Kinderblatt
- Journal
- Kinderblatt
- Volume
- 1936
- Issue
- 8 (1.10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 8 Beilage der C.-V.-Zeitung 1. Oktober 1936 whp tywfrwMvpM WHf Den acht Jungen im Berglager über dem Canon stand der. Atem still, als Joseph (Adlerauge) den unheimlichen Ankömmling zuerst erblickt hatte. „Rothaut oder jüdisches BleichbesichtV fragte der kleine Sim zitternd. Die andern sahen chü strafend an, denn in solchen Augenblicken der Gefahr, entdeckt zu werden, ist Mund- Halten das erste Gebot, und Witzemachen eine böse und unpraktische Sünde, und trotzdem seixte der dicke Sebulon, genannt Sebel, als wenn sie zu Hause auf dem Schulhof wären: ^Vielleicht eine jüdische Rothaut?" Auch ihm verging bald das Lachen. Der Wind trug ein Geheul herüber, Das selbst das Donnern des im Abgrund tief unter ihnen dahinbrausenden Canonslusses schauerlich über-- tönte. Die milde Sonne des indianischen Sommers — so nennt man .den schönen Herbst bei uns im Wilden Westen von Amerika — blendete die Augen der Jungen, der tvürzige Dust von Salbei, den der Wind von den Berghalden herüber trug, stieg ihnen verwirrend in die Nasen, in der Ferne verriet eine Staubwolke.eine dahinfegende Herde von wilden Pferden, das heisere Gebell eines tagwandelndew Coyoten verklang im Echo,, der steilschrofsen Cakionwand, und all diese sonst so schönen Zeichen des freien Lebens in den wilden Bergen hatten plötzlich etwas Erschreckendes und Gespenstisches. Diese jüdischen Jungen aus San Francisco, die eine große Ferienfahrt in die Wildnis gewagt hatten, wußten sich in Gefahr! Warum hätten {ie zu den Feiertagen nicht nach Hause kommen, warum hatten ie das Laubhüttenfest durchaus im Freien, in einer wirklich echten Laubhütte verbringen und in ihrem Uebermut diese Hütte doch nicht bis zur Unkenntlichkeitmit Laub verkleiden wollep? Warum hatten sie vorgestern ihre beiden kräftigsten Und umsichtigsten Kameraden gehen lasten, wie konnte sie sich nur so leichtsinnig Verhalten, um nun irgendeiner rasenden Rothaut oder einem der umherstreisenden Wildwestweißen zum Opfer zu fallen? Und das noch gar am Hellen Ssimchat- Tora-Morgen. Ohne Revolver. Ohne alles. ■; ..Jetzt sehe ich bester", flüsterte Joseph Adlerauge, Sim wurde bleich. Und alle rückten enger zusammen, „ein mächtiger Kerl ist das und reitet aus einem Pferd oder — nein, ich weiß nicht^aber er schwingt etwas in der rechten Hand —" „Colt oder Tomahawk?" . „Jetzt kann ich ihn nicht mehr sehen. Vielleicht hat er Lunte gerochen und ist hinter der kleinen Klippe verschwunden. Vielleicht hat er Angst vor uns? Oder er kundschaftet uns aus. Was sollen wir nur tun?" „Ein Lied singen!" rief Sebel. — „Damit wir uns verraten?" „Wenn wir laut singen, wird er denken, wir sind hundert Mann!" „Mann? Und du bist noch nicht einmal im Stimmbruch."' „Seid doch endlich still." Nun horten sie wieder nur das donnernde Rauschen von unten heraus. Ein Falke kreiste hoch über ihnen und schien plötzlich in der Luft stillzustehen, wie an den klaren Himmel genagelt. Der dicke Sebel fröstelte, und selbst diese kaum hörbare Bewegung trug ihm einen mißbilligenden Blick von Adlerauge ein. Der kleine Sim sah Goliath erbleichen. Und .ihm selbst wurde nicht ganz wohl dabei, obgleich er daran denken mußte, daß Goliath diesen Spitznamen keineswegs von seiner Große hatte, sondern weil jeder kleine David niit ihm fertig werden konntö. Es warüberhaupt sehr ungemütlich an diesem schonen Morgen da oben über dem. Caüon, wenn man bedachte, daß Indianer ja iinmcr noch Indianer, und daß Wildwestbanditen, -von deren Taten die großstädtischen Zei-' tungen täglich neue Schaurigkeiten berichteten, schließlich doch . eine andere Sorte von Erwachsenen waren als beispielsweise Onkel Theodor oder der Religionslehrer mit dem schüchternen Bärtchen. Aber vielleicht hatte der unheimliche. Unbekannte, der Adlbraüge da hinter die Klippe hatte reiten sehend sich seitwärts in die Büsche geschlagen? \ \