Seite der Jugend
- Journal
- Seite der Jugend
- Volume
- 1934
- Issue
- 2 (11.1.1934)
- Date
- 1934-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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NUMMER 2 0 77 ^Lm^J ^wh**^] <m& BLATTER. DES BUNDES DEUTSCH-JÜDISCHER. JUGEND - BEILAGE DER. CV.-ZEITUNQ _, , 11. JANUAR 0V0! 1934 ^m^h „Assimilatorische jödische Jugend** Da» Echo der Gegenseite ,.In den Weihnacktetagen wurde in Lehnitz bei Berlin ein »Bund deutschjüdischer Jugend' gegründet, der eine Zusammenfassung der assimilatorischen jüdischen Jugendgruppen darstellt." „Jüdische Rundschau" vom 5. Januar 1934. Die „Jüdische Rundschau" hat uns mit einem Wort belegt, das im Sprachgebrauch dieser Zeitung eine Herabwürdigung bedeutet. Wir wenden uns scharf gegen diesen Versuch, unsere Sache zu bagatellisieren und zu diffamieren. Wenn die „Jüdische Rundschau" glaubt, auf liebgewordene Schlagworte nicht verzichten zu können, so kann sie aber nicht erwarten, dags wir schweigen. Es ist nicht zu bestreiten, dass sich durch die Schaffung des Bundes deutsch-jüdischer Jugend das Aussehen der gesamten jüdischen Jugendbewegung Deutschlands grundlegend verändert hat Er ist der, wie wir hoffen, erfolgreiche Versuch der deutsch-jüdischen Jugend, sich den ihr zukommenden Platz innerhalb des jüdischen Lebens Deutschlands zu erobern. Der Bund ist entstanden aus vielerlei Gründen. Mitentscheidend ist die Erkennt- - i\is gewesen, dass der Kampf gegen die Entartung der Assimilation am besten von einem grossen, starken Bund geführt werden kann; denn darüber besteht kein Zweifel, dass es noch weite Kreise innerhalb der jüdischen Jugend Deutschlands j»ibt, die nach wie vor assimilatorischen Parolen solcher Art folgt. Unser Bund kämpft für ein bewusstes Judentum. Wir wissen genau, wieweit Assimilation die Voraussetzung unseres Lebens überhaupt ist; dass man sich dem Leben des Landes anpassen muss, in dem man lebt, weil man anders nicht leben kann. Die Assimilation ist entartet. Statt zu sehen, dass man als Jude bestimmte Bezirke des eigenen Lebens behaupten muss, wenn man Jude bleiben will, glaubten Menschen, die unter dem Bann gewisser Geistesparolen ihrer Zeit standen, in ihrem Judentum nur eine allgemein-religiöse Bindung mit jüdischer Grundfärbung zu sehen. Jugend, die erzogen wurde, das Judentum zu überwinden, ist die assimilatorische Jugend. W i r haben andere Aufgaben. Um das Schlagwort von der „assimilatorischen" Jugend, die wir sein sollen, wieder und hoffentlich endgültig zum Verschwinden zu bringen, sei hier einmal zur Assimilation Stellung genommen. Der Verfasser kann freilich nicht behaupten, für den Gesamtbund zu sprechen, weil die verschiedenen, früher selbständigen Kreise des Bundes noch nicht genügend Verbindung miteinander haben, als dass man schon heute für den Gesamtbund, ausser in «rossen Gesichtspunkten, sprechen könnte. Der Stellungnahme anderer Gruppen ausser denen des bisherigen Ring, Bund deutschjitäiscfjer Jugend, sei daher in keiner Weise vorgegriffen. Unter <Jem Schlagwort „wir müssen uns assimilieren" iat ein grosser Teil der deutschen Judenheit dem Judentum entfremdet worden. Ja, man kann sogar sagen, er hat sich bewusst vom Judentum losgelöst. Das ist die Entartung eines an sich ganz natürlichen Vorganges, die durchaus nicht in seinem Wesen, liegt. So ist das Assimilantentum die Entartung der Erscheinungstatsache, dass Menschen einer Gemeinschaft, der sie ihrer Herkunft nach nicht ohne weiteres angehören, sich dem Leben der Mehrheit anpassen. Sie werden natürlich nicht wie Fremde durch ein Land gehen, dessen Sprache sie sprechen, und dessen Schicksal auch ihr Schicksal ist. Dass sie nun auf jede Eigenart, auf jeden Wesenswert ihrer geschichtlichen Vergangenheit verzichten müssten, liegt nicht im Wesen der Sache, sondern ist Entartung. Ohne Anpassung des Menschen an seine Umwelt gäbe es kein Judentum mehr. Das ist durch keine Dialektik aus der Welt zu schaffen. Selbst der Zionist muss sich, wenn er als unbestrittener Volksjude aus dem Osten Europas nach Palästina kommt, den Bedingungen der besonderen Gemeinschaft, in die er gerät, anpassen. Eines muss freilich betont werden: wer als Jude nicht auf sein Judentum bedacht ist, gleichviel wo er lebt, läuft Gefahr, zum Assimilanten zu werden. Aber in Zeiten, da diese Gefahr besonders anwächst, wächst stets aus der zu weit getriebenen Assimilation der Wille zur Rückkehr zum Judentum. Die Erhebung der Makkabäer wie der Zionismus Theodor Herzls finden ihren äusseren Anlass in der allgemeinpolitisch bedrängenden Lage, ihren inneren Grund in der drohenden Entartung des Judentums ihrer Zeit. Die deutsch-jüdische Jugend sammelt Menschen nicht, um sie1 unjüdiacber zu machep, sondern um sie zu befähigen, ein jüdisches Leben in Deutschland führen zu können und fuhren zu wollen- Wir wissen genau, dass heute keine wirkliche jüdische Gemeinschaft in Deutschland besteht. Sie zu schaffen, Menschen dafür zu begeistern, an ihrem Aufbau und an ihrer Entwicklung Anteil nehmen zu wollen, haben wir uns vorgenommen. Wir meinen, da?s Judentum ein Begriff und Inhalt eigener Art ist, und wir lassen uns seine Eigenart nicht aus taktischen und politischen Gründen aus den Händen reissen. Aber wir wissen, dass die Kolonisation Palästinas nicht die natürliche Aufgabe der deutschen Judenheit seiu kann. Manche werden uns entgegenhalten, dass wir also doch, nur mit etwas geschickteren Worten, „Assimilanten" seien! Ihnen erwidern wir, dass wir nicht nach Dingen der Umwelt streben, die ups nicht zu- ' kommen, aber unsere jüdische Sache in ihrem Lebensraum fördern. Wir behaupten, dass man sein Judentum weder durch Bezug einer jüdischen Zeitung noch durch Erwerb eines Grundstücks in Tel-Awiw erwirbt, wie man auch kein Jude ist, wenn man dreimal im Jahr einen Berliner -;J ■ 0 ft-: ■ C. A r . ' * - ^s; >' v . - ., * ... \ , f\ "s l *\ * 1 n / J \ \ l ■ -v* ■ -^'i, * : ' n .,n "\x j J/.?&Xz '<••<"' 'i:~) 4 j^HW ft^"*A {—»>Wof <v« y —,„,..,,„ r 'ff. V^^';4vv>^r . , ■ vVi^v^tt, iu^'^j,.- Ternpel besucht und dann etwas in die Büchse tut Wir behaupten, dass man dann Ju4e ist wenn nlan die jüdische Wirklichkeit in Deutachland zu erkennen sucht und mit ihr auf jüdische Weise fertig werden will. Die deutsch-jüdische Jugendbewegung macht sich ihre Arbeit nicht so leicht, wie es die „Jüdische Rundschau" zu vermuten scheint. $ie weiss genau, wie schwer die Lage 4er Juden in Deutschland, und nicht nur in Deutschland ist. Sie weiss auch, dass die Aufgabe, ein Pfeiler jüdischer Erstarkung bei gleichzeitiger Heimatverbundenheit zu werden, an praktische Möglichkeiten geknüpft ist, die man heute noch nicht überblicken kann. Die Verantwortung gegenüber den Tausenden von Menschen, die heute bei uns sind, ist riesig gross. Wir können $ie tragen, weil wir keine „assimilatorische jüdische Jugend" sind. Fehler und Sünden der alten Generation gehen uns nichts an. Wir sehen sie und werden sie vermeiden. Wir wissen aber auch, dass man über das Ziel hinausschiesst wenn man durchaus eine totale jüdische Idee haben wijl, die der jüdischen Wirklichkeit nicht entspricht. Man kann sehr lange über Utopien diskutieren, bis man schliesslich an Bie glaubt. Das Leben schert sich nicht um Bücher noch um Utopien, und das Leben der Juden wird auch in Zukunft abhängig von den Dingen der Politik und Wirtschaft, des jüdischen Selbstbehauptungswillens und des Verantwortungsgefühls der jüdischen Führerschaft sein* Passiv sind wir, was die Lebensbedingungen unserer Menschen anlangt, aktiv aber sind wir, was die jüdische Zukunft anbetrifft, die wir aus diesen Lebensbedingungen zimmern müssen. Heinz Warschauer. Stimmen aus dem Lande zw Lehnitzer Tagung Wir fuhren mit dem festen Willen nach Lehnjlz, uns mit all unseren Kräften für eine Einigung einzusetzen, da erst dann wieder fruchtbare und segensreiche Arbeit für unsere Jugend geleistet würde. Man kann beinahe sagen, dnss dje Anzahl der Dialekte den verschiedenen Meinungen gleichkam. Aber eipes war bei allen vorbanden: der Wille zur Einigung. In langen Debatten und Nachtsitzungen gelang es, die gesamte deutsch-jüdische Jugend zu einer Einheit zusammenzuschweissen. Zu einer Einheit, die imstande sein soll, den schweren Anforderungen der heutigen Zeit zu genügen, um am Wiederaufbau dos deuteeben Judentums tätig mitzuhelfen. Das wird schwer, sehr schwer werden, aber die einige Jugend muss es vollbringen, Ea erfüllt uns mit Stolz, dass wir, die Jungen, die Einigung zuerst erreicht haben und damit den Aelteren mit gutem Beispiel vorangegangen sind. Kurt Schwär« (Gleiwitz O.rS.). * Von dem Verlauf der Tagung sind wir ausserordentlich befriedigt. Nicht nur, dass eie ihr Ziel erreicht hat, n&mlich die Gründung des Bundes 4er deutsch-jüdischen Jugend, sondern wir glauben auch sagen zu können, dass wir neue Kräfte und frisches Wollen für unsere Arbeit im engeren und weiteren Kreise geschöpft haben« Wjr werden stets gern der Tage gedenken, deren Ergebnis dje Einigung der deutpeh-jüdischen Jugend war. Rath Tichaner, Dr. Alfred Fabian (Breslau). mjttelte den Glückwunsch des C. V. und fordert« zu Einigkeit und Disziplin auf. Stimmungsvolle Chanukkah-Darhietungen beendeten die harmonische Feier. Neue Gruppen in Mitteldeutschland Kürzlich sprach in H i 1 d e s h e i m Joe de Haas (Dresden) über deutsch-jüdische Jugendarbeit. Es war möglich, die deutschjüdische Jugend so zu aktivieren, dass sie sich zu einem Bund zusammenschloss. Die Führung übernahm Hans Wölfl. Die deutsch-jüdische Jugend Hildesheim hat sich dem „Bund deutschjüdischer Jugend" angeschlossen. Auf Anregung der Ortsgruppe des CV sprach am 3. Januar in Halberstadt Joe de Haas (Dresden). Er schilderte die augenblickliche Lage und betonte die Notwendigkeit eigener deut8ch<-jüdjscbßr Jugendarbeit. Nach der Versammlung, dje auch von den Eltern gut besucht war, konnte sich eiq Kreis interessierter junger Menschen zusammenfinden. Die Führung übernahm Max»Kurt Harwitz (Halberstadt). Gebildet wurden bisher zwei Jüngerengruppen, die bündisch arbeiten, und ein Aelterenkreis. In engster Zusammenarbeit mit der CV-Ortsgruppe Erfurt fand am 5. Januar eine Versammlung der jüdischen Jugendlichen statt, in der Joe de Haas (Dresden) sprach. Seine Ausführungen führten dazu, eipe Gruppe ips Leben zu rufen. Der »,Bund deutschjüdiseber Jugend" gewann auf diese Weise 20 neue Freunde. Die notwendigen Vorarbeiten wurden bereits begonnen, auch um die Jüngeren unter 21 Jahren zu erfassen. Ortsgruppenführer wurde Ludwig K a t z. agtmg des Bm&e* ---—— 9«' f+d SS* Des&m&er 1933 am £3» esv^. potodienat Arno Kikoler, Btrlin Einweihung des Gleiwitjser DJJ'Jugendheims Zu Cbanukkah wurde das neue Heim der . DJJ in GJeiwitz eingeweiht. Nach Anbringung der Mesugoth durch Rabbiner Dr. Ochs folgte unter Leitung von Oberkantor Cohn der zeremonielle Teil. R a w a c k als Führer der D. J. J. gelobte unverbrüchliche Treue zum Judentum und gesteigerte Pflege der religiösen Ueberlieferung. Dr. Ochs dankte in bewegten Worten für dieses Bekenntniß. Die Jugend habe heute die beglückende Möglichkeit, den in d$r vorigen Generation vielfach verlorengegangenen Zusammenhang mit dem Judentum >iödorh6rsu?tellen. Die Zeit der Jäheiten ßei vorüber; in einer ungebrochenen und aufrichtigen Lebensgestaltung erbaue Bich die Jugend ein freudevolleres Dasein.. Sanitätsrat Dr, Schlesinger über- Bundesanordnung 2 Zur Meldung bei den amtlichen Stellen, insbesondere zur Fertigstellung der Ausweise dee Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände Deutschlands, eind bis mm 15. Januar dle Personalien (Geburtsdatum, Geburtsort, Adresse, Beruf) sämtlicher Ortsgruppenleiter an die Geschäftsstelle des Bundes, Berlin 0 27, Raupachstr. 3, mitzuteilen. Dieser Meldepflicht unterliegen auch die Gauleiter. gez. Martin Sobotker. Aus anderen Bünden Verband der jüdischen Jagendvereine Deutschlands Am 6. und 7. Januar fanden sich in Berlin die Leitung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands und die Vertreter der Landesverbände zu einer grundsätzlichen Beratung über diu Zukunft des Verbandes zusammen. Zwei richtunggebenden Referaten von Fritz Schwarzschi Id und Dr. Paul Eppstein folgte eine durch den Ernst der Erlebnisse geformte Aussprache. Sie ergab ein einmütiges und von der Verantwortung für die Zukunft der Juden getragenes Bekenntnis zu der gesamtjüdischen Haltung des Verbandes, auf die er seine Arbeit stützt gegen alle die Aufgabe unserer Z-eit verkennenden Spaltungen. Dieses Bekenntnis fand in folgender für die künftige Verbandsarbeit massgebenden Entschliessuug ihren Ausdruck: Der Verband bekennt sich erneut zur jüdischen Schicksals- und Kulturgemeinscbaft. Der Verband als Tritger der gesamtjüdischen Haltung tritt eindeutig für das Primat des Jüdischen eiq, das ihm als Wert- und Wissenserlebnis gilt. Der Verband ist eine Erziehungsgemeinschaff. Er erstrebt die Erziehung jüdischer Menschen, die in der Galuth ein vollb.ewusstes jüdisches Lebeu führen. In der Arbeit des Verbandes haben über den selbstverständlichen Besitz deutschen Kulturgutes hinaus alle auf Erez Israel zielenden und dorther kommenden jüdischen Lebensäusserungen besonderes Gewicht für die Gestaltung einer Lebensform innerhulb der jüdischen Gemeinden in lebendiger Wechselwirkung zwischen Erez und Galuth. Der Verband fordert von den Mitgliedern seiner Bünds die Verpflichtung zu unbedingter sozialer Verantwortlichkeit der gesamten persönlichen Lebensführung. Die Erziehungsarbeit des Verbandes erfasst die berufliche Existenz, die wirtschaftliche Daseinsform, die religiöse,'geistige und kulturelle Lebensgestaltung seiner Men- sehen- Diese Arbejt leistet der Verband im Sinne seiner gesanitjüdischen Haltung mit und über den anderen jüdischen Bünden. Zum Leiter des Verbandes wurde einstimmig Dr- Paul Eppstein, Berlin, gewählt. Der Verbandsleitung gehören ferner an: Dr. Ju[iua Ernst Herzfeld, Essen; Joe Israel, Hannover (stellvertretende .Vorsitzende), Emfl Mannheimer, Mainz, und Fritz Schwarzschild, Berlin. Die Geschäftsstelle des Verbandes wird sofort von Düsseldorf nach Berlin verlegt. _ Achtung! Redaktionaschiufi* efür die „Seite der Jugend" ist stets Montags, 18 Uhr» Später eingebende Manuskripte können erat in der darauffolgenden Numnjer berücksichtigt werden. Manuskripte dürfen nur einsaitig beschrieben sein.