Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- Seite 51 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277733--03446-2283963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
51 aber wenn er einigermaßen Heinrich Verl mit seinem Buch „Judentum in der Musik" erfassen will, so muß er — der geneigte Leser — mindestens durch Andeutungen vorbereitet sein. Vielleicht vermehrt es diese 'Andeutungen, wenn ich darauf Hinweise, daß es revolutionäre Bewegungen in dieser modernsten Austastung schon immer gegeben hat. Jean Jacques Rousseau schimpfte schon vor 150 Jahren auf Polyphonie und Harmonie, und wenn ich Werfel in seiner „Geschichte der Oper"' richtig taxiere, so gilt sein Wterspruch ebenfalls der Harmonie und seine Liebe der monodischen Melodie, Freilich ist Werfel ein wirklich musikalischer Kopf und ein geistvoller Denker dazu; so kann man ihn für die ,Klang"-Theorie nicht einfnngen. Vor ungefähr 25 .bis 30 Jahren schrieb ein Tr. Grabowsky eine Reihe von Broschüren gegen die Sinfonie und Instrumentalmusik; auch er erwartete von der monodischen Melodie alles Heil. Outsider gab es, wie gesagt, immer. Tie Musik aber „o.bzuschassen", wie sie seit zweitausend Jahren geschichtlich empfunden wird und auf dem unschuldigen Dreiklang sich instrumental aufbaut, das blisb der neuesten Zeit Vorbehalten. Es gibt eben vollkommen amusikalifche Gehirne, die nicht begreifen können, daß Empfindung und Gefühl höher und tiefer zugleich lagern als das Wort, daß Musik als Melodie unmittelbar das aus drücken soll, was Der Logos seiner geistigen Struktur j nach nicht kann, und daß in der Harmonie der M u s i k jenes l wunderbarste aller Phänomene vorgebildet liegt, daß wirkliche Sophrosyne einmalig in der Welt der Erscheinungen zukunsts- I und ewigkeitsverheißend der sinnlichen Anschauung vermittelt wird. { Wer das n i cyt erkannt hat — wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdells ■ nicht erjagen —, mit dem läßt sich über diese Dinge nicht rechten; ihm fehlt das natürliche Organ; er ist pathologisch. Es sei denn, daß wir die Narren find und jene drei Dutzend zeitgenössischer Reformer die Gesunden. Möglich ist ja alles . .. Nun aber zum Berlschen Buch. Das ist für die Leser der „E. D.-? Zeitung" insofern von Bedeutung, als hier ein arischer Deutscher — Herr Derl ist kein Jude — den Versuch macht, mit völkischen Argumenten den Zionisten als den allein echten Vertretern des Juden- \ tums Vorspann zu leisten. Derl ist Prosemit; das muß man fest- ' halten, Er sagt, daß die Juden von Haus aus atonal in der Musik seien und gegen d i e H a r in o n t e; sie seien auch unplastisch, daher käme ihre geringe Leisknncssähigkeit auf dem Gebiete der Architektur und der bildenden Künste, weil eben die jüdische, in Blut verkettete Seele ganz aufs Geistige eingestellt sei. Ich weiß nicht, was Liebermann und Messel und eine Reihe anderer lüdifcher Baumeister und bildender Künstler dazu sagen, oder wie Herr Verl es erklären will, wie eine Niesenarchitektur wie der Salomonische Tempel entstanden sein mag. Tein naheliegenden Einwand des Vorhandenseins zahlreicher und wahrlich nicht unbedeutender jüdischer Komponisten wie Mendelssohn, Rubinstein, Vizet, Halevy, Meyerbeer. Osfenbach, die alle im abendländischen Sinne mit Treiktang und Harmonie Musik machten, begegnet Herr Berl mit der Behauptung, daß diese Juden eben in . einer Pseudomorphose — ein Wort Berlscher Prägung — standen und unter dem Gesetz, nach dem das Milieu, schließlich auch die Form der geistigen Tätigkeit bestimmt. Im Grunde sind — nach Berl — alle diese europäischen komponierenden Inden doch Asiaten mit ihrer im Blute verhafteten Einstellung gegen die abendländische Musik und ihre Harnwnik; sie alle machten Musik gegen die Stimme des Blutes, eingebettet im Zlvana des Milieus. Paul Decker allein (außer Berl) hat das begriffen. Daher seine Vorliebe für die jüdischen Musiker Mahler und Schönberg; zwai. läßt er auch Schreker, Hindemith und die anderen Modernen gelten, aber sein, s Beckers, Herz gehört Mahler und Schönbcrg, weil er blutsverwandt ' in jenen die Liebe zu asiatischem. Rhythmus, zur Monodie und zur Antiharmonik heraussühlt. Man weiß, wie ich zu Paul Becker stehe, vom Standpunkt meiner r eigenen Musikphilosophre aus. (In meinem großen, in Vorbereitung; befindlichen Buch „Die Mentalität des 20. Jahrhunderts, eine Feft- ' setzrmg und eine Zielsetzung" nehme ich zu diesen Dingen ausführlich : Stellung.) Aber das hat der scharfsinnige und durch seltene Gründ- - lichkeit ausgezeichnete Paul Becker wahrlich nicht verdient, daß er j mit foldjen Dilettantismen zum „Blut"-Zeugen neuer zionistischer; Musikästhetik gemacht wird, die in ihren Hintergründen auf Tintcr! und Fritsch basiert. Ein Wort des Grundsätzliche muß doch noch gesagt werden. Es gibt „nationale" Musik nur in bedingtem Sinne. Die Menschheit ist als eine anthropologische und sittliche E i n he i t an sich genial, sckppserisch. Die Genialität wird moduliert durch den Gesamtkomplex tellurischer, klimatischer Bedingungen des Milieus. Zum Gesamtkomplex, gehören Tradition, Erziehung, Erfahrung. Die mich' kalische Begabung al s s o l ch e, d. h. die Fähigkeit. Gefühle und Empfindungen mit dem Mittel des musikalischen Einfalls und seiner thematischen Abwandlung d a r z u ft e l l c n — das Thema jeglicher schöpferischen Kunst — ist allen menschlichen Rasten gemeinsam. Wenn also der Inder, der Perser, der Neger, der Jude in ein europäisches Milieu kommt. und er hat die an'sich sehr seltene musikalische Begabung des schöpferischen E r n f a l l s, so wird er im Stile seines Milieus Musik machen. Es ist also keine „Pseudo- Morphose" der Meycrbeer, Osfenbach, Halevy. Rubinstein, Bizet usm., daß sie abendländische Musik exerzierten, sondern ein natürlicher, jclbstverständlick)cr Vorgang. Kein Jude wird, wenn er über h a u p t musikalisch ist, aas dem Hintergründe seiner astatischen Seele atonale, expressionistische, a unharmonische Kompositionen schassen, sondern er wird, wie er in allen anderen Beziehungen unter d e m Gesetzdes Milieus steht, seine originale musikali'che fcljüpfer Ader in den herrfck^nden Formen ausströmen lassen. Wenn also H.'rr Berl sagt: „Kein Jude von Meyerbeer bis Korngold hat je im Treitlang empfunden, vielmehr bo! sich ihnen der Trciklang dar als d:e Icosprache ihrer Umgebung, und sie nahmen von ihm den Ausgang, um ihn all absurdum zu führen. Nicht als ein bewußtes Adabsurdum. Bewußt wurde es nur in dem einen Fall Schönberg. Vielmehr schwingt in ihnen allen der latente Orrentalismus nach, der in den Unterschichten der jüdischen Seele verdrängt ruhte und der den. Krankbeitskompter des Judentums bis dato ausmachte. H e u t e i ft d i e - zer O r i e"n t a l i s m u s aus seinem Der st eck hervorgekrochen und damit ist das Judentum auf dem Wege zu seiner Gesundung — was gleichbedeutend i ft mit dem äußeren Weg nach Palästina" —, wenn, wie gesagt, Berl das ansspricht, so wandelt er auf den Wegen einer Ranenpsychologie, auf dem man nur die extremsten unter den Völkischen, Tinter und Fritsch, mit ihren minores gentium antrifft. Daß es Herrn Verl mit tiefer extrem - rassischen Auffassung in jeder Beziehung ernst ist, geht aus vielen stellen seiner ^chrift hervor, von denen nur noch eine angesührt werden soll. Berl schreib:: „Es mag dem Typus Mensch, der seine Wurzeln nicht mehr im Raum hat, sondern irgendwo - nirgendwo im Kosmos, gewiß klein und ameisenhaft Vorkommen, wenn er hört, daß es im Schwarzwald Dörfer gibt, in denen sich seit Jahrhunderten blonde und schwarze Menschen vor Vermischung hüten." Einen solchen Satz obskur gewordener Rassenphysiologie würde nicht einmal der hakenkreuzlerische ^Spiritist Tinter wagen. Ich glaube, ich kenne den schwarzwald beider wie Herr Derl, aber ein solches Torf ist mir noch nie aufgestoßen. Tatsache allerdings ist, daß die schwarzwälderische Mentalität des Abschließens der Höfe und Ortschaften voneinander zu den Degenerationskrankheiten geführt hat, die dort oben herrschen: Kropf und Idiotie. Tie Gesunderhaltung des Menschengeschlechts verlangt Vermischung der Schichten, Stände und Stämme, weil aus dieser Vermischung sich Reizsamkeiten erzeugen, die den Körper gesund erhalten. Ein Blick auf die Fürsten- und Adelsgeschlechter, auf die Gebirgsbauern und die Juden stellt die Verhältniste klar. Alle Tegenerationskrankheiten sind in diesen Schichten stärker vertreten: Neurasthenie, Hysterie, Tiabetes. allgemeine Geisteskrankheiten, Homosexualität. Und nun will Herr Berl nicht einmal die blonden und schwarzen Menschen derselben Raste sich mischen lasten! Es ist wirklich schwer, sehr schwer, nicht ganz grob zu werden, oder keine Satire zu schreiben. Es würde über das Berlsche Buch an dieser Stelle wohl nicht zu referieren fein, wenn nicht eine Verpflichtung für alle diejenigen Vorlage, aufs energischste zu Protestieren gegen eine abwegige* verstiegene, Pathologisch-subalterne Rayenbiologie, die sich nicht scheut, das der ganzen Menschheit zuteil gewordene Gut musikalischer Schöpferkraft nach rassische n M ä tz ch e n zu analysieren. Tenn solche rassischen Mätzchen einer dilettierenden Biologie sind es, in Schönbergs Musik — die ich Persönlich vollkommen ablehne — den versteckten Juden und Asiaten festzustellen und in Paul Becker ihm den kongenialen Kritiker und Musikgelehrten beizugesellen, beide als Wegbereiter zum Auszug der Juden nach Palästina! Man darf^ gespannt sein, welchen Widerhall und freudige Ausnutzung die Schrift Berls in den hakenkreuzlerischen Kreisen finden wird. Jedenfalls hat das deutsche Judentum, das im Gegensatz zu Berl seine geschichtliche, sittliche und kulturpolitische Verbundenheit mit dem deutschen Volk., besten Vaterland das seinige ist, auf das entschiedenste betont, alle Veranlastung, gegen den Berlschen Auswuchs eines sensationellen Literatentums aufs energischste Protest zu erheben. Der Führer durch die Ausstellung Ko^entlinlinna44 rur Feier des LOOjahrigcn Bestehens der hebräischen Typographie in Amsterdam, 1627 bis 1927, der soeben von der Universitätsbibliothek Amsterdam, versandt wird, stellt hauptsächlich eine Ehrung des wohlbekannten portugiesischen Jndenarztes, Gelehrten und Staatsmannes Manasfe Ben Israel dar, der am 1. Januar 1627 (geboren in Lissabon, gestorben 1657 in Middelburg, Holland) das erste hebräische Buch druckte, das auf Amsterdamer Boden hcrgestellt wurde. Manage Ben Israel ist nicht nur durch seine wissenschaftlichen Antworten an christlicl)e Gelehrte berühmt, seine größte Bedeutung liegt in seinen persönlichen und schriftlichen Bemühungen im I<chre 16Zö bei dem englischen Parlament und bei Crom well zur Wiederaufnahme der Inden in England, welche von Erfolg gekrönt waren. Auch die hebräischen Trucker nach ihm werden der Reihe nach bis zum heutigen Tage erwähnt und ihre 'Arbeiten Zum großen Teil ausgestellt. Tie Universitätsbibliothek besitzt von diesen Druckwerken (durch Baron Roscnthal) reickeS Material, welches sie für diese Ausstellung zur Verfügung stellte. Aber es bet? dabei nicht unerwähnt bleiben, daß der Verein Talmud Thora bereits TD ein H^lnd, ich rate <Dir gut: 'Dlmm ES® MAL 8. Das beliebteste tmdTerbreitet3teN3.brand Kräftigungsmittel. IlergcsteLlt aun edelstem Gerstenmalz. Erniltl.in Apotheken n. Dro£enhandlungen. Gebt. Pater ma.n n, Teltow-Berlin 14.