiellen Opfern ihre religiöse Ueberzengnng vertreten, daß die unerläßliche.. 'Voraussetzung jeder religiösen Orgänisation die gemeinsame religiöse Ueberzengnng sein .müsse, und daß die Einheit nicht ans Kosten', der religiösen Wahrheit küiistlich^geschnfseil iverden dürfe. - In bewußter Ignorierung dieser ihr tvohl bekannten historischen Enlwiciliiiig und Situation hat nnii die Reichsvertretnng in ihrer Kimdgcbnng mit einem Federstrich die Unabhängige Orthodoxie alseine völlige cpmntiU': hingestellt. ^gieivahl. ztvischen derReichsbertretnng und der ^Vertretung der Unabhängigen Orthodmie eine öffentlich bekanntgegebene .Vereinbarung bestand, wonach beide Gruppen in allen wichtigen Fragen bur der Flueist in die Leifentlichkeit eine Berständignng unter fidj erstreben sollten, hat die Reichsvertretnng csnicht für.notivendig erachtet. sichvor. Erlast h ihrer Kundgebung irgendwie mit der Ilnabhängigen Orthodoric in Verbindung zu setzen, um gemeinsam mit ihr die Wege zu beraten, ans welche Weise eine Einheit ge^ schaffen werden könne, ohne'dem Genüssen wehe zu tun. Es blieb daher der llnabhängi -; gen Orthodoxie angesichts dieses Vorgehens der Reichsvertretnng nichts übrig, als ihrerseits sich an die Lesfentlichteit zu wende:' wod thren Standpunkt, der. ei», Diktat tyxes religiösen Gewissens ist und deshalb gerade, in der Rot sich zu bewähren hat, mit aller Bestimmtheit klarznlegen. Dieser Standpunkt verschlietzt sich — wegs der Notwendigkeit einer solidarischen - Geschlossenheit der Judenheit Deutschlands. Es hätte der Mahnung der „E.-D.-Zeitung" nicht bedurft, um die Unabhängige Orthodorie aus diese Notwendigkeit hinzuweisen. Ausdrücklich heißt cs-am Schlüße der Er-