Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 22 (27.5.1932)
- Date
- 1932-05-27
- Page
- Seite 224 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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224 Humanität statt Barbarei Von Prof. Ernst v. Aster (Giessen) Wer, wie der Verfasser dieser Zeiten, das Glück hat, als deutscher Universitätslehrer und Vertreter der Philosophie die Erforschung und Darstellung der deutschen Geistesgeschichte in ihren schönsten und höchsten Schöpfungen und Leistungen und in ihrer tiefsten Verknüpfung mit der Geistesentwicklung dos gesamten Abendlandes zum Berus und zur Lebensaufgabe zu haben, der muß ganz besonders schwer und schmerzlich den Zustand der Unkultur und Verrohung empfinden, in den der politische Kampf heute bei uns gesunken ist. Gibt es doch keinen schneidenderen Gegensatz, als zwischen den Human i tatsidealen unserer klassischen Zeit, zwischen den Ideen der Menschenrvürde und Gerechtigkeit und dem Verhalten gerade derer, die bei uns heute das Wort deutsch am häufigsten im Munde führen. An meinem bescheidenen Platz habe ich seit vielen Jahren versucht, in der Bekämpfung dieses undeutschen, unseren heiligsten Traditionen wesensfremden, den Haß gegen den andersgläubigen oder -stämmigen Volksgenossen predigenden Nationalfanatismus .meine Pflicht zu tun. Eine Genugtuung ist es mir dabei, daß ich mich in diesem Kamps gegen die Herabwürdigung der Begriffe Patriotismus und nationale Gesinnung, auf die der heutige Gebrauch dieser Worte hinaustäuft, mich auch durchaus einig weiß mit dem christlich-konservativen Geist meines Elternhauses, einer preußischen Qsfiziersfamilie, so weit mich auch in anderen Hinsichten meine Entwicklung von mancher Ueberzeugung senec Umwelt entfernt hat. Als eine der schlimmsten Erscheinungen dieser Barbari sierang unseres öffentlichen Lebens, dieser Verkümmerung des Gefühls fur Menschenwürde und Gerechtigkeit, habe ich stets den Antisemitismus empfunden. In allen seinen Formen und ttmkteidungen — von dem groben demagogischen Hetzwort der Gasse bis zu der scheinwisienschafrlichen Begründung einer dilettantischen Raffentheorie oder der Scheintiese einer mit ad hoc erfundenen Begriffen arbeitenden nationalen Mystik. Was hier an Pfeudophitosophie und -Wissenschaft geboten wird und leider auch aus Leser rechnen kann, rft im Grunde ttödj schlimmer und gefährlicher, als jene Demagogie der Gaffe und Gosse:'es zeigt sich daran, wie sehr, der sonst gerade als deutsches Erbteil gerühmte Geist der Gründlichkeit rmd der schlichte,"nüchterne Wahrheitssinn in weiten Kreisen gerade der Gebildeten nachgelassen hat. Wer sich vorurteilslos in die deutsche Geiftesgeschichte vertieft, der kann nicht übersehen, wieviel der deutsche Geist dem Judentum t>erdünkt, von der Bibel über Spinoza zu den vielen Namen, die heute in der deutschen Wissenschaft und Knust eine ehrenvolle Rolle spielen. Das jüdische Element ist kein „Fremdkörper* im Deutschtum, sondern ein wertvoller und befruchtender Bestandteil, es Herausreißen, es abspalten — wenn das überhaupt möglich wäre — würde einen s ch w e reu Verlust f ii r das Deutschtu m bdeuten —, ebenso wie es d e m 5 e u t f djeu Judentum ein großes Stück seines Lebendigen Gehalts. seiner Seele nehmen würde. In dieser Ueberzeuguug fühlte ich mich stets einig mit den Männern und Frauen des Centralvereins, sowie mit seinem Organ und dem zugleich entschiedenen und vornehmen Geist, in dem es geleitet wurde und wird. Darum habe ich stets gern dem Wunsch entsprochen, in seinen Spalten mitznarbeiten, und wünsche ihm heute von Herzen, daß es auch in dieser schweren Zeit, in der wir stehen und die uns noch bevorsteht, den Mut und die Kraft zum Kampf und zur Arbeit für die 'uns gemeinsamen Ideale sich bewahren möge. first zehn Jahre? / Sie ,.E. V.-Zeitung" soll erst zehn Jahre bestehen. Mir kommt es viel länger vor. Ein Zeichen, wie schnell wir heute leben, wie eines sofort das andere überdeckt, und nichts dauernd und beständig bleibt. Auch leider nichts eine langwührende Auswirkung hat — es sei denn keineswegs im Guten. Alles, was entsteht, ist heute sofort Vergangenheit. Und so kommt es, daß diese Vergangenheit uns viel größer erscheint, als sie es zeitlich sein könnte. Also: zehn Jahre E. V. In diesen zehn Jahren hat diese Zeitung sich stets als ein lebendes Jndividuum imö nie als ein totes Stück Papier gezeigt. Sie hat zwei Dinge bewirkt, die vielleicht wichtiger noch waren als die Ausgaben, die sie sich vor allem gestellt hatte und, wie es die Ereignisse erforderten,, stellen mußre. Sie hat große Kreise — ja, die bei weitem numerisch stärksten Kreise, der deutschen Juden zur S e l b it 5 e f I n n u n g und zur S e l b st a ch t it n g geführt. Was immer den Juden, den deutschen Juden in Deutschland, geschehen wird, wie iunner ihre Lage sich bessern, oder verschlechtern wird, oö der Judenhaß — diese Sinnlosigkeit in Neinzucht — (man stelle sich vor: HG Menschen Haffen den 111., ob das nun Manu, Greis. Frau oder Kind ist, den 111., der noch heute genau solch armer, von Lvbeusungewißheiteu gequälter Hund :oie all die andern auch ist) — ob also die Welle des deutschen Antisemitismus noch nicht auf ihrem Höhepunkt ist, ob sie im Verebben schon ist, das ist eine, ephemere Sache und gegenüber dem Lebensinhalt des deutschen Judentums bedeutungslos, ja es berührt ihn wicht einmal. Wohl aber berührt es den Bestand des ^Deutschen .Judentums im Kern, wenn in ihm die beiden Tinge Selbstachtung und Selbstbesinnung in Frage gestellt werden. Das Wort „Mensch" ist eigentlsch keine Gattuugsbezeichnung. wie Stuhl oder Brot. Es ist eine Zielsllckung. Und für auch bedeutet das Wort Jude in seinem reinen Sinn kulturell und sozial — etwas weniger weit von dieser Zrelstecknng noch entfernt zu sein, als es das Gros der Läufer aus der Bahn zu dem Wort Mensch nun mal ist. Und die Arbeit, die die „C. V.-Zeitung" darin verrichtet hat, manchen eben dadurch, daß er ihn zur Selbstbesinnung führte und seine Selbstachtung als Jude und als Deutscher hob, den Ko p f k lar zu machen und d a s Rückgtat zu stärken. reckte ich ihr zu diesem ersten bescheidenen Jubiläum, als ihr bestes Verdienst an. QilZ.G6ml Wrr &n Qnifciöf W. T. B. meldet: In der Vortragsreihe „Gedanken zur Zefch diskutierten aus der Deutschen Welle der Direktor des Centralvereiws deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Tr. Ludwig Holländer, und der Herausgeber der Zeitschrift „Deutsches Bocksrurnch Dr. Wilhelm Stapel, über das Thema „Anrisemirismusch Tr. Stapel enttvickelte seine Anschauung vom Ursprung des Antisemitismus. Das jüdische Volk stehe, so legte er dar, nicht beziehungslos in der deutschen Lebensgemeinschaft, jorwern nehme ideell und praktisch lebendigen Anteil an der Gestaltung der deutschen Tinge. Aus den notwendigen Grenzüberschreitungeu, die damit gegeben seien, entstehe der Antisemitismus als eine Abwehr. Der Jude denke und handele ans seiner jüdischen Ethik, die durch die Struktur des jüdischen Volkes bedingt sei. Da das Judentum durch viele Völker hin zerstreut sei, bildeten sich Querverbindungen, die, wie eine gemeinsame Fron: wirkten. Die jüdischen Werturteile erschienen in vielen Dingen unvereinbar mir deutschen Werturteilen. Wir sähen in dieser Fremdheit einen gegen uns gerichteten Anrigermanismus. Dieser hänge nicht vom Willen einzelner Juden ab, sondern sei naturbedingt, da jedes Individuum durch sein Volkstum prädisponiert fei. Insbesondere über die Auffassung der Würde gingen die' Urteile der Völler erheblich auseinander. Dr. Holländer erklärte die Angriffe gegen die Inden aus starken Fehlurteilen, die im wesentlichen von dem Gesichtschmtte ausgehen, daß viele Menschen alles, was sie als schlecht und minderwertig empfinden, einfach mit dem Worte „jüdisch" bezeichnen. In Wirklichkeit seien die Juden aus Grund geschichtlichen, kulturellen und Politischen Zusammenwirkens mit dem deutschen Volke zusamw.engewachsen, das keineswegs in seinen einzelnen Teilen gleicher Abstammung fei. Infolgedessen könnten sie Grenzen, die gar nicht vorhanden waren, nicht überschreiten und hätten die Pflicht und das Recht, zu den Fragen der Gegenwart Stellung zu nehmen.' Gewiß gebe es auch schlechte Juden und solche, die nicht immer mit der nötigen Zurückhaltung und der nötigen Ehrfurcht vor Gewordenem die Erscheinungen des Lebens ausfaßten und beurteilten. Solche Menschen gebe es aber in allen Bevölkerungsschichten, und es sei deshalb falsch, sie allein den Juden in die Schuhe - zu sich re den. - - Quer ve rvnwungen - seien keineswegs mit der Möglichkeit und der Wahrscheinlichkeit einer landesverräterischen Gesinnung verbunden. Die größten Patrioten in der Weltgeschichte stammten aus Quer-, Verbindungen und hätten ihrem Vaterlande' Entscheidendes geleistet. Was Würde sei, könne nicht blut- und abstammrrngsgemäß bestimmt, werden, sondern ergebe sich aus der Gesamthaltung und Stimmung der tragenden Schichteneines Volkstums. Das deutsche Volkstum liege im Gemüte und nicht im Geblütes Wir kommen auf das Nnud?uukzwiegespräch noch zurück. ' h M HU WWW MchMMAg Vertreter der Landesverbände jüdischer Gemeinden auS ganz Deutschland traten am 22. d. M. in Frankfurt a. M. zu einer Be«