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Kinderblatt · 1937-04-14 · 2 (14.4.1937) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kinderblatt
Volume
1938
Issue
2 (14.4.1937)
Date
1937-04-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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SW Backen der Mazzot Holzschnitt Amsterdam, um /d23 JVof, (2) Grete Kar-plus keil, dass inan am liebsten zwanzig Augen gehabt hätte, um alles davon richtig mitzuerleben. Die Sonne schien, aber nicht ins Backhaus; denn ans Mehl oder Wasser oder den Teig oder die Tische darf kein Strahl heran, damit es keine Gärung gibt. Vor den Bottichen standen die Frauen und Männer, die aus Mehl und Wasser den weissen Teig Jmeteten, immer wieder die Gelasse auswuschen und besonders beim Kneten gab’s keine Sekunde Ruhe. Vor den Tischen standen Chassidim und nahmen jeden fertig gekneteten Klumpen Teig sofort unter die blitzblanken Roll¬ oder Walzhölzerund, ehe man sich’s versah, war eine Mazza ausgerollt und sah schon beinahe wie eine Mazza aus, platt und rundlich und nur gar so weiss und glatt, aber Ruhe hatten die Roller und die Mazzot nicht einen Augenblick, es flutschte nur so, kann ich dir sagen, und ehe ich eine Mazza noch recht rundum hätte angucken können, fuhr schon der glattgehobelte hölzerne Schieber mir in die Quere lind ilr, i-iix- M.-izze nach der amliw'M auf srincMl glatten Rucket balancierend, in den giiiliheissen Ofen. Natürlich nicht von alleine, sondern vor dem Ofen, mit einem weissen Kittel und einer weissen Mütze fast wie am Sederabend, stand Schmul, der Mazzotbäcker, und wenn es bei allen schnell wie der Wind von den Händen ging, so ging’a bei ihm noch schneller, aber man merkte es kaum, er wartete nur immer auf neue Mazzot, und das Ganze war für mich das reinste Wunder. Nach einer Weile kam ich endlich vor lauter Zugucken doch noch zur Besinnung und fragte meinen Vater: „Aber wie kommen denn die Löcher und die Buckelchen in die Mazzot?“ „Pass auf, Junge“, sagte er, und führte mich nah an einen Ausrolltisch heran, und da sah icITs, obwohl mit Mühe., denn ich war überall im Wege und wurde versehentlich genug gepufft und geslossen. Kaum halte einer eine Mazza ausgerollt, so schob er sie weiter, und der nächste fuhr mit einem komischen Ding über die ganze Mazza, da' war sie kreuz und quer durchstochen oder, wie sie sagten« gestoppelt, und das komische Ding hiess das Stuppclholz«. Und erst gestoppelt, was ich nicht sofort gemerkt hatte, sausten die Mazzot auf dem Schieber in den Ofen, der aussah wie ein riesiges, eckiges Feuertier, und warm war s im Backhaus, „richtig wie vor Pessaeh, nämlich in Mizraim“* sagte mein Vater. Jetzt kam der schöne Backgeruch aus dem Rachen des Ofens, ich sah die ersten Mazzot sich bräunen, die ausgestuppelten Buckelchen hatten bald jedes ein kleines, braunes Käppchen auf. Tn diesem Augenblick fing ein Chassid zu summen an, die andern fielen in die Melodie ein, die mir so festlich bekannt vorkam, und jetzt legt der erste Chassid los und beginnt — mm weiss ich auch, was es ist, und summe gleich selber mit — das Ha!lei. Wie heilig und fröhlich und feiertagswarm einem da ums Herz wird, kann ich dir gar nicht sagen, der Ofen singt mit, die Rollhölzer walzen mit, die Stuppelhölzer tanzen über die Mazzot, und der Teig klatscht und gluckst und lacht unter den weissen, knetenden Händen, und das alles geschieht zugleich und einmütig, es ist schon ein Stückchen Feiertag! Als ich am Sederabend dann die erste Mazza essen durfte, da schmeckte sie mir noch einmal so gut; denn nun wusste ich, woraus man Mazzot macht: aus Samen, Erde, Regen, Sonne und Glück wird Weizen, aus Weizen und Auf« passen Mehl, aus Mehl und Wasser Teig, aus Teig Mazza.: Das weisst du nun auch, aber das Beste dabei ist doch das lustige Singen und die fromme Fröhlichkeit, oder meinst du etwas anderes? Leo Hirsch wmwfl tw, In wenigen Tagen erscheint ein neues Buch: „Spatz macht sich". Meta Samson hat es geschrieben und Lilli Szkolny hat Bilder dazu gezeichnet. Wenn ihr die folgende Geschichte gelesen habt, dann wollt ihr sicher noch viel mehr von dem „Spatz" wissen. Eure Ellern können euch diese Erzählung in jeder jüdischen Buchhandlung kaufen. (Erschienen bei Philo GmbH, Jüdischer Buchverlag, Berlin W 15.) Ja, das war doch etwas anderes, wenn man Muttis „Grosse“ geworden war. Jetzt gab es keine Ruth und keinen Gert mehr, die Lpatz mal da, mal dorthin bringen oder abholen mussten, sie in die Elektrische Bahn setzen oder ihr womöglich irgendein vergessenes Heft zur Schule nach tragen. Im Auloomnibus klettert sie jetzt allein so schnell wie möglich nach oben, um die vorderste Reihe zu ergattern und so zu tun, als ob sie diesen riesigen Kasten selbständig lenkt. Sie steuert und bremst und fängt vor Anstrengung beinalre an zu schwitzen. In der Untergrundbahn hat eie eich angewöhnt, zu lesen, durchaus nicht nur, um den umeitzenden Fahrgästen zu imponieren, sondern um zu verschmerzen, das« sie meist keinen Fensterplatz bekommt. Dieses Mal halte Spatz kein Buch, in das sie mit Eifer hineinblickte, denn sie sollte ja aufpassen, dass sie an der Haltestelle Nürnberger Platz auszueteigen ‘hat. Aber etwas anderes fesselte ihre Aufmerksamkeit. Ein Fahrgast halle ein süsses kleines Kätzchen mit einem weissen Fell und schwarzem Fleck. Und während Spatz eich darüber amüsierte, dass sie sich so gut mit Tili Löwe — denn so hiess das Kätzchen — unterhalten konnte, war die Bahn in einen Bahnhof eingefahren, und Spatz hätte nun aufpassen müssen, um zu sehen, ob es der Nürnberger Platz war. Sie sali aber gar nicht erst hin, und als Mutti auf dem Bahnsteig nach ihrem Spatz Ausschau hielt und schnell zum hinteren Wagen lief, fuhr der Zug bereits unbekümmert davon, Erst bei der nächsten Haltestelle sah Spatz zufällig ein Schild? Hohenzollernplatz! Ja, und wo war überhaupt Multi! Jetzt fiel Spatz alles ein. Schnell slieg sie aus der Untergrundbahn; aber natürlich war keine Multi zu sehen 1 Der ganze Bahnhof wall leer; niemand sonst war ausgestiegen. Spatz dachte nicht daran, dass sie nur eine einzige Station zu weit gefahren war. Sie war, allein, mutterseelenallein, irgendwo in dem grossen Berlin. Mutti war so weil fort, als wäre sie niemals dagewesen. Und Ruth und Gert, die waren sowieso nicht erreichbar. Jetzt, da Spatz keinen ihrer Lieben hinzueilen sah, da sie sich in so grosser, Ratlosigkeit wusste, bekam sie auf einmal grosses Heimweh' nach Gert; denn er war es ja immer gewesen der sofort zur Stelle war, wenn es brenzlich wurde. Sie hatte Gert und hatlö ihn überhaupt nicht mehr. Was war das mir für ein verzwicktes Gefüllt? — Und genau so, wie Gerl, so weil fort war, und vom anderen Tieren, anderen Pflanzen, anderen Menschen erzählte, die in seiner neuen Umgebung waren, so überlegte Spatz, dass es eigentlich gar kein Unterschied war, ob sie allein auf einem fremden Untergrundbahnhof stand oder in einem wildfremden* Land. Demi Mutti war genau so weit fort, als ob sie in Asien oder Afrika wäre. Da kam ein solches Gefühl trostloser Verbissenheit über Spatz, dass sie bitterlich zu weinen an ring. Wahr-» scheinlieh rief sie alle Namen durcheinander: Multi, Ruth» Gert, — sie wusste nachher überhaupt nicht mehr recht, was sie eigentlich in diesen Sekunden getan oder geredet hatte. Da aber kam auf einmal eine Dame auf sie zu und fragte? „Warum weinst du denn, Kleine?“ Spatz fiel ein, dass sie sieb' nicht von Fremden ansprechen lassen sollte, und sie halle übrigens erst neulich eine Geschieht« gelesen von Seeräubern und vo$ Leuten, die es nicht gut, sondern schlecht mit einem meinen* Sie biss ihre Lippen fest aufeinander. Sie gab kein« Antwort* lind dabei konnte Spatz doch eo gut reden, „wie der fliegende .kästen, behauptete Huth. Vielleicht hülle Spatz es auch mit dem Reden versucht, wenn sie die Dame einmal richtig angesehen hätte, die ein paar gütige und liebe Augen halte. Aber da Spalzens Augen in Tränen schwammen, sah sie nichts anderes als auf einmal eine rote Mütze, die immer näher und näher auf sie zukam. „Na, Kleine, was weinst du denn“, fragte der Schaffner. „Findest du nicht nach Hause?“ Aber ehe er eine Antwort abwarten konnte, musste er schnell in das kleine Stalionshäuschen; denn das Telephon hatte geklingelt. Mit seltsamem Schmunzeln kam'er wieder heraus. „Na, nu mach’ mal, dass du gleich wieder eine Station zu rück fährst, da musstest du nämlich aussteigen. Es ist eben nach, dir gefragt worden. Aber es scheint mir besser, ich gebe dich einem Beamten mit, der dich heil zurückbringt!“ Spatz wusste gar nicht, was mit ihr geschah. Ganz willenlos liess sie sich jetzt an den Zug bringen, der einfuhr, und willenlos übevliess eie sich dem Beamten, der eie an die Hand nahm und merkte, dass hier Zuspruch am Platze war, um das verängstigte kleine Mädchen wieder zurechtzuslulzon. Während er auf eie einredete, bemerkte Spatz plötzlich ganz in ihrer Nähe Gertrud, ein Kind aus ihrer Klasse. Gertrud war es gewesen, die immer sagte, dass Spatz furchtbar angähe, dass sie sich nicht vertragen könnte, und dass sie unausstehlich sei. Und Spatz selbst konnte Gertrud nicht leiden, weil sie immer zu allem, was mau ihr in grösster Aufregung erzählte, schnippisch erwiderte: „Ach, das habe ich schon ,lääängst‘ gesehen, Achgottachgotl, tu’ dich man bloss nicht so“ oder „reisso dir man keine Zahnlücke aus“ und ßo fort. Wenn einer zwei Puppen hatte, dann halte Gertrud fünf, wenn einer bis nach London gefahren war, um Schwester oder Bruder zu besuchen, dann hatte Gertrud schon eine Palästinareise gemacht, und wenn einer vom Rummel erzählte und alle brennend vor Neugier um die Erzählende herumstanderg wandte Gertrud eich weg und sagte: „Achgollachgott, wie interessant, — und ich war gestern im Zirkus Krönet“ — Nach Gertruds Erzählungen besessen die Eltern ein Auto, ein Motorboot, von dem sie immer als „mein Auto“, „mein Motorboot“ sprach, und demnächst würde sie sogar eine „richtige“ Armbanduhr bekommen. — Nun also sah ihre „Feindin“, dass sie verweinte Augen halte, sie sah, dass irgend etwas mit Spatz nicht in Ordnung war. Spatz batte ihre Hand noch in der des Schaffners, der sie zurückbringen sollte. Sie hatte sie sogar mit Freuden darin gelassen; denn es war so wohlig und warm darin gewesen, als ob man nicht so allein wäre, sondern in einem weichen Nest sässe. Aber nun, wenn Gertrud das sah, würde sie. sich den Zusammenhang sofort erklären können oder sie am nächsten Morgen so mit Fragen quälen, bis ßio alle Eiuzelheilgii aus Spatz herausgelockt halle. Sollte sie jetzt schnell ihre Hand zurückziehen, ehe Gertrud etwas bemerkte und den Kindern lachend erzählen würde, dass Spatz, die immer eo mit ihrer Selbständigkeit prahlte, einen Schaffner ganz für sich allein gebraucht hatte, damit sie gut nach Haus kam? Spatz machte eine kleine Bewegung, um die Hand zu lockern. Sie wollte auch jetzt nicht mehr mit dem Schaffner sprechen. Es sollte so ausßehen, als ob sie nur durch Zufall neben ihm stände. Darm aber wies Spatz diesen Gedanken weit von sich. Der Schaffner, der gut und freundlich zu ihr gewesen war, den sollte sie verleugnen, bloss weil Gertrud so eine bissige Zunge hatte? Gerade da richtete der Schaffner wieder das Wort an sie. Er fragte, ob sie sich nun beruhigt hätte, und dass jetzt der Zug gleich halten würde. Sie solle nun nicht gleich aus dem Bahnsteig heraus reimen, sondern sich in aller Ruhe umsehen, wo ihre Müller stände. Und ob sie es weit von der UnlergrimdbahnslaUon bis nach Hause hätte, wenn sie ihre Mutter aus irgendeinem Grunde nicht träfe. Spatz beantwortete jetzt alle Fragen, und Spatz hatte den Kin- «I ruck, «las« Ciiirlvml »lies «eUOrl tutlu-u tUi hi 12 Uw«-. lllidiR niclil von Hpalz los wnu< Ile. Aber eie wusste, dass sie das Tuscheln am nächsten Tag in der Schule ruhig ertragen würde, während sie früher gewiss gleich losgehauen hätte. Sie hatte ja einen heuen Freund in dein Schaffner gewonnen, einen Menschen, der es gut mit ihr meinte und sie mit warmen und freundlichen Augen ansah, — und das trifft man nicht alle Tage! Als der Zug hielt und wieder so ein grosser Bahnhof Spatz umfing, da dachte sie, nun begänne alles wieder von Neuem, der endlos lange Bahnsteig und kein Mensch, der einen kennt, — aber was war das — auf einmal umschlangen sie ein paar Arme, Muttis Arme, — und sie sagte ganz vergnügt: „Na, da bist du ja, mein Spatz. Nun können wir endlich nach Haus gehen und essen, — Wo biet du nun gewesen, Spatz“, fragte Mutti, „hast du dir gemerkt, wo du eigentlich ausgestiegen bist?“ „Ich weiss es-nicht“, sagte Spatz, „ob cs Afrika oder Asien war; es war so weit, Mutti, so furchtbar weit!“ Kennt ihr auch Minuten, die so aussehen, als wären sie Stunden, während es Stunden gibt, die wie Minuten vorbeieilen? So eine Minute, die niemals zu Ende geht, war es gewesen. Niemals konnte Spatz vergessen, wie lange sie sich hinzog, viel, viel länger noch als die Rechenslunde. „Eigentlich, mein Spatz“, meinte Mutti später, „hast du überhaupt nicht gewusst, was man zu tun hat, wenn man sich einmal verirrt oder ganz allein auf sich angewiesen ist. Warum bist du nicht gleich zum Schaffner gegangen und hast ihm gesagt, wie es dir ergangen ist?“ „Ach, Mutti, Weinen ist viel leichter als Fragen. Da habe ich eben lieber Zehn Jahre alt war Heinz, als er in den „Schild“ eintrat. Seitdem hallo er erst richtig turnen gelernt. Das erste, was der erste Trainer zu Heinz gesagt hatte, war: „Donnerweller, Junge, du kannst aber wirklich prima laufen.? Dann hatte er Heinz über fünfzig Meter gestoppt. Das Ergebnis war knapp etwas über 7,9 Sekunden. Seitdem hatte er den jetzt Zwölfjährigen fast täglich trainiert. Heule mm war Heinz 7,8 Sekunden gelaufen. „Du kannst nach Berlin zu den Leislungewettkümpfon der Jugendlichen. Du holst dir sicher einen Preis.“ Ob die Eltern das wobt erlauben würden? Die Fahrt und die Verpflegung bei dieser Reise Würde zum grössten Teil vom „Schild“ gezahlt werden. Er kam heim. Seine Mutter war zu Hause. „Guten Tag, Heinz“, sagte seine Mutter, „na, wie war’«?“ Heinz warf seine Mütze aufs Sofa und erwiderte: „Funz war es, denk' mal, unser Trainer hat uns von einem Jungen erzählt, der mit zwölf Jahren Meister in Berlin, und ein paar Jahre später, nach klüftigem Training, doppelter Meißler in USA wurde.“ „Na, Heinz, ich glaube“, sagte die Mutter, „der Junge hat damals mit zwölf Jahren keinen Fünfer in der Rechenarbeit geschrieben und vor lauter Sport sämtliche Arbeiten verpatzt.“ Heinz wurde rot. Es war ihm gar nicht Heb, dass seine Mutter gleich heraus halte, was er wollte. „Ach, das mit dem Fünfer war was ganz anderes. Mir war’s damals so schlecht, und die übrigen Arbeiten sind sowieso schlecht ausgefallen“, sagte er, doch etwas unsicher. „Weshalb aber Kurl, der ja auch eine Zeit lang wegen seines Weitsprungs so schlecht war, eine Eins in dieser Arbeit hat und in den anderen schlecht ausgefallenen Arbeiten Eins und Zwei halte, willst du mir das mal erklären? Du kommst nicht nach Berlin, das hat ja gerade noch gefehlt,“ „Aber Mutsch", sagte Heinz zerknirscht, „wenn ich in Berlin Meister werde.“ „Dann wirst du auch gleich Sieger in USA. Schreib gute Noten und bring ein anständiges Zeugnis beim, -Lun I

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