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Central-Verein-Zeitung · 1930-08-08 · 32 (8.8.1930) · p. Seite 418

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
32 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
Seite 418 (sequence 2)
Language
German
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41$ Die Trauerfeier in Karlsruhe he. Karlsruhe, 5. August. Eine riesige Trauergemeinde aus allen Schichten der Bevölkerung gab der irdischen Hülle von Ludwig Haas das letzte Geleit. Unter den zahllosen Kranz-- und Blumenspenden seien erwähnt die des Neichsinnenmimsters, des Reichstagspräsidenten, des badischen Staats- Ministeriums, der Stadt Karlsruhe, der demokratischen Landtagssraktion, der deutschdemokratischen Parteiorganisationen, der K.C.- Verbindung „Bavaria" und des Altherrenverbandes „Badenia", des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, der Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften des badischen Reserve- Insariterk-Regiments 238, des Vorstandes der Badischen Anwaltskammer, des Badischen Anwaltsvereins, der badischen Richter und Staatsanwälte, des „Berliner Tageblatts" und der „Frankfurter Zeitung". Stadtrabbiner Dr. Schiff (Karlsruhe) stellte an den Beginn seiner Trauerrede die Schriftworte: „Schauet und seht, ob es einen Schmerz gibt gleich meinem Schmerze!" Drei Ringe der Geschlossenheit und Vollendung bezeichneten sein Leben: die Hingabe an seine Familie, an seinen Beruf, an sein politisches Wirken. Ueber diesem Dreibund seines Wirkens habe das Motto des ersten deutschjüdischen Politikers, Gabriel Riesters, gestanden: „Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören!" Reichsinnenminister Dr. Joseph W i r t h legte einen großen Lorbeerkranz mit schwarzrotgoldner Schleife nieder. Die deutsche Reichsregierung widme diesen Lorbeer dem tapferen Soldaten, der als einer der ersten freiwillig in die Feldschlacht gezogen sei, dem großen Patrioten, der in den Stürmen der Revolution zur neuen Ordnung der Dinge beigetragen habe und dessen Verdienste um diese Neuordnung historisch genannt werden dürften. Unvergeßlich sei chm und seinen Freunden das Wirken dieses edelsten Freundes, den sie im Reichstage besaßen; wer ihn zum Freunde hatte, der sei geborgen gewesen in einem reinen und treuen Herzen. In solchem Verhältnisse habe Ludwigs Haas mich zum ersten Reichspräsidenten gestanden, zu Rathenau und zu Erzberger, damals, als das giftige Haupt der Volksverhetzung sich erhoben und diese edlen Menschen vernichtet habe. Am Sarge des großen deutschen Juden Ludwig Haas müsse man seine Stimme erheben zur Bitte und Be s ch w ö r u n g, daß angesichts des edlen und reinen Wirkens dieses Toten das Werk der Zersetzung durch Volksverhetzung eingestellt w e r d e. Ludwig Haas sei einer jener großen, ausgeschlossenen Menschen gewesen, die schon vor dem Kriege ihre Kraft dem Werke der Völkerversöhnung widmeten, dieses Werk auch nach dem Kriege mit aller Macht förderten, in der Stunde der Entscheidung aber zu ihrem Volke standen und Gut und Leben dafür einsetzten. In der Rettung seines deutschen Volkes aus allen Nöten habe Ludwig Haas das große Ziel seines politischen Wirkens gesehen. Nach dem Neichsinnenminister ergriff im Namen der demokratischen Reichstags- und LandLagsfraktionen R e i ch s f i n a n z m i n i - ster Dietrich das Wort. Wenn besonders in Baden die Umgestaltung des monarchischen Staates zum republikanischen Staat ohne schwere Schädigungen des Volksganzen geschehen sei, so sei das im wesentlichen ein Verdienst des Politikers und Menschen Ludwig Haas. Ein schwerer Verlust sei der Tod von Ludwig Haas auch sür die neue Einheits- und Sammelbewegung, für den neuen gegenwärtigen Kampf um die Republik. In dieser neuen Bewegung habe man noch bis vor kurzem auf Ludwig Haas' Mitwirkung gerechnet und empfinde die Lücke, die sein Tod hinterläßt, aufs schwerste. Aber wenn er auch tot sei: sein Geist, seine Gesinnung und sein Menschtum würden fruchtbar weiterwirken im neuen Kreise zum Besten des deutschen Volkes. Als Vertreter desVorstandesder Badischen Anwaltskammer rühmte Dr. D i e tz Ludwig Haas als einen der hervorragendsten Rechtsanwälte Deutschlands in den letzten drei Jahrzehnten. Der Vertreter der R i ch t e r u n d S t a a t sanwälte der badischen Gerichte, Laudgerichtsdirektor M e h l, erklärte im Namen seiner Kollegen, daß die badischen Richter Ludwig Haas immer als einen der Ihren in der gindüng des Rechtes betrachtet haben. Der Sozius des Verstorbenen, Rechtsanwalt Dr. Raphael Strauß, pries die unbedingte Zuverlässigkeit die Treue und die selbstlose Hilfsbereitschaft und Opferbereitschaft des Toten. Die Vertreter Zahlreicher Organisationen des Reichsbanners und der Demokratischen Partei betrauerten in Haas den Mitkämpfer um die Freiheit und das Recht. Für den badischen Anwaltsverein rief Rechtsanwalt Otto Heinsheim er (Karlsruhe), für die Logen Herr Kloppst ock und Dr. Leopold Friedberg dem Verstorbenen warme Worte des Gedenkens nach. Dr. Luöwig HoUänöer führte aus: Die Stunde ist zu groß und zu weihevoll, als daß der einzelne ein Recht hätte, mit seiner persönlichen Erinnerung und mit seiner Trauer, kurz, mit der Darstellung feiner Empfindungen vor Sie zu treten. Aber wenn mir, dem Vertreter des großen Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, anvertraut worden ist, unserem geliebten Freunde ein Wort der Liebe, der Verehrung und des Dankes nachzurufen, so glaube ich, der Jugendfreund des Verewigten, die mir gewordene Aufgabe besonders gut erfüllen zu können, weil ich das Glück hatte, als junger Student in München gemeinsam mit Ludwig Haas die dortige Verbindung der deutschen Studenten jüdischen Glaubens zu leiten. So hat ein halbjähriges gemeinschaftliches Streben uns beide fast ununterbrochen beisammen gesehen und uns gegenseitig menschlich ganz besonders nahe gebracht. Denn die Jugend läßt die Menschen am leichtesten zueinander finden. Hier ist die Sicherheit vor Enttäuschungen am besten gegeben. Die Charaktere erschließen sich im Verkehr miteinander rückhaltlos. Die Jugend erkennt am besten, was wir an dem Freunde besonders lieben. Wenn wir nun den geliebten Jugendfreund zur letzten Ruhe betten, so verstehen wir die Tiefe der Worte: „Was wir bergen in den Särgen, ist das Erdenkleid, was wir lieben, ist geblieben, bleibt in Ewigkeit." Und was wir lieben, ist dasjenige, was wir auf der Suche nach dem Gott in der eigenen Seele in der Seele des anderen erblicken, die uns das Heilige enthüllt, nach dem wir streben. Haas hat uns gezeigt, wie ein Mensch in edelster Vereinigung das spekulativ Ausschauende mit dem positiv Gebundenen vermählen kann. Wir standen häufig in schwerem Ringen zu der Frage: Wie steht es mit unserem Vüterglauben, sollen wir, können wir ihm treu bleiben? Da war er es, der uns kmmer wieder lehrte, was er spater in einer großen Kundgebung am 1. März 1914 zu Frankfurt a. M. vor vielen, vielen Hunderten aussprach: „Wenn eure Ueberzeugung euch nicht Zwingt, dann bleibt dem Glauben eurer Väter treu." Das Wort: „Ehre Vater und Mutter!" habe in diesem Zusammenhänge eine noch viel größere und viel gewaltigere Bedeutung als im allgemeinen Sinne. Zuerst die Ueberzeugung. Niemand darf gegen feine ihm durch innere Prüfung gewordene Im Austrage der O f s i z i e r e, Unteroffiziere und Mannschäften des badischen Reserve - Infanterie - Regiments 2 3 8 rühmte Oberverwaltungsgerichtsrat C o n r a d i die Tapferkeit, den Mannesmut, die Güte und Kameradschaft des Soldaten, Zugführers und K o m - pagniechess Ludwig Haas. Strahlend stehe sein Name in der Geschichte des Regiments! Im Namen des B u n d e s v o r st a n d e s, des Landesverbandes Baden-Pfalz und der Ortsgruppe Karlsruhe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten sprach Rechtsanwalt Hugo Stein (Karlsruhe) tiefergrifsene Worte der Trauer. Ludwig Haas habe den Kampf gegen die Verleumdung der jüdischen Frontsoldaten an hervorragender Stelle mitgeführt, und keiner war dazu so berufen wie er, der alte Soldat, der sofort bei Kriegsbeginn zu der Fahne geeilt war und sich draußen in der vordersten Schützenlinie als ganzer Mann bewährt hat. Und als seine Tapferkeit die verdiente Anerkennung fand, da hat auch er als militärischer Führer ein lebendiges Beispiel aller soldatischen Tugenden gegeben. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens war bei der Trauerfeierlichkeit durch seinen Direktor Dr. Ludwig Holländer und Rechtsanwalt Dr. Jakob Marx (Karlsruhe), den Vorsitzenden des Landesverbandes Baden, vertreten. Ueberzeugung handeln. Achtet und ehret jede religiöse Meinung! Aber wenn die Ueberzeugung euch die Möglichkeit läßt, Treue zu halten dem Glauben der Väter, dann müßt ihr nicht treu bleiben, sondern diese Treue muß auch ein Heiligtum sein. . Es gab damals mehr Schwankende als heute. Der aus uns lastende Druck hat Gegendruck erzeugt. Aber jene Erörterungen bleiben gerade dem ewig unvergeßlich, der die Festigkeit gesehen hat, mit der Ludwig Haas der ringenden Jugend dieses „Ehre Vater und Mutter!" zugerusen hat. Seine Liebe, seine Treue zu dem Väterglauben hat er auch in verantwortungsvoller Stellung im besetzten Polen bewiesen. Unbeirrbar in der Wahrnehmung der deutschen Interessen hatte er ein warmes und starkes Empfinden für die Leiden und Nöte der polnischen Juden, deren Angelegenheiten ihm als dem Sachbearbeiter des Gouvernements Warschau unterstanden. Viele, viele Wochen war: ich mit ihm in Warschau zusammen und weiß, daß es heute Hunderttausende in Warschau geben wird, die in Tränen den letzten Weg unseres Ludwig Haas begleiten. E i n z w e i t e s: D i e L i e b e z u m V a - terlande war ihm so, daß er nicht fragte, ob es gut, ob es weniger gut zu feinem Kinde ist. Nicht das geringste von dem, was wir heute Ressentiment nennen, ist in unserem Ludwig Haas. Er war ein Mensch, dem immer Erdgeruch anhaftete, der geboren und gewachsen war in dieser badischen heimatlichen Erde, so sichtlich, daß er diesen süddeutschen Charakter niemals, auch nicht einen Augenblick vergessen konnte. Denn dieser Charakter seiner Heimat war sein Charakter geworden. Das ist das positiv Gebundene. Das spekulativ Ausschauende war hier, daß trotz dieser Heimatliebe und gerade bei dieser Heimatliebe Haas ein Weltbürger war. Das hat sich gezeigt, als er die Schaffung der deutsch-französischen Annäherung als ein Stück seiner Lebensarbeit betrieb und uns im Centralverein immer darauf hinwies, daß wir als jüdische Deutsche die Aufgabe haben, nicht nur der Volksversöhnung, sondern auch der Völkerversöhnung zu dienen. Und in w e l ch e m Gei st e verlangte er von uns die Erfüllung seiner Forderungen? Im Geiste der absoluten Gerechtigkeit auch dem Widersacher gegenüber. (Fottedz vng Seite 420)

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