Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 12 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Vas /ückrsc/re </a§s/rck/rsr>n VoK r/eÜLr 6nru/)e ' Man kann heute von einer Jugend- und Gemeindeheimbeweaung sprechen. Ter Anlcch der Eröffnung eures ludrschen Juaeudheims im Berliner Westen') läßt eine Betrachtung der verschiedenen Ströme dieser Bewegung nach Herkunft und Ziel sowie eine Darstellung der Grundlagen, auf denen sich das neue Heim aufdauen will, nicht unnötig erscheinen. Der Nus nach Hennen fiir die sogenannte „rck/ulenllossene" Jugend, also für die über rünr- ,zehnjährigen jungen Leute, die entweder bereits rm Berufsleben stehen, oder die öberklasicn der höheren Lehranstalten besuchen^ gmg von den verschiedensten Seiten aus. Jugcndbünde sorderteu ste als Stü^irnkte ihres Gruppenlebens und als Mittel zur Beemflunnng weiterer Jngendkreise. Rabbiner als Kampsmittel gegen die Gefahr der Mische und das jüdischen Einflüssen immer mehr entgteltende GrchstadÜer.'en. Fürsorger 'und Pädagogen als Statten der Selbsterzirhung und Beeinflussung sozial und sittlich gefährdeter Jugendlicher, die Zugend selbst als Ersah eines ost als leer und feindlich empfundenen Elternhauses. Alle Verschiedenheit der Motive hatte ihre eine Voraussetzung in der Erkenntnis der Gefahr für die Sicherung der jüdischen und jugendlichen Zukunft, die im Großstadtleben und im Leben einer Großgemeinde der Ausfall der vitalsten, der Familienbindung bedeuten muß. Dieser Ausfall muß bedauert werden, ist aber als bestimmende Tatsache des heutigen jüdischen Lebens Zu konstatiere». Hinzu kam die eigenartige soziologische und geistige Struktur der jüdischen Großstadtbcvölkerung. Wohl gibt es große jüdische Wohnzentren, doch sind diese nur Anhäufungen einzelner Menschen, sind sie leer von jedem wie auch immer gearteten Zusammengchörigkeitsvewußtsein, sei es nun religiöser Geist, Gemcmdegeist, sei es auch nur Anteiluehmen am Leben des Nachbarn. Verstärkt wird diese aller Großstadtsiedlung eigene Atomisierung durch einen gewissen großbürgerlichen Anstrich, eine aristokratrscife Exklusivität, in der sich gerade der Großstadtjude gen; gefällt. So fehlen uns alle milieubildenden Voraussetzungen. Es fehlt aber auch ein ErsatzmiLieü, wie es in Arbeitergegenden . das proletarische Klassenbewußtsein darstellt. Aus der Erkenntnis dieser, für den Fortbestand eines lebendigen, nicht nur ideologischen Judentums und einer dieses Leben verbürgenden Gemeinschaft gar nicht überschähbaren Gefahr erhob sich dringend die Forderung nach Einrichtungen, die als Zentren eines neuen jüdischen Gemeinde- und Jugcndleöens wirken könnten. Zwei Formen nahm die Verwirklichung dieser Forderung an. Die eine Form rvar das jüdische Settlement, wie es in Amerika und England seit langem besteht, wie cs in Berlin das „jüdische Volksheim" bis vor noch nicht langer Zeit verwirklichte. Mittelpunkt ist hier ein Haus, das, und oft Ln großzügigster Weise, alle Bedürfnisse des jüdischen Menschen befriedigen kann. Träger des Hau seist Ln Amerika oft dir um das Haus, das ,.Jewrsh Center", sich gruppierende Gemeinde: in den in proletarischer Umwelt errichteten Settlements, ettva Ln dem berühmten Londoner des Ehepaars Heurigue oder im Berliner Volksheim, ein mit und unter seinen Gästen rechnender und lebender Mitarbeiterkreis. Eine andere Form, namentlich in Berlin versucht, war die Bildung von Jugend gruppen unter Leittmg junger Menschen aus der Jugendbewegung, Zusammengesetzt aus Jugendlichen, die der Betreuung der jüdischen Wohlfahrtsstelle unterstanden. Es scheint, als ob noboendig diese Lösung zu ihrem wohl durchgängig beobachteten Mißerfolg führen mußte. Durch die enge Verbindung 'mit gemeindeamtlicher JugendfurlorgearbeiL wurde die Arbeit mit Imponderabilien belastet, die sie nicht ertrug. Sie blieb immer „Jugendamtsgruppe". Mir scheint eine Jngendheimärbeit nur dann Erfolg zu versprechen, wenn sie von vornherein über den Rahmen einer fürsorgcri schon Arbeit und des dadurch begrenzten Menschenkreises hinaus geht. Sie darf, nie den Anstrich d einer „sozialen" Arbeit tragen, sondern hat sich an die gesamte Mische Jugend Zu wenden. Sie wird auch prinzipiell nicht den Zwang einer Grubenarbeit an ihre Menschen anlegen dürfen. Jeder Besucher eines Jugendheimes soll dies als Heim empfinden können. Er muß Freiheit in der Wahl seiner Nkschästrgimg haben: muß lesen, schreiben, spielen. Radio hören, sich unterhalten können, wann es ihm paßt. Die Mitarbeiter der Heinilelkmg — auch sie sind nach Eignung aus Heimbesuchern Zu ergänzen — dürfen sich rhm nicht mit Vorschlägen ausdrängen, müssen aber allen Wünschen und Anregungen aus dem Besueyerkreis geöffnet sein. Das Helm selbst und seine Ausgestaltung durch die Jugend muß der bewirkende Milieusaktor sein. Wir müssen zu einer settlcment * artigen Form unserer ArlxüL Zurückiehren. Es soll versucht werden, eine engere Bindung an Heun und Mitarbeiter durch Arl^itsgemeinschasten. Absprachen und Feiern zu erreichen. Das Heim und die Arbeit an ihm toll der alle angehende Besitz aller Teilnehmer werden. Es soll seine Menschen zu einer neuen Aerarrt. wsrtüchkeit erziehen: Verantwortlichkeit gegenüber dem Herrn selbst und seinen Menscher,. VerantwortlWeiL und Gründlichkeit rm Denken und Bedenken der vor jeden tretenden Fragen des Lebens, nmger Mensen hoch worüber wir in der lernen Nummer r ZerrtV/olzburger Sttoße 00. mit Unlerstschu Gemerndc er,; Iugend-v-uu eröffnet. Er ist allabendlich auf die zu einer bestimmten Haltung dieser Menschen fellH führen soll. Eine verantwortliche Haltung in dem hier gemeinten ^inrre ist aber notwendig eine religiöse. Es wird darauf ankommen. die Menschen des Heims vor die letzten Fragwürdigkeiten des Lebens und Erkenncns zu bringen, und sie von dort ans neu denken, mndenleu zu lehren. Dieser Erschütterung darf kein Gebiet unseres heutigen Lebens entzogen'bleiben, mag es'sich um religiöse und jüdische Fragen im engeren Sinne, mag cs sich um wirtschaftliche, philosophische, technische, soziale, sexuelle Fragen oder um Fragen der Lebensführung handeln. Ist dies gelungen, so ist der Zweck, auch der fürsorgerische Zweck eines Jugendheims erreicht. Dsr VolLs/rocüsLkttlgscks/rLe Von Zk/o/rs Ein evangelischer Geistlicher aus den; Neuwerk-Kreis legt hier 14 Aufsätze vor*), die von einem zwölfjährigen Bemühen um den Gegenstand Zeugnis ablegcn. Nichts hinzuzusügen haben wir den rein geschichtlichen Darlegungen. Der Volksgochschulgedanke vertiefter Art geht von Pfarrer Grnndtvig und seinem Mitarbeiter Kold in Dänemark aus. Theologen, die sich um die Zeitschrift ..Die Dorskirche" scharten, nahmen ihn aus. Schließlich tat die ganze Bewegung einen entscheidenden Schritt vorwärts durch die Konferenz in Frankfurt a. M. im Jahre 1917. Der Verband der deutschen V ol ks bil d u n g sve r e i n ig u n ge n hatte hierher zum erstenmal an der Volkshochschule interessierte Organisationen und Persönlichkeiten zusammenbcrufen. Nach dem Krieg fanden dann Gründungen von der Fichte-Gesellschaft, dem Evangelischen Preßveröand und freideutschen Kreisen statt. An den Ausführungen jedoch, die Aufgabe, Gesinnung. Geist der Schulen behandeln, werden wir nicht ganz ohne Widerspruch Vorbeigehen können. Die Hoffnungen aus eine neu entstehende Bauernkultur iS. 70 f.) im Kochschen Sinne sind wohl zu romantisch. Die Entwicklung scheint aus eine immer größere Nivellierung zwischen Stadt und Land hinanszugehen. Auch vermögen nur nicht die Meinung zu teilen, daß ausschließlich Christentum oder Idealismus (im philosophischen Sinne) Grundpfeiler neuer Gcnreinschastsbildllng sein mistsen. Die Arbeiterschaft hat andere Wege zum gleichen Ziel mit Erfolg beschatten. Doch ungeachtet aller Gegensätzlichkeit ist der Freude Ausdruck zu geben, mit der weite Kreise der jüdischen Jugendbewegung in Georg Koch einen Vor- und Mitkämpfer begrüßen werden. Nach des Verfassers Meinung gilt es, ans der unheilvollen Spaltung Ln Gebildete und Nichtgebildcte. die uns der Humanismus beschert hat. heranszukommen. Enthusiasmus. Dienst am Geiste und wirkliche Bildung werden die festen Brücken über den Abgrund sein. Bildung nun, wie sie die hier geplante Volkshochschule vermitteln will, besteht nicht in einer möglichst großen Menge von Wissen. „Lebensnahe, Einfachheit undEwtgkeitsgrund sind die drei großen Grundvoraussetzungen ernster Mcrrschenbildung." Die „sinnliche Anschauung eines andern, vom Geist bewegten Menschen" ist die beste Mittlerin. So wird der Arbeiter z. B. aus der Enge einer nur klassengebundenen Anschauung heraus wachsen. Denn ..droht dem Humanisten und Bürger die Selbstgenügsamkeit des Individuums, so dem Arbeiter die Selbstgenügsamkeit der Klasse". Doch auch der Akademiker hat solche Erziehung bitter not. Er ist bei aller seiner ..Bildung" oder durch sie heimatlos, entwurzelt, ungläubig (im weitesten Sinne) geworden. Wir wissen nicht, ob die 'Volkshochschule die hohe Sendung, die Volksgemeinschaft Zn schaffen, wird erfüllen können. „Wahre Volksgemeinschaft aber kann sich allein gründen auf das Fundament einer gemeinsamen Anbetung und gemeinsamen letzten Bindung der Gewissen." Wir willen aber."rvas es gerade in unseren Tagen 1>edeutete. wenn Georg Kochs Bolkshochschulidoe sich verwirklichte: .'.Eine Zufluchtsstätte soll sie werden sür noch nicht verbildete Menschenseelen, für Seelen, die noch glaulnm können, die noch lieben das Rechte und hassen das Schlechte, für Menschen, die noch dankbar sind. Gottes Bild rm Gewissen tragen zu dürfen." «/«/Aerick. legte in einer außerordentlich stark besuchten Zusammenkunft nach eingehender Aussprache die Leitsätze für die zukünftige Ausgestaltung der Arbcrt der D. j. I. fest, die an Stelle der bisher losen Form tritt. Der Aufgabenkreis der Deutsch-jüdischen Jugend ist derselbe geblieben. Eie Will dir Gemeinschaft derjenigen Lungen Menschen fein, die nach Kultur und Vaterland Deutsche, nach Glauben und Abstammung Juden sind. Sie erstrebt durch Arbeilskurse das Wissen um Wesen und Auf. gaben des deutsch.jUdischcn Menschen zu vertiefen, durch Wanderungen die Liebe zur deutschen Heimat zu stärken, durch Feste und Ausflüge jugendscohes Beisamrncnscin zu pflegen. Die Leitung der Deulsch-jüdischrn Jugend liegt in. den Händen von sieden Freunden, die von der Versammlung bestimmt morden sind. Als erster Führer wurde Herr Dr. Plaut, Hamburg. Parkattec 2b. einstimmig gewählt. Die Deutsch-jüdlsche Jugend, Hamburg, erwartet die zur Mitarbeit gewillte jüdische Jugend zu ihren wie bisher regelmätzig staUfindendcn ArbeitsabenLen. Der hielt am 18. November d. Z. in Osterode eine Versammlung ab. auf der Herr Lehrer Alfred Herz über das „Problem de: Sünde" sprach und auf der beschlossen wurde, in Bad Harzburg alle 14 Tage gemeinsam- Leseabende zu veranstalten, um den Zusammenhalt der Mitglieder in den einzelnen Harzorter: zu gewährleisten. i) Georg Koch: „Der Vollshochschulgrdanke.« Arrsgewahlt: Aussätze. Fm Neuwerk'Verlag zu, Kassel 1SW. Verantwortlich für die Beilage „Von deutschckMsckee Zuaend": Altrsd Hirschberg iBtrlin.Chartoltenlmrgl- Druck von Rudolf Masse, Berlin 8N" 1Ä».