Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 9 (3.3.1938)
- Date
- 1938-03-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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gelte 12__C-V.-Zelfung Zern ersten Male ■ „Ein Glas Wasser" Im Jüdischen Kulturbund Hamburg Dr. Hans ßuibaums künstlerische Leitung der Aufführung von Scribes Komödie „Ein Glas Wasser*' hatte den ureigenen komödiantischen Sinn des feinen perlenden Lustspiels erfasst und — nach Möglichkeit — durchgeführt. Diese komödiantische Grundschwingung, dieses Zusammenschmelzen und Hinüberführen aus der dreifachen Dimension von Schein, Sein und Wirklichkeit in die einfache Dimension des Spielerischen wirkte sich zwingend genug aus. um, trotz unterschiedlicher darstellerischer Gegebenheiten, den Zuschauer mitschwingend in die Sphäre spielerischer Verzauberung einzubeziehen. Von ausserordentlich suggestiver Wirkung erwiesen sich hierbei die Bühnenbilder von Heinz Cond eil (Berln). In Farbe, Form und Erfindung wunderbar feinnervig und von zartester Illusion, senden sie gleichwohl ein geradezu wesenhaftes Darsteliangsfluidum aus. Auch die Kostüme von Kate Friedh e i m verdienen besondere Erwähnung. Im Mittelpunkt der schauspielerischen Darstellung stand als Gast Jenny Bernstein- Schaffer als Herzogin Marlborough. Eine sieghafte Intrigantin, eine stolz Schlagende und Geschlagene, mit dem Lauern und Lächeln einer königlichen Katze, mit den triumphalen Schritten einer Tigerin die Szene durchmessend und beherrschend. Ihr Gegenspieler Fritz Melchior. Sein Viscount Bolinghoke schlug sich tapfer mit einer draufgängerischen Angriffslust, die der Ueberlegenheit dieser Gestalt und Das Februarkonzert des Berliner Kulturbundes brachte zwei Uraufführungen : Waith er Hirschbergs „Feierliches Vorspiel", im Kulturbund-Preisausschreiben „zur Aufführung empfohlen", steigert sich aus einem unscheinbaren Anfangsmotiv zu festlichem Glanz des vollen Orchesters. Satzart und Instrumentation verraten eine geschickte Hand, stilistisch macht sich ein gewisses Schwanken bemerkbar. Jakob Schönbergs Horra-Fuge — einem zyklischen Werk entnommen — stellt einen überaus gelungenen Versuch der Verschmelzung zweier Formen dar, wie er ähnlich etwa in den fugierten Gigues der Barockzeit unternommen wurde. Das Gesetz der Steigerung in Horra und Fuge gibt einen gemeinsamen Nenner. Der vitale Horrarhythmus pulsiert in den Durchführungen, während die Zwischenspiele als lockeres Weiterspinnen, als gelöste Episode kontrastieren. Beide Neuheiten ernteten herzlichen Erfolg, für den die Komponisten selbst dankten. Im übrigen gab es Meyerbeers ,,Struensee"-Ouvertüre, deren edles Pathos auch heute eigentlich nicht verblasst wirkt, ferner das Celiokonzert von Dvorak, dessen Schwierigkeiten Leo R o s t a 1 mit Anstand meisterte, ohne dabei die schöne Tongebung zu vernachlässigen. Die Jupitersinfonie bildete den krönenden Abschluss; die Kontrapunktik ihres Finales entlockte dem Dirigenten Rudolf Schwarz den stärksten Einsatz des Abends, wie das bei einem echten Musiker auch gar nicht anders sein kann. Im ganzen war die Orchesterleistung etwas under Delikatesse ihres Wortes wohl eine Gefahr bedeuten kann. Die historische Königin Anna von England war eine dicke, rundliche Frau, und alle Ueberkommenheiten sprechen dafür, dass auch ihr Naturell ein entsprechend rundliches war. Ruth Manheim er (Reimer) gestaltet diese, an allen Regierungsgeschäften uninteressierte, nur weibchenhafter Bequemlichkeit und Unterhaltung ergebene Herrseherin mit Ueberlegung. und mit überlegter Naivität, aber auch mit dem notwendigen Anflug königlichen Stolzes. Die Abigail Ursula Lieblichs eher weiblich redegewandt als schauspielerisch beredt, Hans Heinz F r i e die m a n n seinen jungen, ahnungslos inmitten Frauengunst stehenden Masham reichlich eisgekühlt haltend, Kurt Schindler als Marquis von Torey gruppieren sich um den Brennpunkt der Gesamtaufführung, die einen starken unmittelbaren und bemerkenswert ungeteilten Erfolg davontrug. Erika Güiermann. Ein neues Werk von Darius Milhaud An der Opera Comique in Paris ging eine spezifisch jüdische Oper von Milhaud in Szene, deren dichterische Vorlage von Armand Lunel stammt. „Esther de Carpentras" ist als „opera bouffe" bezeichnet, weil der Ernst nur gelegentlich durchschimmert. Das Stück spielt zur Zeit des französischen Papsttums, im Ghetto von Carpentras. wo das Purim-Fest im Mittelpunkt der Handlung steht. Die Musik Milhauds ist grell und lebhaft, fürs erste durchaus überraschend, bis doch ein geheimer Reiz und ein besonderer Charakter sich enthüllt. Besonders erwähnenswert sind die beiden Vorspiele sowie die Chöre des jüdischen Volkes, Karl Wiener. gleichwertig, besonders bei den Bläsern sind manche Mängel in der Präzision, die durch besondere Umstände bedingt sein mögen, auszubalancieren. H. Freyhan. Am vierten Abend ihrer Vortragsreihe „"Umgehört e Stimmen" setzten sich Erna (Leonhard) Feld und Leo Merten (Menter) pietätvoll für die ..Frühvollendeten'' ein, für Dichter also, deren Lebensfaden mit ihrem noch in der Entwickelung befindlichen Werk vorzeitig abriss. In dem Oktett der an diesem Abend zu Gehör gebrachten Dichterstimmen drang nicht jede einzelne mit einem eigenen nachhallenden Ton durch; besonders aufhorchen liess jedoch der schlichte und echte Gefühlsausdruck in der Abschiedselegie „Mutter, halte mich nicht" von Alfred Lichtenetein, dem im Weltkrieg Gefallenen, sowie das Fortissimo einer wild sich aufbäumenden, in bildkräftfger Sprache gebändigten. Lebensgier und Leidenschaft in Gedichten von Hans E h r e n b a u m - D e g e 1 e, dessen ausserordentlich starke lyrische Begabung gleichfalls dem Kriege zum Opfer fiel. H. L. Einen Liederabend mit vorbildlichem Programm gaben Ruth H e n n i g und Alfred R o s - hasch im Jüdischen Musik verein Breslau. Die Stimme der Sängerin fiel seit langem durch Diszipliniertheit und besondere Ausdruckskraft auf; nun ist auch der Vortrag noch reifer und bewusster geworden, so dass die Gesamtdarstellung ein hohes Mass künstlerischer Geschlossenheit erreicht. Rosbaschs stimmliche Entwicklung ist noch nicht beendet: vieles klingt ausgezeichnet, namentlich in der Mittellage, anderes wieder, durch mangelnde Resonanz, zu flach. Das Kunstwerk selbst wird in allen Teilen richtig erfasst. Als aufmerksame Begleiterin bewährte sich wieder Lotte Schoeps-Rogosinski. Hif. Das erste Konzert im neuen Hamburger Jüdischen Gemeinsehaftshaus bot eine vielfältige Vortragsfolge. Vom Tempel-Chor hörte man unter seinem bewährten Leiter Georg d e H a a s Gesänge von Rossi, Lewandowski, Mendelssohn, Henle und Kornitzer. Rühmenswert sind die immer grösser werdende Einheitlichkeit, die Diszipliniertheit und vor allem die künstlerische Durchbildung des Ensembles. Höhepunktewaren die Keduschah von Rossi und das von Kornitzer meisterlich vertonte Haschkiwenu (aus der Wochentagsliturgie). Ein Lob gilt Hennann C e r i n i s Begleitung am Flügel und Walli Henschels Sopransolo im Lewandowski sehen Psalm 84. In seiner Suite „Chassidische Tänze" für Violine und Klavier hat es Heinrich Scha- 1 i t verstanden, chassidische Melodien instrumental zu bearbeiten, ohne dass sie von ihrer Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit einbüssten. In feinstem Zusammenspiel setzten sich Annie Steiger-Betzak. (Violine) und Erwin Palm (Klavier) für das Werk ein und verhalfen ihm zu einem verdienten herzlichen Erfolg. Mit einer prächtigen Wiedergabe des Mendelssohnschen Trios in d-molL, zu dessen Ausführung sich die beiden Künstler mit dem Cellisten Dr. Jacob S a k o m vereinigten, schloss der Konzertabend, der bei den Hörern grösstes Interesse und ungewöhnlichen Beifäll fand. Im Rahmen der Nürnberger Kuiturbundveranstaltungen bereitete Hermann S c h e y s hohe Gesangskunst dem zahlreich erschienenen Publikum Stunden höchsten Genusses. Die hier so beliebten Abende einheimischer Künstler fanden ihre Fortsetzung in einer musikalischen Veranstaltung, bei der"Ilse Scheffler (Violine), Lonja Schächter (Klavier) und Elisabeth Rosenfelder (Gesang) durch reife künstlerische Leistungen den Beifall des ausverkauften Hauses errangen. Gothel Levi begleitete gewandt. Diese Veranstaltung wurde in der Fürther Synagoge zugunsten des Winterhilfswerkes mit gleichem Erfolg wiederholt. Max Ehrlich gastierte mit seiner Kleinkunstbühne an zwei Abenden; der liebenswürdige Künstler mit seinen Partnern Ruth Lehnberg, Fritz T a c h a u e r und Werner Baer (Klavier) versetzte das grosse Publikum in heiterste Laune. ' Zu einer W'eihestunde in des Wortes tiefster Bedeutung gestaltete Edith Herrnstadt-Oett \ xl g e n ihren Vortragsabend. Ihr feinzusammengestelltes Programm, mit ungewöhnlicher Beseeltheit zu Gehör gebracht, riss das Publikum zu wahren Beifallsstürmen hin. Emrny S c h w e d umrahmte mit gut gespielten Klaviervorträgen die Rezitationen. Dr. * Anneliese Landau und Wolf gang Rose bezauberten die Kulturbundmitglieder mit einem entzückenden Abend „Ungetanzte Tänze". Die Jüdische Chorvereinigung Köln gab ihr erstes Konzert in diesem Winter. Die Leitung hatte Kurt Heinemann. Es ist nicht erstaunlich, feststellen zu dürfen, dass dieser ausserordentlich begabte Dirigent aus seiner Sängerschar ein hervorragend diszipliniertes Chorinstrument herangebifdet hat, das sich grossen künstlerischen Ansprüchen gewachsen zeigt. Zur Aufführung gelangten jüdische Volkslieder, bearbeitet von Rosy Geiger-Kullmann, eine Kammerkantate von James Simon, Werke von Händel und Mendelssohn. Solistisch betätigten sich mit Erfolg: Emmy Samuel (Merkel) und Hertha Fürst (Sopran), Adelheid Hess (Alt) und Dr. Josef Carlebach (Tenor). Die Chordarbietungen wurden umrahmt von ausgezeichneten Violinvorträgen des Geigers Ernst Drucker. Willi Nr,9*3.Marz1938 Löwen st ein begleitete ihn sowie den Chor, mit gewohntem Geschmack. Die Veranstaltung fand ungeteilten Beifall. —yo— Aus technischen Gründen musste sich das Programm des 45. Mittwochkonzertes des „Jüdischen Tonkünstler" Frankfurts auf zwei grössere Kammermusikwerke beschränken. Lilly Schwarz - Mayerhofer (Klavier)' und Theo Ratner (Violine) verbanden sich {2} Ski-Mieder pmI machen schlank Ski-Mieder-Fabrik; Köln mit Wolfgang Brettschneider, einem aufstrebenden jüngeren Mitglied des Kulturbundorchesters, zur Wiedergabe zweier Trios von Mozart und Arensky. Herzlicher Beifall dankte den Spielern. : —tt Ein Chorjubiläum Der Kurt Singers che Chor in Berlin, der 1933 aus dem zwanzig Jahre vorher von Dr. Singer gegründeten und ständig geleiteten Berliner Aerztechor hervorgegangen war, konnte in diesen Tagen auf sein 25jähriges Bestehen zurückblicken. Was von diesem aus Musikliebhabern, aus Dilettanten zusammengesetzten gemischten Chor vor allem in den letzten fünf Jahren geleistet und geboten wurde, ist weiten Kreisen des Berliner jüdischen Publikums gut bekannt. Die eindrucksvollen Aufführungen Händelscher Oratorien wie „Belsazar", „Judas Makkabäus", „Israel in Aegypten" und anderer grosser Chorwerke wurden in wochenlanger Probenarbeit sorgfältig einstudiert und fanden in namhaften Solisten sowie im Orchester und im Chor des Berliner Kulturbundes wichtige und ständige Stützen. Der Chor verdankt seinen organisatorischen Aufbau, das Niveau seiner künstlerischen Leistung wie überhaupt seine Stellung im jüdischen Musikleben im wesentlichen der Initiative und Autorität, der Erfahrung und dem Können seines Dirigenten. Jeder Glückwunsch, so auch der unsrige, kann nur in die Hoffnung ausklingen, dass Dr. Singer und mit ihm der weit über hundert Köpfe zählende Kreis seiner Chormitglieder wie bisher in harmonischer Zusammenarbeit noch viele Jahre ihren Platz im Musikleben der Berliner Judenheit behaupten, mögen. E. Gr. L. Jüdischer Kulturbund Berlin Wochenplan Theater in der Kommandantenstrasse 57, 20 Uhr: „W enn ich König wä r"': 5. März (Abonnement, Abt. 46), 6, März (Abt. 27, 37),. 8. Mars (Abt. 26, 36); „Kap der guten Hoffnung*': 7. März (Abt. 24, 34), 9. März (Abi. 3, '13), 10. Märe (Abt. 5, 15). Kulturbnndsaal, Kommandantenstr. 58/59, 20 Uhr? 8:"März: Vortrag Willy Buschhoff; 10. März: Vortrag George G o e t z. Am 12. März, 20% Uhr, findet im Eulturbundsaal, Kommandantenstr. 58/59. unter der künstlerischen Leitung nnd in der Inszenierung von Max Ehrlich die Erstaufführung der Operette in drei Akten „Warum lügst du, Cherie...?"1 statt. Jüdische Chornnd Orchesterrereinigun? Berlin e. V. 9. März, 20 Uhr. Neue Synagoge, Oranienburger Strasse 30: „Josua", Oratorium von Händel. Dirigent: Leo Kopf; einführende Worte: Dr. Kurt Singer. Solisten: Hanna Brand (Sopran), Bernhard Chrzelitzer (Tenor), Julius P e i s - sachowitsch (Bariton). Fritz Kauf f mann (Bass), Werner Baer (Orgel); Künstlerische Veranstaltungen in Berlin und imReich seinen Trägern die Stütze. „Warum also nicht auch uns?" Von Hillel bis Franz Rosenzweig findet der Autor keine Antwort für uns heute auf die Frage „Wie kann man jüdisch leben?" Wo liegt das Geheimnis im Leben der alten Juden? Hans Bach führt eine Gestalt aus der „Glückel von Hameln" als Zeuge eines lebendigen Kontaktes der Generationen vom Sinai her, an. Man glaubt nicht, sondern der Enkel glaubt dem Grossvater durch ihn, durch die Kette der Generationen zurück, an den Sinai. Das mag als Teil richtig sein, aber bei Glückel selbst hätte er ganz naiv und schlicht ein Dokument des Glaubens gefunden, des Glaubens an Gott, nicht nur an den Grossvater. „Aber dem Höchsten hat es noch nicht gefallen", sagt Glückel als der Spuk Sabbatai Zwis zerrinnt. „Wir wissen wohl, dass der Höchste es uns zugesagt hat, und wenn wir von Grund unseres Herzens fromm und nicht böse wären, so weiss ich gewiss, dass sich Gott unser erbarmen würde."* Üns scheint, dass hier der Ausgangspunkt aller Fragen liegt. Darüber hinweg helfen auch nicht die in diesem Aufsatz enthaltenen ernsten Versuche einer Klärung. ..Wir brauchen nur ja zu sagen zu der Lage, in der wir uns befinden." Nur ja zu sagen . . .? Ist das nicht schon alles? So wie Glückel es sagt, ja, wie Hans Bach es sagt, noch nicht. Dem Aufsatz ist ein lateinisches Motto vorangesetzt: „Das Schicksal führt den, der sich ihm anvertraut, den Widerstrebenden reisst es hinweg." Dem Schicksal sich anvertrauen, so ja sagen zum Heute, kann unjüdischer Fatalismus sein. Der Autor fügt hinzu: „Wir wissen den Namen eines Sehenden dafür. Wir wollen ihn nicht unnütz nennen." Dann muss ich ja sagen, aber wo bleiben dann die Fragen? Damit ist vielleicht eine Unklarheit aufgedeckt, die Wichtigkeit der Fragestellung soll damit nicht bezweifelt werden. In ihr liegt der ganze Ernst und Reiz dieser Arbeit, die eine eingehendere Würdigung verdiente, als sie im Rahmen dieser Besprechung möglich ist. Eduard Strauss bezeichnet aus einer genauen Kenntnis der Persönlichkeit und des Werkes Martin Buber als „einen Menschen des Auftrases mitten unter uns". In der Front Achad Haäms fordert er „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland". Auftrag führt ihn an die Quelle, an die Heilige Schrift, die wir durch ihn in Gemeinschaft mit Franz Rosenzweig neugeschenkt erhalten. Der dritte Auftrag führt ihn „zum Volk im Lande Israel". Zu den „Elegien" Manfred Sturmanns sollte man nichts sagen, sondern sie ganz in sich aufnehmen und ihren gegenwartsnahen Ernst verspüren. Eine sehr interessante Studie „Purim im Comtal" von Armand Lunel, des Autors des Romans „Ester de Carpentras", wurde von Berit Schiratzki übertragen. Sie vermittelt die farbige Lebendigkeit einer glücklichen jüdischen Gemeinde der Provence im Mittelalter. Wie lebendig Zahlen, nüchterne Statistik, sein können, zeigt uns Max Birnbaum in „Binnenwanderung als Etappe der Auswanderung". Das Tempo der Strukturwandlung jüdischen Lebens beleuchtet die Zahl in eindeutiger Klarheit. Der Titel „Wie schaffen wir eine jüdische Musik?'* verrät schon den Standpunkt Oskar Güttin a n n s zu dem umstrittenen Thema einer jüdischen Musik. Er verneint die Existenz einer spezifisch jüdischen Musik der Gegenwart, glaubt aber, dass sie vor zweitausend Jahren vorhanden war. Die Quellen, die Guttinann heranziehen kann, sind naturgemäßes sehr spärlich, und so versucht er behutsam auf diesen Fingerzeichen aufzubauen. Neben der Kritik hat er selbst anerkannte praktische Beispiele gegeben, die den Weg zeigen, der zu einer jüdischen Musik führen soll. Zwei Veröffentlichungen über Herzl geben Werner Cahnmann den Ausgangspunkt einer aufschlussreichen Besprechung unter der Ueberschrift „Theodor Herzl — so oder so?" Das mythische und das reale Bild Herzl wird in lebendiger, kritischer Weise einander gegenübergestellt. Berichte, Glossen und Buchbesprechungen vervollständigen das inhaltreiehe und anregende Heft. Werner van der Zyl. Herausgabe jüdischer Literatur Die Pressestelle der Reichsvertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Vielfach besteht in jüdischen Kreisen nicht die notwendige Klarheit über die amtlichen Bestimmungen für die Herausgabe von Büchern und Broschüren. Um allen Beteiligten Unannehmlichkeiten und Nachteile zu ersparen, wird auf folgendes hingewiesen: Laut Anordnung des Sonderbeauftragten des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda vom 30, 7. 37 besteht eine besondere Genehmigungspflicht für die Herausgabe jüdischer Literatur, einschliesslich alier Sonderdrucke. Festschriften und ähnlicher Broschüren, gleichgültig, in welchem Druck- oder Vervielfältigungsverfahren sie hergestellt werden, ob sie verkauft oder unentgeltlich verteilt werden sollen. In der Regel werden Herstellung und Vertrieb jüdischer Druckwerke nur im Rahmen des jüdischen Buchhandels gestattet. Jüdische Buchverleger und Buchhändler dürfen ihr Gewerbe im deutschen Reichsgebiet ausüben, wenn sie ihre Tätigkeit auf jüdische Literatur und auf einen jüdischen Abnehmerkreis beschränken. Alle zum jüdischen Buchhandel gehörenden Personen und Unternehmen werden vom Sonderbeauftragten des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda. Berlin W 8, Wilhelmplatz 8/9, erfasst und bedürfen seiner Zulassungsgenebmigung. Alle Anträge sind direkt an die bezeichnete Stelle zu richten. Leopold Jessner Leopold Jessner wird am 3. März 60 Jahre alt. Als ich ihn kennenlernte, war er Sekretär und Regisseur am Thalia-Theater in Hamburg, wo er unter dem geschäftsklugen, aber völlig amusischen Direktor Max Bachur gefällige Unterhaltungsstücke zu inszenieren hatte. Aber schon auf der nächsten Lebensstation, dem Neuen Schauspielhaus in seiner Vaterstadt Königsberg, konnte sein künstlerischer Ehrgeiz sich erfolgreich an weit höheren Aufgaben erproben; von hier führte der Weg dann nach Berlin. Jessners Inszenierungskunst setzte den bisherigen Anschauungen etwas ganz Neues entgegen. Nachdem die Bühne unter Otto Brahms Händen zu einem schwingenden Instrument feinster Seelenanalyse, unter Max Reinhardt zum sinnlichen Abglanz einer farbig-leuchtendeu Phantasiewelt geworden war, gab Jessner ihr sachliche Strenge, fast puritanische Einfachheit, einen Rahmen, in dem weder Kulissen, noch gemalte Hintergründe, noch auffallende dekorative Schmuckstücke die Illusion fördern sollten. Aehnlicb etwa mag die sogenannte Shakespeare- Bühne ausgesehen haben. Und so trugen denn auch besonders die Shakespeare-Aufführungen Jessners äusserlicb das Gepräge einer primitiven, auf einen nüchternen Raum konzentrierten Sachlichkeit, vor der alle: optischen Eindrücke sofort verblassen mussten. Aber von innen her erhielt dies illusionslose „Raumtheater" Glanz und Kolorit, Tempo und Bewegung, Dynamik und äusserste Gespanntheit durch eine unverhüllte Symbolik des räumlichen und schauspielerischen Ausdrucks, der den berühmten Jessnerschen Stufenbau ebenso bedeutungsvoll erscheinen liess wie die Kosiümierung oder den Gang des einzelnen Darstellers. Diesem Gestaltungsprinzip aus der Idee heraus, das am sinnfälligsten hei der Inszenierung von „Richard der Dritte" und „Macbeth" in Erscheinung trat, kam eine ungeheure Stosskraft und Beseeltheit des Wortes entgegen, das, rhythmisch abgesetzt und dynamisch gestuft, sich etwa in Richards Wahnsinnsruf: „Ein Pferd, ein Pferd!" wie zum letzten Aufschrei menschlicher Leidenschaft zusammenballte. Eine solche übersteigerte Intensität der Gestaltung und des WTortes strömte dann freilich, entgegen der allgemein üblichen, durch den Charakter der Dichtung gestützten Auffassung, auch von Werken wie „Hamlet" aus, in denen der Held kein „Leidender" mehr war, sondern sich höchst aktiv in den Gang der Ereignisse einschaltete. Es konnte nicht ausbleiben, dass Jessners ausgeprägter künstlerischer Eigenwille, der nur ungern Konzessionen machte, zu seiner Zeit viel bewundert, aber auch viel gescholten wurde. Was jedoch Freund und Feind ihm nicht absprechen konnten, war die Energie und Beharrlichkeit, mit der er sein künstlerisches Ziel unbeirrbar verfolgte, war aber auch die Makellosigkeit seines Charakters, die Opferfreudigkeit innerhalb und ausserhalb seines Berufes und — last not least — sein stolzes, aufrechtes Bekenntnis zum Judesein. Der nun Seehzigjährige lebt heute irgendwo in der weiten Welt, vielleicht in Wien, vielleicht auch in New-York oder dem grossen Filmarsenal Hollywood. Wo er aber auch" sei — er eöll wissen, dass wir über Raum und Zeit hinweg den Künstler und Menschen Leopold Jessner nicht vergessen haben, und dass wir gerade am heutigen Tage seiner in Dankbarkeit gedenken. Dr. Hugo Lachmanski.