Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8-9 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der kleine Bon Friedrich Vrodrritz. Es ist das Geheimnis jeder wahren Kunst, daß sie urrs über die Enge des Einzelproblems. die einmalige Bedingtheit hinwegführt zum Allgemein-Menschlichen, daß sie uns neben dem bunten Wellenspiel der Oberfläche die Tiefe sehen läßt, die alles trügt. Im Gegensatz zur zweckgebundenen Tendenz, die nur neue, künstlick>e Grenzen zieht, ist sie die M i t t! e r t n, vor deren Blick die Scheidewände sinken, um das gemeinsanre menschliche Geschick desto klarer zur Darstellung zu bringen. So halten wir uns für berechtigt, hellte kurz auf ein Buch hinzuweisen, das uns ein wirksames Beispiel hierfür zu sein scheint: „Der kleine Prophet" von Edmond Fleg*). Es fuhrt uns nach Paris in ein Halls kultivierter Inden oder wie sie sich selber lieber nennen Israeliten. _ Ihr einziger Sohn, Claude, berichtet in tagebuchartigen Aufzeichnungen von seinem äußeren und inneren Erleben. In dieser überaus glücklich durclzgesichrten Form zieht so das Leben eines jungen Menschen. an uns vorbei, '^gestellt von einem Künstler, der nicht mehr in den engen Vorstellungen vom „kindlichen" Denken befangen ist, der weiß, daß die frühen Erschütterungen des jungen Menschen oft den Grund einer ganzen tragischen Entwicklung legen. So laßt er ans einer ganz nuschc^baren Begebenheit, die denn fünfjährigen Kinde den ersten Begriff von der besonderen Situation des Juden vermittelt, eine immer großer werdende seelische Not wachsen. Er sieht sich von allen Seiten als,Zude' betrachtet, ohne sich selber darunter etwas Positives vorstellen zu können. Er wird zehn, fünfzehn Jahre, und immer größer wird die Frage nach dem Inhalt dieses Judentums. Da? Elternhaus beantwortet sie nicht, der kühl-ironische Baker und foie überbesorgte Mutter ahnen nichts von ihr, könnten sie auch nie beantworten, weil sie sich bewußt allen Elementen ihres Ursprungs entfremdet haben. Da wird Claude von dem Zauber des katholischen Kultus gepackt, der ihm durch eine schwärmerische Jugendfreundin nahegebracht wird. Eine für religiöse - Vorstellungen sehr empfindliche Seele empfangt die ersten, leisen Erschütterungen. Aber immer wieder steht das Gefühl des Andersseins in ihm auf, zerrt ihn zwischen mystischer Hingabe und folterndem Nachdenken hin und her. Ein katholischer Geistlicher, an den Claude sich in seiner Hilflosigkeit wandte, ist es, der ihm den.ersten klugen Rat gibt. Er stellt ihm als erwünschtes Ziel der reiferen Jahre zwar die Bekehrung hm, sagt ihm aber: „Bis Lahm, sei ein Jude, mein Kind, sei ein Jude!" Ja, was ist das, ein Jude sein? Cs ist rührend geschildert, wie das Kind sich statt bei seinem versagenden Daker bei dessen Büchern Auskunft Holen will. Aber da gibt es zwar alles: „lieber Feuer und Wasser, über Kunst und Rechtswissenschaft, über Philosophie und Mythologie, über den Brahmanismus. . . . über die Lappländer, über die Indianer, über die Neger! . . . über die Juden: nichts.' „Und Papa ist ein Jude!" schreibt er schlicht unter diese Abzahlung. Da wird er durch einen Mitschüler auf den Zionismus hmgelenkt. Er sieht zum ersten Male erschüttert die Straßenviertel der Ostjuden, er hört vom Aufbauwerk. Aber für sich selber kann er da nicht mit: „Der Vater meines Großvaters war zu Zeiten Louis Ph'u»pps Tuchhändler in der Nue Turblgo. Der Vater meines Vaters war Eambettas Freund. Und mein Vater hat vier Jahre lang wie ein Held gekämpft. . . Und das alles, damit Jerusalem meine Heimat werde? — Ein Vaterland habe ich. Was mir not tut, ist ein Gott!" — Bei einer Hochzeit in der Vertvandtschaft lernte er zum ersten Male einen jüdischen Gottesdienst kennen; er sieht sich hier einer ganz neuen Welt gegenüber. Zur Enttäuschung und zum Erstaunen seiner Eltern bittet er um Religionsunterricht. Die Geschichten der Bibel liest er mit glühender Empfänglichkeit. „Sie haben mich Cornelius Nepos, Änophon, Kipling und Jules Berne lesen lassen, und diese schönen Geschichten haben sie mir vorenthalten." — Freunde hat er keine, seine Mitschülcr find bei den „Pfadfindern", auch er macht eine Weile mit, aber ohne die Fähigkeit zum Aufgehen in der Gemeinschaft. Sein Judesein trennt ihn immer wieder. Und'nun kommen neue Enttäuschungen aus der neugewonnenen Welt des religiösen Judentums: der stumpfsinnige Religiouslehrer. der „mutlose" Rabbiner, der auch lieber das schwächliche Wort „Israeliten" für Juden gebraucht, die schreckende Strenge des starren Gesetzes. So könnte man für diesen unendlich einsamen jungen Menschen verzweifeln, wenn er nicht, unbelastet von den Theorien der Alten, selber die schlichteste und darum natürlichste Lösung fände: „Ich will das hm, was mir der gnte Pfarrer gesagt hat: ich will ein Jude sein." — Das wäre in knappen Umrissen der Inhalt des Buches; was seinen Zauber ausmacht, läßt sich durch Beschreibung nicht wiedergeben: die seine Einfühlung in die Vorstellungs- und Erlebenswelt eines jungen Menschen. Ein kleines Buch, in lichten: Druck, noch nicht 2E0 Seiten, lieft es sich schnell durch. Ist es ein ästhetischer Genuß, der übrig bleibt? Ach nein, sehr viel mehr! Das Werk erweist sich als künstlerische Schöpfung. weil es uns tief menschlich rührt. Es zeigt die Gleichheit indischen Mcnschenschictsals, die dnrch Landesgrenzen nicht getrennt wird, und darüber hinaus die Gleichheit der um religiöses' Erleben ringenden Seele des jungen Menschen. Es ist ein nachdenk- *) Ans dem Französischen übersetzt von Minn Fuckrrkandl. Verlag R. Piper, München 1927. Goethe: ( Wenn euch die Welt im ganzen vorsdneiiet, die Jugend muß doch immer wieder von vorn anfangen und als Individuum die Epodien der Welikultur durch nmdien, Midi irriiieri das nicht mehr, und idi habe längst einen Vers darauf gemadit, der so lautet: Johannisfeuer sei unversehrt, Die Freude nie verloren / Besen werden immer stumpf gekehrt Und Jungens immer geboren* Zu Eckermann am 17, Januar 1627. liches Buch für mancherlei Leute: für Eltern, die ihre Kinder vor „Auseinandersetzungen" bewahren zu müssen glauben, um sie ihnen nur desto Witzloser auszuliesern; sür Erwachsene, die im Kinde noch immer ein unfertiges, unselbständiges Wesen sehen wollen, das keine wirklichen Sorgen kennt und seelische Not noch nicht erlebt: und nicht zuletzt für uns Junge, die wir hier eine neue Bestätigung dafür finden, daß der junge Mensch ohne Gemeinschaft mit anderen das einsamste Wesen unter uns ist, preisgegeben der schwersten inneren Not. — Für diese künstlerische Darstellung eines jüdischen Menschenschicksals können wir deutschen Inden nur dem französischen Juden Edmond Fleg brüderlich danken. „lleur Wegs öer Jugend." Veranstaltung Der „Enropäischen Tribüne". Unter diesem Motto veranstaltete die „Europäische Tribüne' am 10. November eine Jugendvcrfammlrmg im ehemaligen Herrenhaus. Führer der Jugend sollten Rechnung oblegen vom Wollen der Jugend, und sie sollten in diesem Zusammenhang ihre Stellung zur paneuropäischen Idee manifestieren. Tie Ausführungen der einzelnen Redner bewiesen, wie stark die Sehnsucht nach diesem Ziele in der Jugend lebt, und sie zeigten vor allem, wie stark der Wille ist, aus neuen Wegen zu ihm zu gelangen. „P a ne ut o p a a! s S a l o n m a n v v e r verdammen wir", führte Fritz Täuber in seiner Einleitung aus, und die Sprecher der Bünde ließen diese selbe Einstellung durchblicken. So erfreulich es auf der einen Seite ist,, daß sich einmal sämtliche Bünde, unabhängig von ihrer polilischen Differenziertheit, zu gemeinsamer Kundgebung znsammcnsinden. sollte::, so ist es auf der anderen <-eite um so mehr zu bedauern, daß der Sprecher der rechts eingestellten „Deutschen Freifchar' im letzten Augenblick verhindert war. Tenn dadurch bekam die Versammlung, wider den Willen der Veranstalter, ein etwas einseitiges Gepräge. Für die jüdische Jugend sprach Georg Lubinski, der Geschäftsführer des Reichsausschusies jüdischer Jugcndvcrbände. Nachdem er erst die P r ä d e st i n i e r t h e i t der jüdischen Jugend sür den Gedanken europäischer Verbrüderung hervorgchobcn hatte, ging er auf die Differenzierungen im jüdischen Leben der Gegenwart ein. Ter reiche Beifall bewies, daß seine inhaltlich und formal ausgezeichneten Ausführungen zur Verständigung mir der nichtjüdischen Umwelt erfolgreich beigetragen hatten. Die übrigen Redner brachten außer der Rechtfertigung ihres Bekenntnisses zur paneuropäiscberr Idee die der Ideologie ihrer Bünde, ohne jedoch bierin Gedanken zu äußern, die nicht schon l>ct verschiedensten Gelegenheiten von anderer Stelle zum Ausdruck gebracht worden wären. Wesentlich war einzig und allein von diesem Gesichtspunkt ans der Sprecher der j u n g P r o l e t a r i s ch e n Bewegung, der scharf die Ktaffeugegeniätze der Gegenwart betonte, sich aber nüt derselben Schärfe gegen einen p h v s i s ch e n Kampf zwischen den Klaffen wandte. Rein äußerlich war es eine gewisse Ironie des Schicksals, daß gerade er, der sich gegen die „Geistigkeit" in der bürgerlichen Jugendbewegung wandte, selber die größte geistige Beweglichkeit an den Tag legte, indem er als einziger Redner frei von Manuskript und unter Stellungnahme zu seinen Vorrednern sprach. Zum Schlüsse sprach Günter Deper von der „Freusburg- Arbeitsgemeinschaft friedensbereiter Jugend'. Diese Arbeitsgemeinschaft umfaßt Führer von jungnationalen bis jungvroletarischen Bünden mit der Zielsetzung, eine Verständigung innerhalb der deutschen Jugend, und von dieser zur nichtdeutsch.cn anzubahnen. Das diesjährige Freusburger Lager, in dem sich etwa SCO deutsche und ausländische Jugendsührer zu gemeinsamer Aussprache fanden, war der erste Anfang zu diesem Versiändigungswerk, dessen Erfolg man gar nicht sehnsüchtig genug erhoffen kann. Den Veranstaltern aber gebührt Dank, in dieser Versammlung die ,.T r i b ft n c" für wechselseitiges Kennenlcrnen geschaffen zu haben. -ek. Die Dcttlsch-Füvische Jugendgemeinschaft veröffentlicht ein Derbe, blat t, das uns einen Einbliü in das Wollen des Bundes und in die Arbeit zur Bcrwirtlichnug der Bundesidee gibt. In jugendlich-lebendigen Aussätzen lesen wir da von bündischcr Lebensform, die das Neue neben das Bestellende stellen will, die nicht nur das Alte negiert, sondern mit positivem Aufbauwillen Neues schaffen will. Aussätze über Heimabend, Datzrt. Arbeitsgclnttuschaft, Iüugercuarbcit^ Er-ort und Judentum vervollständigen tw$‘ wohl« gelungene Heft, um denen Entstehung sich Martin Sobotker und Werner Stofenstrxt besonders verdient gemacht hasten. A. £. Die NttuDabs-Fisroel-JuncttdorganNaLron hält ihren Bundes- und Dclccstcrtentog vom 2 4. dis 26. Dezember in F r a n t f u r i a. M. ab. Folgende Tdcnren werden behandelt: „Die Politik der Aaudahs-Iisroel", ferner „Die Ausgaben der Agudahs-I'rsrocl'Iugendbewegung", „Unsere Einstellung zu Ercz Israel", „Die sittliche Ertüchtigung der Jugend". Verantwortlich für die Verlage „Von dcittsch-iüdlfchcr Jugend": Alfred Hirsch berg (VcrlimEharlstterrbucg). Druck von Rudolf Moffe, Berlin SW 13.