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Central-Verein-Zeitung · 1938-03-24 · 12 (24.3.1938) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
12 (24.3.1938)
Date
1938-03-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XVII. Jahrg. 7 Nr. IX Berlin, 24. März 1938 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS Sf^co^1» <2frI4g' Scbriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Str. 42. Feraspr.: 928141-45. Telegr.-Adr.: Centralglanben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70S44, Prag VIII 26363 Bankkonto: Gebr. Arnbold, Berlin W8. Die CL-V.-Zeitang erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschlnss: Dienstag. Bestellunsen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen Zi durch die Post, die die Gebuhren durch den Postboten erbebt Bezngspreis Vierteljahr!. 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Kpf. Bestellgeld. Für Aasland vierteljährl. 2.30 RM (umuerechnet in die"Landeswährung) einschl^Zustellgebuhren Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höh. Gewalt besteht kein Ansprach aaf Nachlief, od. Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren:" Preisliste 6 gültig. Die 12gesp mra-Zeile 20 Rpf.. f. Stellengesuche 10 Rpf., f. Familienanzeigen 16 Rpf., weit, ermäss. Grundpreise s. Preisl. Einzelanzeigen nur geg. Vorauszahl. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. 77218. Züricfi Zustellung erfolgt ine notwendige SUmderstatistik A. H. Es genügt nicht, neben der Auswanderung als Ergänzung die Einwanderung zu nennen, um damit die ganze Fülle der Probleme zu umreissen. Transportkosten, Aus- und Einreisemöglichkeiten einschliesslich der oft so grossen Visumschwierigkeiten sind letzten Endes teils politische Fragen, deren Regelung meist von allgemeineren Erwägungen abhängen, teils nur technische, die durch Erfahrung und Geld gemeistert werden können. In den Reihen der jüdischen Organisationen gibt es eine Anzahl ausgezeichneter Wahderungsspezialisten, die unermüdlich besorgt sind, fi&99P&. MiszwuljuU Bestellzettel auf Seite 21 Juden aus Deutschland den Weg zum neuen Anfang zu öffnen und zu ebnen, sie mitunter sogar an der Schwelle des neuen Landes empfangen und wenigstens zu Beginn betreuen zu lassen. Aber die Landesgrenzen sind leider sehr oft auch Grenzen der Einflussmöglichkeit. Und ein paar Tage öder Wochen nach ider Landung muss der Einwanderer beginnen, auf eigenen Füssen zu stehen. Der Prozentsatz der später noch Hilfebedürftigen darf eine bestimmte Höhe nicht überschreiten — die Mittel sind knapp, und neue Menschen sind gelandet oder unterwegs. Man weiss, wie unendlich schwer es vielen wird, das Gehen und das Sprechen neu zu erlernen. Aber trotzdem scheint es gut, dass die fürsorgliche Betreuung, die hier die jüdischen Menschen in allen Lebensaltern und in allen Lebenslagen erfasst und ihnen sehr oft die Verantwortung für ihre Lebensentschlüsse abnimmt, einmal ihr Ende findet; so lernen die Menschen aus unseren Reihen wieder auf eigenen Füssen zu stehen, und, oft sehr schwach und schwankend zunächst, aber allein, aus eigenem Können und aus eigener Verantwortung ihre Existenz zu erbauen. . Es gibt keine Erfolgsstatistik, wie es den hunderttausend Juden aus Deutschland, die nicht nach Palästina gegangen sind, wirtschaftlich geht, wie sie sich in die neuen Wirtschafts vor Stellungen und -sitten hineingefunden haben, wie sie mit dem Auf und Ab der Konjunkturen, um ein Vielfaches konjunkturempfindlicher als alle anderen, fertig geworden sind. Unsere Freunde sprechen über die Ozeane hinweg zu uns in Briefen, die sieh bei Organisationen und Redaktionen ansammeln. Wir erfahren, wann und wem es gut ergeht, und wir hören, wie doppelt bitter das Brot der Armut draussen schmeckt. Niemand ordnet diese Briefe nach Plus oder Minus und macht daraus Statistiken. Es beruhigt keinen, zu erfahren, weshalb.er hungert, es erregt ihn, dass er hungert — und wer möchte hungern? Das ist der Punkt, an dem unsere Sorge bleibt, wie wenig auch unsere Möglichkeiten hinreichen, um Hilfe zu bringen. Aber die Briefe sprechen seit einiger Zeit häufiger als früher von mehr als nur von Land und Leuten und von den Möglichkeiten des Erwerbs und der Einordnung. Sie sind eine Art Kontrollecho unseres eigenen jüdischen Lebens hier; sie bezeugen, ob unsere jüdische Arbeit hier mehr nur als Speditions- und Transportarbeit gewesen ist, und umgekehrt, ob die jüdische Erschütterung, die jene hier verspürt hatten, anhält, wenn sie vom Herd des Bebens entfernt sind. Aufwand und Ergebnis dieser jüdischen Arbeit werden miteinander in Vergleich gesetzt und — selten befriedigend saldiert. Manchmal verlieren unsere Freunde draussen nach wenigen Monaten schon das Augenmass für die Realitäten der jüdischen Arbeit hier, und nichts ist beschämender als Briefe von Menschen, denen allgemeine jüdische Mittel den Weg in die Ferne geöffnet haben, und die sich dann mehr oder weniger anonym aus dieser Ferne über den Mut und den Charakter derer auslassen, die hier die schwere Arbeit weiter tun. Es sind zwar von den Hunderttausend nur wenige; aber das Wort von der Judenfrage als einer Art optischen Problems: wenn man zwei Juden sieht, meint man, es seien fünfzig, gilt auch nach der. akustischen Seite. Wenige Undankbare übertönen die zahllosen dankbaren und ernsthaften Menschen, die schweigen. Immerhin, solche Erlebnisse stimmen nachdenklich und wandeln für ein paar Stunden die Arbeit nur zur Pflichterfüllung. Doch neben diesen wenigen, denen damit eine Antwort in die Ferne gegeben sei. stehen die vielen klugen und guten Freunde, die mit uns Zwiesprache halten, über das, was wir hier tun, und auch über das, was sie draussen nach unserer Meinung als Juden tun sollten. Einer der beiden Briefe, die wir heute veröffentlichen, um an zwei Darstellungen aus derselben Stadt — Johannesburg — einen Blick in die seelische und in die jüdische Situation der Einwanderer zu geben, zitiert einen Satz aus einem unserer Leitartikel, in dem den ausgewanderten Juden aus Deutschland eine jüdische Verpflichtung zugeteilt wurde, und er stellt im Gegensatz zu dieser Forderung das Bild der Wirklichkeit dar. Wir aber stellen hier die Gegenfrage: Warum eigentlich haben wir Juden aller Vermögensstufen, aller Berufs- und Bildungsklassen, aller jüdischen Richtungen durch Steuern und Beiträge und Spenden diesen Menschen den Weg geöffnet und — sagen wir es ganz deutlich: bezahlt — wenn nicht deshalb, weil sie als Juden unter ein Schicksal geraten waren, mit dem sie hier als Juden nicht fertig werden konnten?! Niemand — oder die meisten nicht — würde daran denken, einem ihm unbekannten früheren Anwalt oder Kommis aus seinen eigenen Mitteln mehr als einen kleinen Betrag gegen das Verhungern zu geben, wenn er sieh vorstellen müsste, dass er durch sein besseres jüdisches Herz (was hier heisst: durch seine reichlichere Spende) ihm, dem Juden, der unter dem gleichen Schicksal steht wie er selbst und wir alle, nicht den Weg aus einer jüdischen Not erleichterte, sondern den Weg aus der jüdischen Gesamtverantwortung heraus frei machte. Wir alle wissen, dass die Hunderttausend in Uebersee ebensowenig wie die 350 000 hier durch die Ereignisse allesamt zu „guten4' Juden wurden. Aber es berührt uns merkwürdig, wenn man draussen nur noch Kommis und Sekretär und Masseur sein und nur noch Krise und job kennen -will und gar nicht mehr Judentum und jüdische Verpflichtung gegenüber den Zurückbleibenden und den Nachfolgenden. Die Gratisfahrkarte, die alle dies* Men- . sehen um des Judentums willen bekommen haben, und um der jüdischen Not hier zu entgehen, ist ein Schein, auf dessen Einlösung die jüdische Allgemeinheit bestehen muss, ein Schein, der einen Anspruch verbürgt, nicht auf das „Pfund Fleisch nächst dem Herzen", sondern auf das ganze, das jüdische Herz! Ein Jahrfünft ist vergangen, seitdem die ersten Massen in die Einwanderungsländer zogen — wir haben mit Freude und Genugtuung jede Aeusserung vermerkt, die als Ausdruck jüdischer Gesamtverpflichtung und Dankbarkeit zurückstrahlte. Wir haben uns nur sehr selten freuen können, und manches Thema, das verheissungsvoll drüben angeschlagen worden ist, fand keine Wiederholung. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben den jüdischen Instanzen eine ausserordentliche Fähigkeit in technischen und sozialen Indikationen und .Analysen und Statistiken verliehen, und niemand wird die unvergessliche und unwiederholbare Leistung der Menschen unserer Kreise inmitten einer weltgeschichtlichen Umwälzung die Anerkennung versagen. Aber wir möchten, dass auch noch eine etwas vernachlässigte Statistik stärker beachtet werde: es möge mehr als bisher dafür Sorge getragen werden, dass nicht nur eine grosse Zahl von Juden hinausfährt, sondern dass eine gleiche Zahl als Juden in ihrer neuen Heimat ankommt und Jude bleibt. * Unsere Leser werden, wenn sie nunmehr die beiden Briefe alter Mitarbeiter der C.-V.-Zeitung lesen, erkennen, dass die vorstehenden Bemerkungen keine Polemik gegen diese Briefe, sondern Betrachtungen aus Anlass gewisser Gedanken sind, die vor allem eines dieser Schreiben enthält. Unsere Auslassungen zu dem Thema gelten auch keineswegs nur dem Menschenkreis eines bestimmten Einwanderungslandes, sondern sie sollten von allen unseren Freunden gehört w*erden, wo auch immer sie sich befinden. Das Riesenwerk, das jüdische Hände und Köpfe hier und in aller Welt bewältigen müssen, bedarf, wie seinerzeit der Riese Antäus in der Sage, der immer von neuem mit der Erde in Berührung kommen musste, um nicht zu unterliegen, der stetigen Wiedererstarkung durch die unaufhör«? liehe Berührung mit unserm Erdreich: dem Judentum. (Vergleiche Beilage „Die Wanderung".) Französisches Jfudemtum Zweitmisend Jahre Geschichte Die französischen Juden gehören zu den ältesten Bevölkerungsteilen des Landes. Wenn es auch Sage ist, dass es schon zur Zeit des Königs David in Narbonne Juden gab oder dass nach dem Fall Jerusalems drei Schiffe mit jüdischen Gefangenen in Frankreich gelandet seien, so haben sich die Juden doch immerhin schon fünfhundert Jahre vor den Burgundern, Westgoten und Franken (die dem Lande den Namen gaben) und achthundert Jahre vor den Normannen in Frankreich angesiedelt. Die ersten kamen wohl im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung als politische Gefangene nach Gallien, das damals der Verbannungsort für politische Verurteilte war, so die Söhne des Königs Herodes. Besonders zahlreich waren die Juden auch in den römischen Legionen, worüber sich die Kirchenväter gelegentlich beunruhigten, und an dem Aufblühen der Hafenstadt. Marseille, die in ständiger Verbindung mit Aegypten und Kleinasien stand, hatten die Juden einen grossen Anteil. Die fast zweitausendjährige Geschichte der, französischen Juden, die der Grossrabbiner von Lille, Leon Berman, in einem soeben erscheinenden Buche erzählt*), ist die erschütternde und zugleich erhebende Offenbarung einer fast ununterbrochenen Folge von Aufstieg und Verfolgung, von Leistung und Leiden, und man begreift, dass der Abbe Gregoire, einer der Vorkämpfer ihrer Gleichberechtigung in der französischen Revolution, angesichts dieser Vergangenheit ausgerufen hat: „Wir sprechen mit Entsetzen von der Bartholomäusnacht, in der- Tausende von Protestanten zugrunde gegangen, sind. Die Juden sind zweihundertmal das Opfer viel tragischerer Szenen geworden." Nach den religiösen Verfolgungen der ersten Jahrhunderte fanden sie wirksamen Schutz durch Karl den Grossen, dessen Gesetzgebung ihnen gleiche Rechte verlieh, der mit ihrer Hilfe die durch die Araber vollkommen zerstörte französische Schiffahrt im Mittelmeer wiederherstellte, und der sich für seine Mission ins Ausland vielfach jüdischer Diplomaten bediente — so führte ein gewisser Isaac die Gesandtschaft; des Kaisers Karl zu Harun al Raschid und brachte zwei Elefanten als Geschenk des Kalifen für dessen kaiserlichen Freund. 'Die Geschichte der französischen Juden ist .*) L6on Berman: . origmes ä nos jouxs" .Histolre des Juifs de France des (Paris, Librairie Lips3h.utz)c nicht einheitlich. Sie zerfallen in drei deutlich geschiedene Gruppen: die „Portugiesen", die „päpstlichen" und die „deutschen" Juden. Die Einwanderung zahlreicher spanischer und portugiesischer Juden in Südwest-Frankreich, besonders in Bordeaux, St.-Etienne und Bayonne, gab dort dem wirtschaftlichen wie dem kulturellen Leben einen gewaltigen Aufschwung. Meist Marranen, wurden sie nicht Juden, sondern kurzweg „Portugiesen" genannt, und ihre Begräbnisstätte war „der Friedhof der Herren Portugiesen". Man weiss, dass die Mutter Montaignes, des toleranten Skeptikers vom Schloss Montaigne in Perigord, eine Tochter des Marranen Pierre de Louppes war. Sie führten neue Industriezweige ein, so wurde die Schokolade erst durch sie in Frankreich bekannt, und wenn Bayonne noch heute durch seine zahlreichen ausgezeichneten Schokoladenstuben berühmt ist, so ist dies ein Nachklang aus der ..portugiesischen" Zeit. Die „pästliehen Juden" bekamen diese Bezeichnung, weil sie nach ihrer Vertreibung aus dem königlichen Gebiet sich zum grossen Teil unter dem Schutz der Päpste und ihrer Verbündeten in der Provence und im Languedoe niederliessen. Feierten doch die Juden von Narbonne lange Zeit als ein besonderes Fest das „Purim von Narbonne" zur Erinnerung daran, dass sie während einer Judenverfolgung im übrigen Frankreich durch ihren Vizegrafen geschützt wurden. Hier in Südfrankreich entwickelten sie In dieser Nummer finden unsere Leser u.a.: Die Aufsätze: Dr. Werner Rosenstock: Die Schulentlassung — Ilse htrator: Die innere Stimme, Erzählung — Dr. Werner Cahnmann und. Dr. Fritz Bauer: Menschenwege — Dr. Manfred Swarsensky: Subjektives und objektives Judentum — Ernst Fraenkel: Die Opern des Juden — Zwei Briefe aus Johannesburg Die Beilagen: ' Buch und Kunst — Sportblatt — Palästina- Umschau — Wirfschaft der Woche — Die Wanderung

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