Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 45 (5.11.1936)
- Date
- 1936-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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kov is ’36 ’! XV. Jahrgang / Nr. 43 Berlin, 5. November 1936 Preis 10' Pfennig entral - ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitang, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse,42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45, Telegrammadresse: Centralglauben. Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. , Bestellungen nimmt jedes Postamt und «sie Geschäftsstelle entgegen, Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erbebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30RM (umgerechnet in die Landeswährung’» einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf,). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preislisten gültig. Die l‘2gespaltene mm-Zeüe 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familiehahlzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. A. H. Franklin D. Rooseve l t ist zum zweiten Male Präsident der Vereinigten Staaten, geworden. Während . des Wahlkampfes spielte das jüdische, oder genauer gesagt das antisemitische Problem eine gewisse Nolle: die Kandidaten aller Parteien legten nämlich Wert daraus zu erklären,-daß ihnen judenseindliche Absichten für den Fall ihrer Wahl völlig sernlägen. Diesem Verhalten entsprach auch die Politik der-amerikanischen Juden; sie standen bei allen Profeaaor Otto Loewi ■' Presse-Photo, Berlin Gruppen. So konnte keiner der Kandidaten als „jüdisch" stigmatisiert werden, und so war es denamerikanischen Juden möglich, sich als Amerikaner zu entscheiden. Alle Amerikaner werden das begrüßen. Es hätte an sich nahe gelegen-, daß Roosevelt um seiner/ unentwegt bekundeten judensreundlichent Haltung willen als „Judenkandidat" ausgefaßt worden wäre. Bei einem schwächeren Charakter als Roosevelt hätte auch die itmgekehrte Befürchtung ihre Berechtigung gehabt., daß er nämlich,uni eines Stimmgewinnes wegen feine Freundschaft zu-Juden weniger deutlich gezeigt hätte — zumal ihm die Durchsetzung seiner großen Pläne im New Deal vom Obersten Bnndesgericht, darunter durch den alten Richter Bründeis. einen fast 80jährigen Juden, verbaut worden war. Und auch, weil die Kreise der Hochfinanz, gleichgültig ob Juden oder Nichtjnden, nach ihrer wirtschaftlichen und politischen Ueberzeugung -für Roosevelts Gegenkandidat t agitierten und. stimmten. Und ferner mit Rücksicht auf die. so gefürchtete Verdächtigung bolschewistischer Absichten, vor allem in Hinbl'ck auf den Mitarbeiterkreis des Präsidenten: den brain Trust, den Gehirntrust, mit seinen zahlreichen jüdischen Mitgliedern. Nichts derartiges geschah, der Präsident blieb sich selbst, seiner politischen Ät k L J ... - V .? .f. _ * ' X r r.* VI raf>^«r*4- Freunden treu. Den Vorwurf, jüdisch-bolschewistischen Verstrickungen erlegen zu sein, fegte er mit der Handbewegung aus der'" Diskussion, die Gegenseite könne ihren Mangel an positiven Anfbauplänen früher und auch jetzt durch solche Methoden nicht verdecken. Gär der Autorität des Obersten Bundesgerichts sich zu beugen, und nicht nach der Zusammensetzung dieses mit säst .unbeschränkten Machtbefugnissen ausgestatteten Juristenkollegiums zu fragen — neben Brandeis soll noch ein zweiter Jude in ihm sitzen — war für den Präsidenten eine Selbstverständlichkeit. Roosevelt wird seine Arbeit sortsehen, die nette Blüte Amerikas zu sichern. Unendlich ' große nette Ausgaben . harren dabei dieses großen Demokraten, der ein 125 000 000- Volk und ein Land von fast 8 000 000 Quadratkilometern führt. Die säst 4,5 Millionen, freien jüdischen Amerikaner werden ihm mit den anderen Bürgern eine loyale Gefolgschaft bilden und — betritt liegt die Besonderheit ihrer.E^atichi — s?ch kaum bewußt werden. , welches^-'osiöLrheit in diesen menschlichen, jüdischen 'und politischen Möglichkeiten liegt. Sie werden wahrscheinlich, entsprechend dem soziologischen Gesetz, daß inan die eigene Lebensform als die normale und die fremde als die. besondere zu empfinden pflegt, ihren, der.30 Prozent aller Inden Zustand der vollen bürgerlichen Lebensmöglichkeiten für die normale, und die andersgeartete Situation anderer Juden für die jüdische Ausnahme halten. Es - ist nur zu hoffen, daß die amerikanischen Juden in der Erfüllung ihrer Verpflichtungen gegenüber den anderen Indennicht schwächer werden und einen Zuwachs, aus ihren Kreisen brüderlich fördern und aufnehmen. Und daß stk bewußt ihr bürgerliches Dasein empfinden, es in seiner Integrität zu bewahren trachten und aus den Erfahrungen anderer Judenheiten. zugleich auch ihr Judentum als verantwortlichen Mitträger der jüdischen Diaspora empfinden und entwickeln. ■ - . ii. Zwei Gelehrte haben den Nobelpreis für 1936 in Physiologie und Medizin erhalten, ein Engländer und ein Oesterreicher. Ter Lester- 9 reicher ist ein Jude reich-deutscher Abstammung. Er reiht , sich in die Elstensront des Geistes ein. die 183 Männer und Frauen aller Länder bilden, unter ihnen 2! Forscher unseres jüdischen Stammes. Mit freudigem Stolz stellen w'.r diese Tatsache fest, die eine numerns elausus-Regelnng auf dem Gebiete des Geistes iri der Unmöglichkeit, auch das Ergebnis zu reglementieren, nachweist, die aber auch noch andere Empfindungen als nur die des Stolzes in uns weckt. - Es-liegt, nähe., aus diesem Anlaß eine kleine statistische Untersuchung über die jüdischen Nobelpreisträger anzustcllen. Weiß man doch gern, wer und wann und woher und wofür. Und man findet Gelegenheit zu allen möglichen Kombinationen über jüdische Sonderbcgabung auf diesem oder jenem Gebiete. Aber man findet vor allem, in die Augen springend, daß die überwältigende Zahl der jüdischen Preisträger im deutschen Kultut- und Sprachgebiet beheimatet ist, und daß außerdeutsche Preisträger, die Inin solcher Fülle hervorbrachte wie der geistige Raum Mitteleuropas. Und bei der Tatsache, daß Inden während-dieser Epochen einer Reihe von Generationen freien Zugang zur Forschung hatten, ist es nicht verwunderlich, daß sie auch ihren Teil an den Siegerehrungen in der Geistesschlacht aller Länder haben, die das Nvbelpreiskoinitee als Schiedsgericht beurteilt. Bei näherer Betrachtung darf auch der übermäßige jüdische Anteil nicht Verwundern. In jahrhundertewährender geistiger Jnnenarbeit hatte sich der jüdische Geist geschult und aufnahmefähig erhalten.- Er war hundertfältig besät nüd - dennoch zugleich in einem höheren ' Sinne jungfräulich geblieben. Als sich dann die Tore zur Welt Enropas-im allgemeinen und. im besonderen zur deutschen, geistigen' Welt, die den jüdischen Siedlungszentren am nächsten lagctt, öffneten, als die,. Saat des europäischen Geistes in sie siel, entfaltete sie sich in unerhört schneller und fruchtbarer Weise./ Sicherlich haben auch viele Mittel- Mäßigkeiten ans dem jüdischen Kreis eine nur mittelmäßig durchschnittliche Laufbahn vollbracht. Die Emanzipation verpflichtete iVohoIpreis für Otto Loewi Hosrat Professor Otto Loewi,'ordentlicher Professor in Graz, wurde mit 3. Juni 1873 in Frankfurt am Main geboren. Loewi studierte in Straßburg, arbeitete am Pharmakologischen Institut und ging von ' dort zitrück .nach Frankfurt a. ,M. andas Ehemische Institut von. Martin Freund: Später wirkte er wieder unter Professor - Hofmeister , > Wihsikalisch -Chemischen Institut ,,,.näersität Straßbnrg, bis ihn Professor '.»toorden als / Assistenten ans Städtische Krankenhaus nach Frankfurt a. Main berief. Im Jahre 1900 habilitierte er sich in Marburg, wurde 1904 znm Professor, 1906 zum außerordentlichen Prosessor ernannt und ging 1909 als ordentlicher Prosessor nach Graz/wo/er am 29. Oktober fiuW’ciite zweite Heimat, Oesterreich, mit dem Nobelpreis für Medizin 1936 znsaimnen mit dem Engländer Sir Heny Hallet Tale ausgezeichnet wurde. Otto Loewi hat den ..Nobelpreis für Medizin und Phhsivlogie" für den Nachweis erhalten, daß bei der Reizung desNervus Vagus eine chemische Substanz entsteht, die den Reiz ans den Herzmuskel überträgt. - Loewi arbeitete in erster Linie über Nieren-, Hcrzfunttionen und Stoffwechsel, insbesondere Diabetes., Seit 1921 beschäftigter sich nzit den jetzt mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Arbeiten über den Mechanismus der Nervenwirkung, in denen er die Eristenz des ,.Bagus"stofses und damit die humorale Uebertragnng von' Nervcnreizungen zum erstenmal nachwies. Miedekholt erhielt er-. .Berufungen. an führende Universitäten in Amerika. Deutschland und Holland, aber er lehnte sie alte ab. In zahlreichen Gastvorlesnitgen an der Howard-Universität in Boston, an der Pale-Universität in Newhaven, an der Harvey Soeietli in sllew-Bork , lind der Royal Society in London sprach er übei? seine epochemachende Entdeckung. Ans dcn internationalen Physiologen-,Kemgressen in Stockholm und Mvskatt standen seine Demonstrationen über die Herztätigkeit im Vordergrund des Interesses. Seit 1891 ist er in Freundschaft mit Sir.Henry Hallet Tale verbunden. Sir Henry Hallet Dale hat sich nicht nur mit der Aufklärung der Wirkungsweise des von Loewi entdeckten Acetylchvlin be- ' schäftigt. Er hat sich schon früher dttrch die Darstellung der Mutterkorn-Alkaloide einen Namen gemacht. Darüber hinaus verdanken wir ihm die Aufdeckung der Wirksamkeit eines anderen Gcwebehormons, des Histanlins/ dessen Bedeutung für das Zustandekommen zahlreicher physiologischer und pathologischer Funktionen des Organismus von ihm in vielen Untersuchungen festgelegt wurde. Am Berner physiologischen Institut ist, laut „Wiener Neuem Journal", ein vielköjsiiger Gelehrtenstab unter der Leitung voit Professor Leon A s her (geboren in Leipzig) mit der weiteren Auswertung und Erforschung dieser Erkenntnisse beschäftigt. Tabelle jüdischer Nobel- Preisträger und solcher jüdischer Abstammung -— Auf Grund des Philo-Lexikoiis Name f Lehensdaten Land \Preis Jahr Baeyer, Adolf von . .31.19. 18:r>-.2l). 8.1917 Starnberg . Deutschland Chemie 1905 Michelson, Albert A. Strelno 191-12.18.72—' 9; o. 1931 Pasadcna Amerika .Physik 1907 Ehrlich, Paul . . > Strelilen 14. 3.1871-20. 8.191') Homburg Deutschland Medizin 1908 Lippmann, Oadriel . Hollericb . 16. 8. 181.',-12. 7. 1921 Paris Frankreich Physik 1908 )letschnik«ff, 11 ja I. . Iwanowa lö. r-, 181-7-—1 ö. 9. 1916 Paris Russland Medizin 1908 Heyse, Paul . . . 15. 3.18:50— 2.4.1914 München Deutschland Literatur 1910 zVallach. Ollo . . _Köni"sberg 27. 3.1847—20. .2.1931 Königsberg Deutschland Chemie 1910 Asser, Tobias M. K. . Amsterdam 28. 4. 182.8-29. 7.1913 Haag ' Holland. Frieden 1911 Fried, Alfred 11. . . 11.11. 18,!1---5.5.1921AV!en ('»esterreich t’rieden 1911 Bäräny, Robert .. . .22. 4.1876—10. 4.103.6 Upsala . Oesterreich Medizin 1914 Win’stätter. Richard . Karlsruhe 13 8. 1872 Deutschland Chemie 1915 Kaber, Fritz . . . 9.12.1868-29.1.1934 Basel Deutschland Chemie 1918 Einstein, Albert . . Ulm 14. 3.1879 j -Deutschland Physik 1921 Bohr, Niels . - . Kopenhagen 17.10.1885 Dänemark; - Physik . 1922 Meyerhofj Otto . . . Hannover 12. 4. .1884 Deutschland Medizin 1922 Franck, James . . Hamburg 26. 8.1882 ' Deutschland Physik 1926 Hertz, 'Gustav ... Hamburg 21. 7.1887 Deutschland Physik 1926 Bergson, Henri 18.10.1859. Frankreich Literatui - 1928 Landsteiner, Karl . 14. 6.1868 Oesterreich Medizi d 1930 Warburg, Otto H. . Freibürg 8.10.1883 Deutschland Medizin 1931 Loewi, Otto . . . . Frankfurt 3. 6.1873 Oesterreich Medizin . 1936 Präsident blieb sich selbst, stE^Eschen^^ wenigstens innerhaW der Gren- ' Ausdiestr^HbeMt^M^eM^ Linic und damit zugleich auchjmnich«» , l ° geborcu wurden. der judMku Nobol- > ............. k »m gc6tct der Erde wahrend vieler Generatw- ■ fcf)?rt Kulturkreis (4 Oesterreicher und 11 neu — erst fett kurzem ist die amerikanische - - - - .. Wissenschaft in breiter Front in den Vorder-, 1. Leihlarr 1. 8eirc . . grund getreten —, das geistige Schöpfungen Achtung! In dieser Nummer Kinder-Prersausschreiben Deutsche) entstammen. Loewi ist der vierte österreichische’ Arzt, der diese hohe Auszeicln nung errungen hat. Vor ihm waren es die Jttden Bärältyausid^Landsteiner und der Nichtjude WagnertJaiiregg.: Insgesamt erhielten / bisher 9 L)esterreicher der^Nobelpreis, nute ihnen als Jude idioch Alfred H. Fried. Voi^ insgesamt 183 . Nobelpreisen entfielen übel*/ 11 Prozent ans Juden; auf Juden aus Deutschland und Oesterreich fast 9. Prozent.