Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 48 (14.12.1933)
- Date
- 1933-12-14
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. MKschZs schWs Ein VorTrag von Vrofeffor ArLNtz O^rpenheimsr I-n Nahmen bcö .U:uUui:luinb;a deutscher I-;den sprach chroichsor Franz Oppenheimer an zwei Al,enden. jedesmal nur einer gebannt lauschenden Hörerschaft, Über „Jüdisches Schicksal, -uw LOGO Jahren jüdischer Wirtschaftsgeschichte im 'Aftiilrlallci:''. „Ich will Ihnen", begann der Redner, „den -mrtschasslichu; Aiiflticg. Abstieg. - Aufstieg der gudeu im Mittelalter schildern." In dem Zeitpuntt. in dem die Schilderung einseht, waren die ureigen Inden schon weithin verstreut. An einigen :<arlen MBchtmiftelPuntteu spielten sie wirlschchnlich eine Rotte, so im Zweistromlande. wo sie unter der ,Rührung eine-5 Exilarchen aus dem Königs'-- >>>u-s David standen, der im Range gleich nach dein Kalifen kam. und dann im Reiche der Ehasarcn an der unteren Wosga. Gbe-;salls zu wirtschaftlicher A'cdeutung sind die Jude-; in Bagdad ausgestiegen. Bi? waren dort die „osstziclleu Bantiere" der Wesire und Kalifen und hatten große Dteuer- 'pachten, an denen sie verdienten. Ja Bagdad hatte sich ein großartiger Bambcrtehr entwickelt. Man nimmt an. das; schon damals Wechsel. Schecks und Kreditbriefe ausgestellt wurden. chn späte,; Röwerreich stand ein Teil der Juden auf einer hohen Stufe des Ansehens. (IrS;',(}[? sogar Senatoren jüdischen Glaubens. Gin anderer Teil gehörte zum „Mittelstand". auch zum ländlichen. Weitaus die meisten Juden waren aber rftune Leute. Handwerker aller Art. Im Handel spielten die Juden gar feine Rolle. Sie waren also ganz überwiegend in den produktiver Berufen des Ackerbaus und des Handwerks tätig. Gin großer Ginschnitt. Ter römische Kaiser Konstantin uuuhte das (christeiftuu; zur Staatsreligiou. Religiöse Intoleranz trat aus. Tas ckudenrecht wurde mehr und mehr verschlechtert. Gin Beruf nach dem anderen wurde ihnen versperrt. Nur Stadtverordnete m u s; t e u sie bleiben. Tas rvar eine schwere Last, denn sie hasteten mit ihren; vermögen und ost auch mit ihren; Leben für die Steuern ihres Bezirles. Unter Kaiser KonoriuS ronrdeu sogar erprobte jüdi'sch? Froullämpser aus dem Beere ausgeschlossen. Später kan; ein Verbot der Mischehe,,. In; westgotischeu und im frönlisehen Reiche ging es den Juden wirtschaftlich schlecht. Abstieg. Der Ginbruch per Araber zerriß den sprachlichen und kulturellen Zusammenhang des Mittelmeerkirciscs. (5;ir:c neue Labhlonischc Sprachenverwirrung war ausgeörochuu, Nur die Juden aller Gebiete vermochten, sich in einer Sprüche untereiumrder zu verständigen: im Hebräischen. Sie konnten überall Glaubensgenossen finden, dir ihnen als siwlmckscher und Vermittler dienten. . Lie.MoölemL bevorzugten Juden' für' ihre Finanz, und Stcuerangeftgem Heiken, weil hinter den Judew keine Großmacht storch, die ihnen politisch unbequem werden konnte. Bis tief in die Karolingerzeit hinein betätigten sich die Juden in; Warcichandel und als Finanziers. Sie brachten es in aller Welt auf diesem Gebiet zu hohen Stellungen, wurden Finanzminisier und Münzmeister. Ein Aufstieg hat seinen Höhepunkt erreicht. Ter tiefe Absturz ist nahe. Es war immer jüdisches Schicksal, erklärte Proscsivr Oppenheimer, daß die Juden von naturnäheren Völkern herb eigeholt wurden, um sie Hie Künste des Handels zu lehren. Sic kamen also als Erzieher. Aber spater verdrängten die Schüler ihre Meister aus allen wichtigen Positionen. So geschah es auch seht, dqß der wichtige.Gewürz- Handel und der Geldmarkt den Juden aus den Händen gewm;den wurden. Ta8 Papsttum, größtes tapitalisiisches llni.rviwfjmcn der damaligen Zeit, konnte mit zwei Gruppen arbeiten: mit dcu Juden, die ein ganzes Netz kommerzieller Beziehungen auLgespannt halten. und mit den Tempelrittern. Zunächst arbeiteten die Päpste' auch mit diesen beide-; Gruppen. Als dann die Lombarden im Handel durch die Krcuzzüge groß und reich geworden waren. benutzten die Päpste säst nur noch lombardische Händler, für ihre gewaltigen Gesdsanunluiigcn und 'Verteilungen. Durch die rellgiöft Begeisieruug der Kreiizzüg-r »var auch eine judenseindliehe Stimmung erzeugt worden. Den schwersten Schlag gegen di? Inden führte aber Papst Innozenz Zit. Er erklärte, die Jude»; seien ewiger Knechtschaft verfallen. Es begann die Politik der Juden,lustreiduugen.' Es begann außer, drin die Geldschwaiumpolitik: Man ließ die Juden siih pollsaugen mit Geld, um sie dann auszuppessen. Jüdisches Schicksal. Die alteir Griechen, so schloß Professor Oppenheüner seinen fesselnde-; wirtschastSgeschichtlichen Vortrag, glaubten, daß Pie Geschichte in Zyklen verlaust wie das Jahr in der Ratnr und das Einzellelwn des Menschen. Und Macchiupelli schrieb: In diesem Zirkel drehe» sich die Staaten. Ich glaube, daß die Gefthichw aus einer Spirallinie anssseigt. Manchmal sind die Schlingen der Spirale so eng. daß mau nu'inon könnte, es sei ein Kreis entstanden. Und doch geht es auswärts! 5)7. K. M. ..ÄtchMK KÄ MtzUM"?ln; II Dezember fand;m Berliner Logenhaus eine geiueiusauw Kundgebung des „Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubons e. V. z>; Bert;-;" und des „Rcichsverbandcs dctz jüdischen Mittckstandes" statt. Nach Orgel- und Ghorvor-- trägen sprach Wilhelm Marens. Es sei eiir Zeichen der Zeit, daß jetzt der schon lange geplante Zusammenschluß von Handwerk u-;d Mittelstand zustandegekommen sei. . Gemeinsamer - Wille und gemcinsamcZ Schicksal verein? beide Beruftstände. Tie Tinge seien noch zu sehr in Fluß, um über die weitere Entwicklung erkennen zu sonnen.. Tie deutscheu Juden seienmit der deutschen Wirtschaft auf.Gedeih' und Verderbverbunden mrd wurden ihren angemessenen Platz finden. /. , Moritz Rdsenthal vom Porstand der Jüdischen Gemeinde führte aus, daß Handwerk und Mittelstand das Rückgrat der Gemeinde. seien. Seitens der Gemeinde würde man sich besonders um Handwerk und Mittelstand bemühen. Der Vorsitzende des Handwcrkerbcreiiis. Louis Mols ft besprach Fragen der Verussumschichtung. Tie jüdischen Handwerker, die durch die per-- änderten Vmchälmisse in den Mittelpunkt der jüdischen Gesellschaft gerückt seien, würden selbstverständlich stets mit Rat und Tat bei der Berufsnmschichtüng helfen. Handwerk dürfe aber nicht nn.r ein neuer Erwerb sein; zum Handwerk gehöre vor allem auch Gesinnung. Der Umschichtungsprozeß werde keine Sache von Monaten und Jahren, sondern von Jahrzehnten [ein. Martin (\ a II m an n . vom Präsidi-un des Reichsverbandes des jüdischen Mittelstandes ries den jüdischen Mittelstand aus seiner Lethargie aus.' Rur fester Zusammenschluß tön ne helfen. Es sei deshalb unverständlich, daß gerade in dieser Zeit neue Soirdergrüppchen e,;tstehen. _A. L. A. . As BssS: Ssr WM Mg Kürzlich sprach Rabbiner Tr. Da eck in; Ralpuen des Kulturbundes in En in der bis zun; letzten Platz gesüliteii Lynagoge in der Roonstraße. Rechtsanwalt Dr. -Rudolf Eatlmann zeichnete in kurzen eu'cke'itendeu Worten mit gewohnter meisterlicher Formulierung die besonders schwere Stellung des deutschen Inden innerhalb des Kampfes des gesamten deutsche.-; Bottes und die daraus erwachsende Notwendigkeit einer neuen Formgebung deritsch.jüdische-; Lebens. Tr. Bneck zeigte als Denier jener unsichtbaren Menftlft,ci1-.Peschich1e die nicht mit den lauten Maßstäben unserer Tage wertet, den ewigen Weg des Juden. Er hob hervor, daß der jüdische Mensch mit eigner Verantwortung sein Lebe-; gestalten müsse, daß cs im Gegensatz zu allen andern Letcnntnisst'n iw Judentum nichts patze, was dein einzelnen die persönliche Verantwortung abn-w-ne. In der Erkenntnis dieses sim'.dairienics jüdischen Seins hat Tr. Vaeck es verstand;--;, zu jeden; einzelnen zu sprechen n.nd nicht zu einer Partei. Er erklärte die indische Stellung nicht aus äußeren, wirtschaftlichen oder politischen Fatioren. sondern von der besonderen Veranlagung des Jude-; ging er aus. dir sein Schicksal bedeutet, von seiner Berufung in dieser Welt. Die jüdische Geschichte sei ein emiaes Drama, an dein jeder Jude als Künstler mitsehesfe. Wie der Künstler in der Vollendung seines Werkes innuer unterwegs sei. so sei auch der Jude, der Künstler, immer unterwegs. Wer als Künstler sein Leben immer zu gestalten suche, der müsse zuerst den Weg zu sich gehen, der iitüffe zunächst sein eigenes Ich' suchen. I)r. H. .T. 0. ßswsmM: NAW M ErA In der Breslauer Alten Shnagoge sprach an; 2. Dezember Professor Dr. I. H eine m a u n über das Thema ..Judesein als Gabe und Aufgabe". Ter Redner beschäfligte sich zunächst mit dei; tieferen Ursachen, die in den letzten Bionaten nicht nur unsertäußere Lage verändert, sondern auch in unserem Innern etwas zerbrochen und zerrissen hobcg;. Vis z'.nn Gode des 1$. Jahrhunderts in feine Gl-meinschast eingebettet, ist der Jude durch die der Auffkürung im iS. 'mid 10. Jahrhundert foTflQnben Ssrpmung<'m seiner Gen;einichast vpeit- Z-chend entfremdet worden. Heute lehnt man naZ nun dwser ..Entjudnng" wegen ab. wie man uns einst wegen -on-leres Judentums ^bgellchnt hat. Tie libe- 'rate Eppchs war n;nr eine Episode, sie' war nicht das rc|>£c Wort d?r Geschichte. Schon in der zwe;- ten Hälfte des IS. Jahrhunderts haben viele Juden infolge mancher Enttäuschung zu einer Ncnbescstigung und einem Ncuausbair des jüdischen Gemeinschastsbewußtseins auf religiösem, sozialem und geistigem Gebiete gesunden. Heute haben wir den Weg zu einer neuen Gemeinschaft der Ga he. der A u s g a h e und des Lebens weiter zu bahnen. Es heißt jetzt nicht mehr, „guter Jude" sci-r. soiw dorn Jude sein kann nur nech bedeuten, das Irdentum als Gemcil;schast des Lebens, des ganzen Schicksals ausfassen. Unsere Jugend vor allen; muß sich die Gaben des Judentums voll aveignen. um seine-; Ausgaben ge;vachft-; zu sein. Das Indentum muß in seiner geistigen und ästhetischen Kul- Eol soMccIvIos: WetiG? £!o -NsÄ. bsssov seäätzoa'. Es reqrtet und stürmt und Lia miinr.cn inn Freie? Sdvnell etwas Leoirrem I Das smützt die Maut vor Wettersrhaden: sie bleibt stets sammctv;eirh und zart und Imnn nicht rauh und rissig werden. Lesirr cm, ein erzeugnis der Chlorcdont» Fabrik, enthält n^turcchtes Sonnen-Vitamin. Dosen zu 50, so, 22 15 Pfg. in allen Fadiq eschä Men erhall lieh! tijv. voll in unsere Häuser verpflanzt wechcu-, der jüdische Vraiug. das jüdische Lied, das jüdische Luh gehören in unser .Haus. Tie u'idische Preise, die gegenüber der verschwundenen, sogenannten ..Jude.,, prelle" zurückaetreten war, muß unterstützt, h.'.z Verant-vorluiigsgcfüht des eiuzelnei; für die Genwinschast perüeft werdzn. 8chw. Nechtsauwakt null Dtvtar (Üchclnur Ius.'r.zral' Adolf Salornou in Berlin bezest er; lll. Dezember seinen >ckä. Geburtstag. Salonwn i,- eii; .Unid der Provinz Pose-;. Gr war zmiäet-tz Kreisrichter und umrde im Jahre t870 zun; Rest-., am.valt und Rcküar in 'Posen erwuu-!: er bii11 te che älteste preußische Rrchtsauwal: und Rotar iciu. Din'ch das Vertraue-; seiner Kollegen wurde cr sin Jahre I0k>2 zum Vorsitze-rdei; des Vorstandes der Au.waltslannner in Posen gc-vählt und hat dieses Ehrenamt bis znm Jahre 1020 bekleidet, als b:e drur'che Rec!;!spflege von den Polen iHicriu';;ui:?u umrde. Gr hat. da er es ablehnte. Pole zu werde,-, seine deutsch? Heimat Pose:; im Jahre l'.BO o?;. lassen und lebt seitdem in Berli-u Ungeivühnlich' Irische des Körpers und des (Geistes erlaub; es ii;m auch heute noch seine-; ihn; lieb ge-vordenen Lc. ruf mit gleicher Freudigleit auszuüben. Gebei-nrck La.'omou hat jüdischen Dingen stets großes J.ne;- ehe enck.gegengebracht: er gehörte viele Jahre der Reprästntantenvorsammlung und -vätor dem Borstand? der jüdischen Gemeinde in Posen an mü> iß Aiitglied des C.-V. seit dessen Gründung. Pro sc gor Dr. llüchard Ko ebner sVrcslan) hat einen Ruf ans den Lehrstuhl sür neuere Geschichte an der lluiversimt Jerusäten; erhalten und den Ruf setzt augcuo:n'i-ic,r. Gr wird ihm zum 1. Dltober t'.'tzz Folge leißw. Richard Koebuer. 188Ü in Breslau geboren, studierte in Breslau und später in Berlin, (ft? promovierte in Berlin und habilitierte sich stchj in Breslau, wo er 10M znm anßerordeutsichoi Professor ernannt murbe und einen Lehrauftrag erhielt. In den letzten Jahren hat er sich hu sonders mit i5i-.it Fraaen ' dev deutschen floh* ' nisatipn bcllchüstigL Aus Grund des Gesetzes zur Wiedürherftellung des Berussoeamtentums wurde cr im Herbst e-ftlasicm. nachdem er schLn im Frühsahst beurlaubt worden war. Sein Raine ist mach mit der- „Zeitschrift für die GeschimR dm: Juden in Deutschland" verbunden. Prosesfvc Koebuer ist langjähriges Mitglied des Central. Vereins. 8dw. ZmehrUien an die Berliner Hauptgeschäftsstelle des Ccntral-Vcrcins, an die „Central* Verein-Zeitung“ oder an die Landes' verbände Gross-Berlin und Brandenburg des Ccniral-Vcreinsr sind aesschliesslich zu; richten an dzn Central* Verein, Berlin W 15, Emser Str. 42, IV, D§r 'Bmhet Erzühlu^g U5?n 3 at PlcQrh * 12. Fortfetzungj Und so standen wir nun Posten hinterm Gewehr, immer einer am Tag unb des Plackst? zwei. A-anouen aber schaute noch eine Insanteriewache i'ibcr die Deckung und das mohnrote Feld himiber ins Ungewisse, immer Drohende. Mau fing langsam an. den Graben, die Eaftluug wiederstu Ordnung zi; bringen, die Löcher mUeinaiwer zu verbinden; viel Hin-und-lzer-Nufen und Erzählen gab es. Ja. es wurde vieles erzählt. Tie erste Kvmvaguie allein habe staudgehalten am linken Flüge! dos Negiments und die von drüben^ habgescljmiert". wie nufer Gewehrsührer Meist sagte, so daß von dort aus gegen öen Feind, der bei uns eimgedrungon war. der Gegenaugrisf angesetzt werden konnte. Nun war er also gelungen. Aber welche Verluste, wer fehlte nicht allein bei uns! Niemand wuchte zunächst, wo die siebente Kompagnie war und was sie erlebt hatte, so oft ich auch fragte. Fremde Truppen waren bei uns eingeschoben, so daß das Negimeut in Teile getrennt map: mau suchte sich zu orientieren, Artilleriebevbachter, die Augen unserer weit hinten stehenden Geschütze, lameu; es war eine Stunde der Gefechtsstille. Dhr Feind uns gegenüber muhte sich zunächst an die neue Lage gewöhnen, er war verblüfft, sie hatte seine Sie^erlust jäh in ihr Gegenteil verkehrt. Aber links pon uns bei der Nachüardivision brodelte und kochte der Lärm des Gesechts, polternd kam es hervor aus dem Wald südlich. Wir waren hiuauZgehoheu aus dem L^ben. standen, über unser altes Wesen lünaus verwandelt, in der Atmosphäre der Schlacht, der keine andere gleicht, neue Menschen. Aber wo war der Bruder? Was hatte er erlebt^ Zwar blieb ich zunächst zuversichtlich. Keinem von ims war bis st'stt ettvas geschehen, obwohl noch zwei Brüder, außer Ernst und mir, in der Gefahr der Schlachten waren seit langem. Tie geheimnisvolle stecke, der schicksalhafte Bund unserer Zahl war bis dahin nach nicht durchbrochen, so daß Unglück einströmen konnte, wie cs wollte. Der kleine Striegel aus dem Elsaß sagte, als.ei; mich nach dem Bruder fragen hörte; „Es wird ihm schon nichts passiert sein. Sie geben ja anseiuander acht bei seiner Gruppe." Striegel tvar wie unser Vater. Er hatte drei Kinder zu Hause auf dem Hose. „Wie kann man acht geben, wenn's einschlägt oder ein Querschläger setzt daher!" Und doch beruhigten mich seine Worte. Ich Zog aus Posten, indessen die andertt vom Gewehr hinten in einem immerhin durch einige Balken gedeckten Loch saßen. Es war sehr heiß, über dem Feld flimmerte die Hitze. ' Was Ernst ivohl jetzt tat? Vielleicht stand er Posten wie ich und duckte' sich jäh. wenn es einschlug oder hoch her drohend kam. Vielleicht hatte er Durst, war müde. Wo mochten sie die Nacht gelegen haben! Gewiß hatte ep keinen Schlaf gehabt, während ich hinten im Quartier noch rtchig schlief. Er war jung, jünger als ich. und war immer ein wenig schwächlich gewesen früher. Dann das Vorgehen iu die gezielten Schüsse hinein. Wie viele Augen von drüben mochten ruhig aus ihn gezielt haben. Hatte er Angst gehabt? Beherzt warer — Noll hatte ihm einmal, als sie in der Schützenlinie nebeneinanderlagen, gedroht: „Steck die Nas' in den Dreck, ich schreibt sonst deiner Mutter," sie hatten es nachher lachend erzählt — aber dieses war vielleicht in ihm gewesen, waS uns allen durch die Nerven lief in solchen Stunden . . . Lebte er überhaupt noch? Nun war der Gedanke da. Vielleicht lag er irgendwo mit Wunden, vielleicht sehr hilflos, unanfgefnnden. Nicht weiterdenirn. Sonne schien ' ja, die Lerchen quirlten immer noch' unsichtbar hock) in der Lütt. Es war nicht möglich, daß nicht auch er im Lichte war. ' . Von drüben, hervor hinter dem Gehölz von Bouvignh, kamen nun wieder gut geleitet die Granaten: jedes nahe Zerkrachen 'ritz an den siNerven, Obwohl der Erfolg'eben uns mutig gemacht hatte. Manche husteten durch den Graben, durch die Löcher, über Bretter, über Balken, die kreuz und quer lagen. Lenckvant Blattner von der Siebenten kam: oh. nun würde es sich klaren. Als ich ihn sah. -varsteS wie ein Gruß aus der'Heimat in dieses fremde Geschehen. Unser Vater hatte ihn schon gekannt, der längst nicht mehr lebte. Gr war der älteste Soldat des Regiments und der älteste -Ossizier ztrgleich, war als Freiwilliger noch mitgegangen, groß mit den noch jugendlichen Augen unter den schon grauen Haaren. Er sah mich, blieb stehen, als ich, den Blick feindwärts gewandt, wie es sich sür den Posten gehörte, Haltung annahm, um zu melden. „Wie geht's?" fragte er heiter. „Gut, Herr Leutnant. Aber ich weiß nichts . von meinem Bruder." „Ja, ich bin selbst im Augenblick nicht bei der Siebenten, bin zum Neaimentsstab kommandiert. Ich weiß nur, daß die Kompagnie schwere^ Verluste hacke." „Würden Herr Leutnant die Freundlichkeit haben, sich zu erkundigen, wenn sich die Gelegenheit bsttet? Ich wäre sehr dankbar." --selbstverständlich. Ich komme in etwa einer Stunde wieder vorbei, dann hoffe ich. Ihnen berichten zu können." Und er gab mir die Hand. Ich starrte voraus. Schwere Verluste hatte Me Siebente. Was heißt das: schwere Ver. lüste? Wenn der Kompagnieführer das schon zum Regiment berichtet hatte, so mußte es schlimm stehen um die Siebente. Tote und Vepvundete. fünfzig, hundert, die halbe Kom. vagnie, das nannte man schwere Verluste. Wie konnte cs auch anders sein, da sie ohne. Deckung gegen den lauernden Feind und in das Sperrfeuer hinein angegriffen hatten, lind dann der Grabenkampf mit Handgranaten, Bajonett und Kolben — so mußte Li. uuui |liu. IJUIUTU UUÜ U-ljUi. einmal durchgemacht während der März-' tämpsc.ft damals hatte der Roll, er war ein Bauernsohn aus unserem Nachbardorf und sein bester Kamerad, als eben ein Gegner mit dem Bajonett auf den Bruder cindrtngi.'n wollte, „die Sache von oben her mit dem Kolben gellärt", wie sie nachher erzählten. „Ich glaub', ich Hab' ihms Leben gerettet/ hatte Noll mir nachher gesagt; daran mutzte ich seht denken. So wußte''ich, daß er sich seiner stets auuahm. Wenn es ihm miHid) war. Aber konnte er immer neben ihm jeitt- Lebte er denn selbst noch? Das Poltern und Wuchten aus dem fernen Wald hinter dem flachen Berg rmb-n zu. 6tnsthlag um Einschlag folgte: die Erde'zickrrsi. „Sanitäter, Sanitäter!" rief es innuer wir'- der. Wir saßen und harrten. Etwas Oerch tßte sich wieder vor. Dicht neben uns, um die Schulterwehr, war in ein quadratisches Loch, das dünn gedeckt gewesen war, eine Granate geschlagen. Zu dreien hatten sie darin gesessen _ nebm eincr Kiste Handgranaten, die zunächst ui oft emmal höchqegangen tvar. Es brannte. mus, unser Kompagnieführer, kam und bcsillil mir. nachzuschcn, was sei. Awer ich kam niclu. durch den kurzen Zugangsgraben bis hinein. Es brannte und roch em wenig nach uet-1 branntem Fleisch, und leise kam ein Bim mern. Aber da gingen auch schon die Handgranaten hoch, und der Lustdruck warf umn hinter die nahe Schulterwehr. Ich lies zurück. Plötzlich fiel uns em. daß auch einer von uns drüben gesessen heben müsse, der Münch war es. der beste Freund des Vogt Tot. Ast Vogt e8 von mir hörte, wurde er weiß, kein Wort kam aus ihm. ’ Und von da an war st' nicht mehr zu gebrauchen, kroch stets in dw Löcher, und wenn er aus Posten mußte, ßst er einen flehend an, wie ein Tier, das holft nunoslos in sein Ende geht: ja, so war es. . Dann plötzlich schrie einer ins Grwle. „Sie kommen, sie kommen!" (Fortsetzung -olgv