Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1936-01-03 · 1 (3.1.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
1 (3.1.1936)
Date
1936-01-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2278137-2278138--10534-2290665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

V XV. Jahrgang / Nr. I Berlin; 3, Januar 1936 Preis 10 Pfennig 885004A entral ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitnjng, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher J2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centxalglanben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 30473. V'b V'pf' brsehewt wöchentlich am Donnerstag. Redak tlonsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Anstellung erfolgt durch die Pust, die die Gebühren?Ur ir M«nu^,nS'0tr<n i.u’ Q7. berngsgehShren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2.30 RM. umgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Kpf. (Ausland 20 Kpf.l. J? l‘a.lle h0herer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzcigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gcspaitenc .Millimeter-Zeile 20 Rpf., für .Stellengesuchs tu Kpf.. fur_ r amilienanzeigen 16 Kpf., weitere ermässigte Grandpreise siehe* Preisliste. Einzelanzeigen hur gegen Vorauszahlung; — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz-, und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. 1936 A. TT. Am 28. Dezember des abgelanfenen Jahreswar her 25. Todestag von Raphael L owe n s e l d, dessen bekannte Flugschrift l 898 den Anstoß zur Gründung des Central- Vereins gegeben hat. Am 4. Januar gedenken wir Moses M endelssohns aus Anlaß seines 150. Sterbetages. Tie Fragestellung Löwenfelds - - „S ch u tz j u d e übe r S t a a t s b ü r g e rV' ist zwar überholt, aber die Wirkung mancher seiner männlichen Forderungen lebt im innerjüdischen Bereiche fort und ist Gemeingut der jüdischen Arbeit geworden: daß nämlich die Vertretung jüdischer Notwendigkeiten vor der Oefsentlichkeit von Männern in offener und rückhaltloser Weise unter klarer Kennzeichnung ihrer Eigenschaft als Juden zu erfolgen habe. Löwenfelds Vorstellung von der Anwendbarkeit seiner Grundsätze kreiste freilich um andere Gegebenheiten, als sie heute vorliegen. Aber die Bestätigung einer Forderung als Wahrheit liegt gerade darin, daß sie für al l e Tatbestände zutrifft. Dadurch wird die Wahrheit nicht zu einem Mantel, dessen Richtung und Form der.jepreM webende Mmd- LeMmmt. sondern sic wird zum Maßstabe. an dem sich herausstellt, ob Männer und Geschehnisse standhalten oder versagen. — Was M e n d e l s s o h n uns heute neu bedeutet, spricht Fritz.Bambergcr kn vollendeter Form an anderer Stelle dieses Blattes aus. Im Schatten und im weisenden Lichte dieser beiden Männer blicken wir aus 1935 zurück und versuchen den Standpunkt für j>te Beantwortung der Fragen zu finden, die das verhüllte Jahr 1936 uns stellt. Das vergangene Jahr hat eine Fülle von Ausrä u m tt n-,g 8 arbeiten in jeder Bedeutung des Wortes iür uns J-uden in Deutschland gebracht. Das Auf und Ab unserer Stimmungen in Hoffnung und Resignation wurde gegen Ende, das Jahres durch, die Nürnberger Gesetzgebung aus der Sphäre der Kontemplation in die reale politische Wirklichkeit gestellt. Wir, die wir uns bemüht hatten, uns selbst und unsere Freunde zur festen und mutigen Betrachtung auch der Moses Mendelssohn Zur ISO. Wiederkehr seines Todestages, von Dr. Fritz Bamberger (f.Beibl.). Ausserdem die Beilagen: Das Blatt der jüdischen . Frau. — Wirtschaft der Woche. — Sportblatt. — Palästina-Umschau. Ungewißheit zu erziehen, sehen uns um so mehr berechtigt zur Forderung, den T a t - s a ch c n ^gegenüber fest und mutig der Zukunft cntgegenznsehen. Wie sehen die T a t s ach c n aus. die unsere Zukunft hier bestimmen? Wir sind 1935 auch formal aus der politischen und kulturellen Gemeinschaft der innerhalb der ,Grenzen des Deutschen Reiches lebenden Menschen ausgeschaltet. Unsere wirtschaftliche Lebensmöglichkcit freilich hat fei n e weitere ge sell l i ch e B c s ch ränku n g erfahren, sie hat allerdings Mit der Dynamik der Volksstimmung zu rechnen, ohne daß wir — nach autoritativer An-; sicht — wcitcrgchende Schlußfolgerungen itftb- Entschlüsse aus Kundgebungen dieser Dynamik ziehen Hollen. Mail, hat^nns vor" allem die staatsrechtliche Qualität einer ..v ö l k i f ch e n". in Veränderung der bisher bekannten Terminologie der ..nationalen" Minderheit zuerkannt. und neben der« Notwendigkeit, die Bedeutung dieser Tatsache zu erfassen, verlangen vor allem Begriffe, wie ~«.i. unserer nututeum Antononne. von uns Positive Stellungnahme. Anssüllung und s>lusführung. Wir haben in den letzten fahret! unendlich viel Materialien unserer Geschichte kennen und wertend zuni Vergleich unserer Situation heranzuziehen gelernt. Aber.letzten— Endes ist nur in einem Punkte solch Vergleichen berechtigt: Im Hinblick nämlich aus die Haltung jüdischer Menschen, wie sie immer und je sich neuen und ungewohnten und fremden und damit bedrohlich erscheinenden Ereignissen gegenüber verhalten. Es gilt, das Grundgesetz der Strömung unserer Geschichte zu erkennen, nicht nur die Quellen lesen zu lernen, wie sie in allen Sprachen der Knlturmenschheit von uns über¬ und übervoll find. Und diese Grundvoraussetzung lautet: Juden bejahen ihre Gemeinschaft in der Welt der Gemeinschaften als lebenswert und znkuustswert. /Inden unterstellen sich dem Geilte ihrer Geschichte, tveil er für sie mit dem Willen der,göttlichen Allmacht identisch ist. Juden ordnen sich dem Gesetz des Tages und der Umwelt ein, solange es gestattet, daß sie Juden bleiben. Alles andere ist Beiwerk, ob nun der kleine Pufferstaat des Altertums sich immer von neuem arrangieren mußte, um seine Ohnmacht unter den Mächtigen wie Feuer- Unter der Asche zu hegen. ' ob Hellas ' NM,-:.Ins augnsiinMe '.uo da-.- kämpser .-.H'-Kirchliche — mit Lockung oder Drohung unser Endo bringen wollten, ob - die m i t t e l a 11 e r l i cfj e n Jahrhunderte durch die Inquisition. durch Wirtschasrs- und Rechtssesseln lins am Boden hielten, ob zuletzt das Paris der großen Revolution, von dem her die .Gleichung stammt, daß wir den Weg in die Welt mit dem Weg a u s d c in I u d e n - t u m auszugleichen hätten, ob das Mo s k a n der Gottverneinung unsere Eristenz in Frage stellten — alles ist Variation zn dein Thema: Juden und Judentum sind seit Jahrtausenden trotz °der Zeiten und werden es bleiben, solange Juden immer wieder ihr svrsönliches Schicksal unter den Lebensdrang der jüdischen Gemeinschaft stellen. Nnd gerade das zn begreifen und das. zu tun, hat die letzte Frist uns Jude): in Deutschland wieder stark gelehrt. Unsere Frage in dieser Zeit und an diesem Orte ist deshalb nicht so sehr von der Sorge um das Judentum diktiert, das seit mehr als einem Jahrhundert niemals io lebensvoll und verjüngt innerhalb unserer Welt war — von den großen Bewegungen - unseres Schicksals in Tontschland ansgerührt. Unsere Sorge zstlt vielmehr den Menschen. ^Juden / sind, und die als Träger Judentums erhalten bleiben sollen. Es erle.lchPn^'^nisere Aufgabe — wir sprachen diesen Gedanken schon zum November-Gedenktag 1933 ans — daß wir diefe Sorge unsererseits in keiner Hinsicht als politische Forderung empfinden. Und zudem erhalten politische Gestaltungen von der geschichtlichen Bedeutung der deutschen Revolution ihre Gesetze aus ihrer inneren Gesetzmäßigkeit. gleichgültig gegen äußere Anregungen. Wir jammern nun nicht, weil die Voraussetzungen unserer neuen Lebensgestaltung in keiner Hinsicht derjenigen vor 125 Jahren vergleichbar sind, sondern wir fragen uns. wie muß nach nnscrem Grundgesetz des,jüdischen Taseins unser Tenken bestimmt sein? Das Gleichbteibeude und' das Unterschiedliche gegenüber dem Beginn unserer GleichberechtigungseJwche sind in dem gegenwärtigen Beginn unseres,.Daseins, als völkische Minderheit zn prüfen, und dabei wir Felder, die engere Umwelt und die Welt in ihrer Gestaltung überhaupt. ' Wir sind keine Ghcttojuden geworden,und wollen keine- Gbettojnden werden, liniere Autonomie soll kein Abschluß von der Welt sein, sondern die Auswahl ihrer geistigen Besitztümer an den Zollschranken unserer jüdi- England nni Lord In seiner Londoner Wohnung ist Lord Reading am,30. Dezember. 4 Uhr nachmittags, im 76. Lebensjahr gestorben. Nachdem sein Gesundheitszustand schon in den letzteil Tagen zn den schwersten Befürchtungen Anlaß gegeben hatte, hatte er den Tag bei verhältnismäßig gutem subjektivem Befinden ruhig verbracht. Ju deu Nachmittagsstunden trat außerordentliche Herzschwäche ein. Ter Kraute verschied bald, nachdem er das Bclvußlsein verloren hatte. Bereits im» September v. I., ivar Lord Reading infolge einer Erkrankung an Herznitlinut gezwungen, ftd) von jeder öffentlichen Tätigkeit znrückzuziehen. Am 10. Oktober beging er auf Walmer Castle. Deal, wo er die Zeit seiner Rekonvaleszenz verbrachte, in aller Stille die Feier seines 75. Geburtstages. Ta ihm die Aerzte größte Schvnnüg auserlegt hatten, konnte er keinerlei Gratulationsbesuche empfangen. Scho t in deu -asten Stund.-4 nach he>u Betamü,verden des Todes von u^.cusing scheu Lebensbejahnug — nicht nur der Lebensbejahung als Juden. Und es ist weder eine Undankbarkeit noch eine politische Zweckhandlllng. daß wir. durch den Gang der Ereignisse die Distanz zu den geistig-kulturellen Kräften der Ferne verringert, die der Nähe vergrößert fühlen. Tie Ghettomanern — uni vs im Bilde dieser BorsteUnng zn sagen - - schlossen ab. die Mauern um uns heute liäbeu Zirmen, von denen man offenen Blickes in die Weite und in die Zukunft schaut. Es waren c u r o p ii i s cti e Jwpulse. deren/Nachwirtungen. in den Staaten des Deutschen, Bundes u.n5 nufere Rechtsstellung vermittelten. Es wäre undankbar gegen Europa, wenn das Ende der Nachwirkung innerhalb der deutschen Grenzen die Ablehnung der Impulse nach sich ziehen sollte. Als wir den Weg ans dem Ghetto hiu nis begannen, vollzog sich die Berührung mit der Well in der Mehrzahl durch Vermittlung von Nichtjnden. Wenn wir jetzt in unsere Abgeschlossenheit hineingehen. nehmen . wir einen Sternenhimmel großer Geister nukeres Glaubens und unseres Stammes init. die aus allen - Gebieten geistigen, wisienschaitlichen. tünstlerischen .Schaffens Großes geleistet haben, und die uns mm innerhalb der deutschen Grenzen durch die T i s s i in i l a t i o n um alleinigen, geistigen Erbe .gegeben iverdeu. Wir belegen dabei nicht etwa die Riänner mit dein mittelalterlicl)en Bann, die enge und engste Berührung mH dem deutschen Kulturkreis gehabt, .die den geschichtlichen Auftrag, deu das 19. Jahrhundert auch au uns Inden hatte, innerhalb dieser Zeit nach bestem Können und richtig erfüllt haben, lllllr werten lediglich kritisch an den heimgehotteu lsiroßen .unserer Gemeinscliast. was nur durch die Zeit und deshalb nur aus der Zeit zrr verstehen ist.. Aber wir sehen als vorbildlicl>e Grundtatioche in ihnen 'die Rivglichkeit unseres menimlichen Taieius überhaupt vernsirklicht. wie - s fein kann, wenn die geschichtliche Weltstunoe mit der jüdischen Stunde züianunenichtagi.' unv' wir dürfen und sollen in untere Bezitke mit hineiunehmeu. ivas außertialb der deutschen Grenzen von Inden.innerhalb ihrer '/ander und was von Nichtjnden anßerhaib und zum Teil auch innerhalb Teut'chlands geschaffen trauert r Reading trafen bei. seinen Angehörigen zat,llose Bei«, leidskundgebungen aus hohen und höelisten Kreisen ein. Ort und Jeit der Beisetzimg sind bisher noch nicht.bekanntgegeben nwrde». Die Todesnachricht wurde am 30. Dezember im englischen Rundsnnl verbreitet. Tee Ansager schloß den Nachruf mit de» Worten: .. E s st a r b e i u j ü d i s ih e r E d e 1 - Das ßeilcid des Königs Ter König von England sandte folgendes Beileidstelegramm an die of Headiiig: „Die Königin und ich find zutiefst de« kümmert über den Tod Ihres Gatten. Seine Dienste für den Staat werden der Ration unvergeßlick) sein. Wir fühlen mit Ihnen und Ihrer Familie den «nersebi baren Vertust." (Forlseizung des TrauabenJils umstehend ) wird, und wir warten ans den großen Bei- / trag, den das neue Palästina imsercu geistigen Räumen spenden möge. Tonn imsere kulturelle Dissimilation ist ein vom Teutsctitum lier genwllter Vorgang, durch den die Einwirkung jüdischer Menschen auf die Gestaltung des deutschen Geisteslebens von Grund aut, verhindert werden soll. Aber-damit sind zugleich auch die Grenzen klar, die der deutsche staatliche Wille uns innerhalb unterer tnlturetlen Sphäre setzt - wobei nur der Vollständigleit halber hinzu- . gefügt sei. daß, die staatliche 21 nfficlyt die Fn'nehaltung dieser Grenzen jederzeit feststellen kann, die tvir 'inmitten der großen Revolution der deutschen Kullur auch von uns aus als Juden.keineswegs überfcl,reiten wollen. Eine Titsimilntion von europäischem Geiste ist uiel,t gesordert. Wir linden neue Maßstgbe, geivouneu. iveil 1035 iitif|l Jsi _* ist. aber sie werden von indisct,en Ollenschen verwendet, die sich bewußt als, zuiciischen am Beginn uud nicht tüehr als R<eiiicl)eu dürs-, tiger Fvrtsetzimg fühlen, lind wir lvuiien das. weil e i'n e. Kviitinuirät'gewahrt bleibt, die allein verpflichtend für uns ist: unser jüdischer Wille. Tie praklischen und die geistigen Autgaben der tvinuienden Zeit sclieinen demnach klar: es find Juden als Präger des Judentums zu erhalten, und es ist das lebendig neiveckte Judentnin mit den großen geistigen Strömungen dieser Tage in lebendige Berührung zu bringen, soweit es im Rahmen des', staatlichen Wollens und der Stellungnahme dieser Strömungen znm Judentum zulässig ist., Gcrahe weil die Berenguug unseres Levensranms immer wieder Menschen vor allem der jüngeren Generation zum 'Anssiicheu neuer Länder ''veranlagen ,, wird, müssen wir darüber wachen, daß sie nicht als „Ghettvjuden" eine für-'ihre,, Gläubensgelwssen dort nach bekannten Bor- _ bildern nnersrenliche Erscheinung werden. Ebenso wie deu Rleusclien unserer Feit nichts I ü d i f ch e s t r e m d sein soll. darf ihnen E u v'i)T« " r di t i re m b wer- ' den. Ein Weg n n r zum Judeutuin bringt als Ziel weniger als Judentum, llstir molken, das Jahr 1033 als Wegsteiii auf der Straße des 20., Jallrhunde-rts . auch i'ur uns Juden. -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.