Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 14 (2.4.1936)
- Date
- 1936-04-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3. Beiblatt — Nr. 14 2. April 1936 Von Dr. Margarete Steinberg Die illustrierte Haggada gibt es fast so lange, wie die Haggada überhaupt als gesonderte Lchrift,besteht. Um diese wunderreiche Borgeschichte zur Gründung eines Lebens auf eigenem Grund und Boden eindringlich vor Augen zu führen und lebendig zu erhalten, wollte man den wichtigen Faktor der bildlichen Darstellung nicht entbehren. Anschließend an : den lert der Haggada hat man hauptsächlich die ägyptischen Plagen geschildert, ein Thema, . das sich in der christlichen Kunst selten findet. Bei der Betrachtung alttestamentarischer Szenen in der christlichen Kunst kommt man immer zu der Fragestellung: warum lzat man diese Themen gewählt? Welchen Symbolwert haben sie in bezug auf das Neue Testament? Moses ist in dieser Beziehung eine hohe Rolle zuerteilt: er gilt neben Christus als Urheber und Leiter einer neuen Weltordnung. Darum ist ferne Darstellung schon in der frühchristlichen Zeit sehr beliebt, schon im 2. Jahrhundert, wo neben einer neuen Religions- und Weltanschauung auch eine neue Kunst ansängt sich zu kristallisieren. In dem eigenartigen Vorspiel der christlichen Kunst, in der Kalakombenkunst, wird am häufigsten das Thema gewählt: „Moses schlügt Wasser aus dem Felsen/ Ueber 200 Darstellungen dieses Ouellwunders sind in der Katakombenmalerei und in der Sarkophagplastik nachgewiesen worden, und dieser Hinweis auf die Häufigkeit eines Motives in einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne läßt berechtigterweise aus eine überaus große Zahl von Moses-Darstellungen in der bildenden Kunst schließen. Das quellende Wasser gilt als Symbol des Tauswassers, das „die Seele erfrischt und vom ewigen Tode befreit", und diese Wunderszene findet sich gelegentlich als direktes Gegenstück zur Tausszene. Die Darstellung ist leicht zu erkennen: die Oertlichkeit wird durch einen isolierten Fels mit einem Baum, die im unbegrenzten, ungeformten Freiraum stehen, angedeutet. Moses ist durch seinen Stab und durch die Tracht, eine Tunika, einen Philosophenmantel und Sandalen, eine Ehrenkleidüng, die sonst nur von Christus und den Aposteln, vondiesen aber immer getragen wird, charakterisiert. Es finden sich auch noch andere Szenen, und es sind dann immer stereotype Formen für Oertlichkeit und Requisiten. aus denen man die Handlung abliest. Cs ist weniger eine künstlerische Darstellung als eine Bilderschrift, intzaltlich höchst bedeutsam durch die gedanklichen Beziehungen, durch das, woran der Beschauer erinnert werden soll. Als später das Christentum als Staatsreligion-die Pflicht der Repräsentation aufsich nimmt, gewinnt in der Kunst die äußere Form, das, was sinnfällig vor Augen geführt wird, wieder eine wesentlichere Bedeutung. In großen dekorativen Mosaiken — ein bekanntes Beispiel ist in St. Maria Maggiore in Rom — wird in epischer Weise erzählt, wer- . den historische, zeitlich und örtlich begrenzte Handlungen geschildert. Im Vergleich zu der vorangegangenen, traditionellen Typen spräche kann man jetzt beinahe von einem persönlichen Stil sprechen: jedenfalls hält man sich wemg genau an den Bibeltert. Charakteristisch ist für die frühchristliche Monumentalkunst die Vermeidung von blutigen Szenen: in der Schlacht gegen die Amalekiter gibt cs nur einen Verwundeten. Nachdruck wird nur auf den Untergang Pharaos im Roten Meer gelegt: denn Pharao ist der sprichwörtlich Herzensharte, der Verfolger der,Israeliten und damit der Unterdrücker des' wahren Glaubens. s Um die typologifchen Beziehungen zwischen Altern und Neuem Testament handelt es »ich auch noch in den Fresken der Sirtinischen Kapelle, wo Moses als repräsentativer Vertretcr des idealen Judentums erscheint, als Führer uno ^Hrnrpt—einer religiösen -Ge-- meinde und so als Vorläufer von Petrus und Christus. 14f>0 beauftragt Papst Sirtus IV. vier Maler mit der Ausschmückung der Kapelle und gibt als Thema Szenen aus dem Leben von Moses und von Petrus. So ist diese monumentale Illustration entstanden, das Dokument eines guten gleichmäßiaen Niveaus, in dem die Handschrift de» einzelnen O^cn: Findung Moni, Gemälde von Jacopo Tintoretto — Mitte hnh: Motet-Brunnen in Dijon, Skulptur von Klaut Sluttr — Mitte rc hti: Moses-Skulptur, Detail vom ^Grabmal Papmt Julius II. von Michelangelo Buonarotti — Unten: Aussetzung Mosis, Gobelin nach einem verschollenen Bild Nie. PouStint Pi ü II I Künstlers relativ zurücktritt. Im Stil der Zeit wird undramatisch, weitschweifig plandernd berichtet. Aus einem neu gewonnenen unmittelbaren Verhältnis zur Natur, ans der positiven 'Wertung alles Irdischen und Diesseitigen.erwächst ein lebendiger Natnralisluus. allerdings nur ein N'aturalisnuls der Cinzelheiten, Das Bild als Ganzes ist unnaturalistisch im Sinne der modernen B.'alerei. denn es bringt erzählend eine Reihe zeitlich aufeinander folgender^Begebenhenen aui eine gemeinsame Bühne. Cs ist die sogenannte kontinuierende DarsteMlng. die im Mittelalter iiblich iit: allerdings gibt man jetzt die einzelnen Motive nicht nebeneinander in Reihung, sondern bringt sie in einen koukreten Raumzusammenhang innerhalb eines Bildes. Im ..Jngeiidlebeu Mosis" von Bomeelli tritt Moies siebenmal aus. und es ist charakteristisch für die fehlende Dramatik, daß im Mittelilnd Vordergrund, ausschlaggebend, für die Stimmulig. ein poetisches Scha'eridyll steht: Moses und die Töchter Jclhros am -Brunnen. Das feinfühlige Liuienspiel von .Haarwellen und..Konturen atmet durchaus das höfische Sentiment des Kreises um Loren zo Magnifico'. und erst beim näheren. Hinsehen wird man gewahr, daß cs hier um sehr viel beunruhigendere und bedeutsamere Dinge geht: denn es beginnt mit dem Totschlag des Aegyptersund endet mit dem Auszug aus Aegypten. Die zahlreichen cingcsügten Porträts, die bei einer repräsentativen Farmlienkapelle gewünsctst werden, tragen noch dazu bei. die Haupthaiidliing zu verdulikeln. Blau empfindet das besonders deutlich, wenn man in den benachbarten Loggien d,c Rafiaelfche ..Bilderbibel" betrachtet, die er und reine Scliüler in den Flachkuppeln knapp, deutlich und anschaulich erzählen, 'Niästioeirigeranschairlich, aber ganz, nell erlebt, irer von jeder Tradition, schildert Tintoretro die Moiesszenen in Veiiedigs Kirchen und Bruderschafts- Häusern. Bei größter Vereinfachung des Szenarismus dominiert oies als barocker Held. als Meister der Clemenie. als 2önndcrtäter: die erregte Stinnnnng des (Ernzen und . die Wirkung auf die Nebenpersonen suggerieren uns die Glaubhaftigkeit der Wundertaten. Im Barock, dem Stil der großen Kontraste, findet sich als Gegeripvl zu. dem religiösen Pathos, zum VinonarCkstariicheii eine starke natllralistische Note, eine ausüstütvertrauen begründete Lebeusbcjal>i,ng. So gibt Tintorettv eine ganz eigenartige Ausdeutung des ..Männawniiders". eine große Za!,! von Menschen. die sich in allerlei Verrichtungen des - Alltags um das tägliche Brot bemühe». Auch ' Tintoretto hält an der thpolognäien Zniammeustellung fest, und er gibt auä,'tner neue Beziehungen, er malt als Gcgerrstiick zum Jüngsten Gericht die Aubetuug des goldenen Kalbes, als Warnung vor der llebcr'chapung der irdischen Güter. Der mehr klassisch gestimmte 'ranzonsche Barock Ponssin. Claude Lorrain ivahlt auch gern die reich bewegten Historien: die Affekte iverden hier durch eine reut, drsterenzierte Gestensprache übcrimtlell. bei der die formale Geschlvssentzeik ' der Crscheinung, immer gewahrt bieibr. , Tre schöne, weit-, räumige Ländschäst sängt allmählich an. eine große Rolle zu spielen., die Figuren iverden klein, fast stassagehast: der Tan-min das gol. dene Kalb wird ern ländlicher Reigen, und der einzig aktive dramatische Vut'pieler Moses steht kauin erkennbar an der Seite. Bezeichnend. daß man besonders gern die Findung Moies malt, die Szene. bei der man die liiutüiic Note hervvrhebcn kann und die rnchr zur allgeineirl poetischen als zur religiösen Sliminung spricht. Tas künstlerische Interesse stelü durchaus über dem religiösen: könnte sonst Ponssin für Richelieu eine Tornbinchszene malen, im Oval, die als Kauuinaüuig gedacht, ist? Um sich zu verdeniliänst:. arue ' verschieden die Austastung inid Au.-leuiuug der gleichen Bibelstelle sein kann, mu’i man znrückblicken, w,e ,m l-V Jahrhundert der Niederländer Tirk Bonts dic'e Szeiie gemalt bat: trotz des Bemühens um eine persönliche Tarstellnng Bl oies soll drircl, schivarzcrl Barl und Locken haar orientalisch wirken — \