Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 12 (20.3.1931)
- Date
- 1931-03-20
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
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130 $00 Jahre oberfthlestsches IuOentUM / von öen ersten EinwanSerern bis zur Abstimmung 1^21 Don Zustizrat W. Jmmerwahr (Beuthen O.-S.). Bericht Ibrahim Jbn Jekubs von 665 Tie ältesten zuverlässigen Nrchrichwn über unser Heimatland Oberschtesien verdanken wir dem jüdischen Gelehrten I b r a h i in I d n Jakub, der im Jahre 963 mit einer Missicn seines marokkanischen Herrschers an den Hof Kaiser Ottos nach Magdeburg kam, von dort aus über Böhmen und Oberschlesien nach Kstw drang und in einem erst später austzestindeucn Werke Land, Leute und Bersapnng der angetroffenen Völker geschildert hat. Mit den ersten Zügen der Teutschen (etwa um 1100) gelangten auch schon j ü - dische Ackerbauer, Bergleute mtb Handwerker nach Oberschtesieu. Ties haben die Forschungen Ziviers und anderer ncchgewiejen. Als dann auch j ü d i s ch e Kaufleute aus den Nhcinlanden sich in obersch.esischen Städten niedecließen, entstanden in chm Städten blühende Gemeinden, von denen einige in den Zeiten der schwarzen Pest durch die Ueberfälle nicht einheimischer Oberschlesier, sondern landfremder Fanatiker zum Erliegen kamen. Tie slawische Flut, die nach den Hussitenkriegen das ganze östliche Lberschlesien dem Tcuüchmm entfremdete, ließ die Juden unberührt, ^ie behielten und bewahrten ihre aus dem Westen mitgebrachte deutsche Muttersprache. Auch noch als Preußen Schlesien erobert hatte, sprach die Bevölkerung aus der rechten Oderseire Oberschlesiens mit Ausnahme der Juden und der wenigen Staatsbeamten in ^tadt und Land faft ausschließlich Polnisch. Tie Germanisation dieser Ostmark, ihre Einfügung in das Treimche Reformwerk, die Einführung deutscher Kustur und sogar die Begründung der Industrie war nur unter starker Verwendung des außer der Staatsverwaltung, dem Adel und der Kirche dort einzigen deutschen Kulturelements, nämlich der Juden, möglich. Der Bergbau - Als der friderizianische Minister Gras Reden am Ende des 18. Jahrhunderts den schon seit Jahrhunderten vernachlässigten Bergbau in Oberschlesien wieder erneuerte und die großen Bergwerke der Kohlengruben „König" und „Louise" ins Leben rief, war einer seiner bedeutendsten Mitarbeiter ein Jude namens Salomon. Reden verlieh auch anderen Juden bergtechuische Aemter und erteilte seinem Gehilfen Salomon die Berggercchti gleit einer Kohlengrube bei Myslowitz, der Salomons- Grube. In jener Zeit regte sich wieder zum erstenmal seit dem Mittelalter ein betriebsames bergbauliches Leben in Oberschlesien. Tie crtcn bürgerlichen Gewerkschaften, die sich bildcwn, bestanden überwiegend aus jüdischen Kaufleuten und Landwirten, die, an die Tradition der jüdischen Bergleute in der Staudcsherrschaft Beuchen aus dem 12. und 17. Jahrhundert anknnpstnd, sich mit Hammer und Gchlegel bewaffneten und selbst in die Schächte stiegen, um das Erz der Unterwelt hinaufzubringen. Tie alttestamentlichen Vornamen jener Gewerken und Gründer erhielten sich dann noch in den Namen vieler Bergwerke und Hütten, Auch die Ehefrauen dieser jüdischen Pioniere wurden durch die Namen, die man den Gründungen gab, geehrt und verewigt. So wurden in den Bezeichnungen Samuels- Glück-Gr ube, Jenny-Otto- Grube, Moritz-Hütte, Julien- Hütte, Herminen -Hütte usw. das Andenken jener Männer und Frauen (Reichmann, Frredländer, Mannheimer. Kern usw.), die in der Jndustriegeschichte Oberschlesiens eine so hohe Rolle spielen, festgehalten. ZU! Geleitwort von Iustizrat Skaller (Beuthen, O.-S.) Vorsitzender des Landesverbandes Oberschtesien des E. V. Zum zehnten Male jährt sich der Tag, da ans allen Teilen des Deutschen Reiches die Oberschlesier sich sammelten, um über das Schicksal Oberschlesiens abzummmen. Wenn es richtig ist, daß die wahre Gesinnung der Menschen in den Zeiten der Not sich zeigt, dann haben jene Tage am besten bewiesen, wie eng die deutschen Juden mit Deutschland nnd deutschem Wewn verbunden sind. Tie oberschlesischen Städte glichen damals den großen Fremdeuorten, an denen von überallher die Menschen Zusammentreffen: in den Straßen wimmelle es von den Scharen der Abstimmungsgäste. Tie deutschen Juden, soweit sie zur Abstimmung berufen waren, haben in seltener Einmütigkeit und Vollständigkeit an ihr teilgenommen. Das Vaterland ries, und alle, a lle kamen. Waren doch von je die deutschen Juden in den östlichen Grenzgebieten und es gilt dies nicht nur von Oberschtesien, sondern auch von Posen und Ost- und Westvreußen, ein hervorragendes deutsches K n l t u r e l e m e n t. Inmitten der slawischen Brandung waren sie Träger deutscher K u l t u r, d e u t s ch e r p r a ch e u n d deutscher E e s i n n ii n g. Freilich haben die Regierungen des kaiserlichen Deutschland diesen Vorteil tü£ die deutsche Sache nicht immer erkannt nnd zum Ruhen Deutschlands ausaewertet. <-llatt dieses bedeutsame Element deutscher Kultur im Osten zu betreuen und pfleglich zu behandeln, haben sie die Juden in ihren verfaffungsrnätzigen Rechten nicht genügend geschützt und vielfach zurückgesetzt, sie auch im gewerblichen Leben nicht gefördert. Vielleicht hätte eine solche Politik mehr' moralische Eroberungen gemacht und mehr prairische Erfolge gezeitigt als etwa die Zwangsenteignungen in Posen aus Grund des Ansiedlungsgesctzes. Auch der Antisemitismus, besonders der sogenannte vornehme Autiwmitismus im höheren Beamtentum und verwandten Kreisen, hat sich schon damals im Osten geltend gemacht. Ties konnte jedoch die deutschen Juden in ihrer Treue zu Deutschland nicht erschüttern. Tie^ waren in Teurschkand geboren, ihre Väter hatten hier durch die Jahrhunderte gesepen, in deutscher Sprache waren ihnen die Wiegenlieder erklungen, an deutscher Dichtkunst und deutscher Wissenschaft hatten sie teilgenommen, im deutschen Handel und Wandel sich betätigt. So liebten sie das Land, und allen Anfeindungen setzten sie den Wahlspruch entgegen: „Wenn ich dich liebe, was geht's dich an." Möchten unsere gegenwärtigen Machthaber erkennen, welche hervorragende Bedeutung, besonders 'im Osten, die deutschen Juden für die deutsche Sache haben, gerade hier, wo es gilt, auf vorgeschobenem Posten mit zäher Energie deutsche Kultur und deutsches Land zu verteidigen und zu wahren. Hier ist kein Platz für Rassenhaß und Klassenhatz, ist Einmütigkeit mehr not als je. Wir Juden in Lberschlesien wollen unentwegt und unbekümmert um die Anfeindungen eines lärmenden Antisemitismus, wie ihn die schwere Krisenzeit an die Oberfläche gefördert hat, unsere Pflicht gegen das Vaterland erfüllen als gute Deutsche, aber auch als gute Juden. ^iiK^iiiiT.'üüniiiiHüüiümüiiiimiiiiüinnininnr'iiiiiiiiüü^i'ünün' "'!iü Deutsch-jüdische Kulturarbeit im 19. Jahrhundert > Don der Einführung der LtÜdteerdnung nach dem unglücklichen Kriege von 1800 07 nu bis in die Dersassunge-kämpse von 1^18 reicht der Zeitraum, in dem der fast noch völlig stawisae (Charakter des östlichen Oberschlcsiens c:bauin wurde und mit dem Preußischen ^taallbewusttsein auch die deutsche Sprache und deutsche Kultur hier den Lieg errangen. Ter «Ltamm dieses neuen deutschen Bürgertums in den östlichen Ltädten und Gemeinden waren die schon den alters her der deutschen Kultur gewonnenen Juden. Auf sie war man angewiesen, um die Besorm.cn der Selbstverwaltung und Gewerbefreweit in Gang zu bringen. Auch die Bildung der Bürgerwehren in Oberschtesien vor dem. Befreiungskriege wurde durch die jüdische Mithilfe stark gefördert. In manchen Orten stellen die Juden für die Stäbe dieser Landestrujwc nicht nur Offiziere, sondern auch die Kommaudamen. Waren auch bis tief in das 19. Jahrhundert hinein noch manche staatsbürgerlichen Rechte den Juden vorenthalten, so war bald nach dem Befreiungskriege in wirtschaftlicher, kulturelter und gesellschaftlicher Beziehung eine völlige Ausgleichung der Konfessionen in Oberschlesien erfolgt. Ebenso wie in den Stadtverordnetenversammlungen wirkten in den Innungen mW sonstigen wirr schuft lichen Genosienschaften, aber auch in den crchühengi.'den, Feuerwehren und Geselligkeitsvercincn Ehristen und Juden Hand in Hand. Ter jüdische, noch durchweg private Schulunterricht stand aus einer bedeutenden Höhe und war nicht eines der geringsten Fördernngslnittel des allgemeinen Tcntschtmns in Oberschleüen. Um die Lage von damals zu kennzeichnen, sei der Auswruch wiederholt, den ein hervorragender nichtjüducher Kenner der oberschtesischen Vergangenheit getan hat. Er sagte: „In Lberschlesien rechts der Oder ist die eigentliche städti'che Kultur das Werk der Juden." Als die Sreinsche Selbstverwaltung den Städten verliehen wurde, waren sie unter den Kleinbürgern die einzigen, die schon deutsch lesen und schreiben konnten. Gewöhnlich war es in diesen Orten ein Jude, der die erste Buchhandlung, die erste Truckerei und die erste Buchbinderei errichtete. Tann verschönerten sie als Bauhandwerker und Architekten die sehr unschönen Städte und schufen in Ge-