Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 7 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- Seite 25 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9221535-9548924-9548935--044-2283702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 7 Herlin, 8. Oktober 192b Jahrgang 2 Von Kurt Sohn Plauen. Der deutsch-jüdische Student ist in noch höherem Maße, als dies bei den anderen Gliedern der deutsch-jüdischen Jugend der Fall ist, zum Kampfe gegen den Judenhaß praktisch veranlaßt und darüber hinaus zur geistigen Vertiefung dieses Kampfes sittlich verpflichtet. Die Praktische Veranlassung ergibt sich aus der Aufnahmefähigkeit akademischen Bodens für judenfeindliche Bestrebungen, die nicht etwa aus irgendeinem bedauernswerten Anfall, sondern aus der soziologischen Stellung der deutschen Studenten folgt. Judenfeindschaft wird ja — wie überhaupt fast jede gegen eine Minderheit gerichtete Massenabneigung — nicht oder doch höchstens in allerletzter Linie durch irgendwelche geistigen, sei es auch noch so abwegigen Erwägungen verursacht — diese sollen vielmehr nur Zur nachträglichen Rechtfertigung dienen — und auch nicht eigentlich in erster Reihe durch wirtschaftlich-materielle Gründe — diese vervielfachen vielmehr erst die an sich schon vorhandene Abneigung und geben ihr Politische Verwertbarkeit und Bedeutung —, sondern dadurch, daß eine verhältnismäßig leicht abgrenzbare Gruppe der Bevölkerung sich in der Mehrzahl ihrer Mitglieder äußerlich vom Durchschnitt der Mehrheit unterscheidet. Das unterscheidende Merkmal an sich ist ziemlich gleichgültig, ebenso die Art der gekennzeichneten Minderheit; die Abneigung wird also nicht etwa gerade durch die Abstammung, die „Rasse" verursacht, sondern durch die bloße Tatsache des Andersseins, wie die bei ge-- wissen Volksschichten herrschenden, wenn auch um ein Vielfaches Schwächeren und politisch in der Regel nicht hervortretenden Abneigungsgefühle gegen Katholiken', B e a m t e, I u r i st e n usw. beweisen. Die auf peinliche Beobachtung von Aeußerlichkeiten gerichtete Geistesverfassung großer Teile der deutschen Studentenschaft, insbesondere auch innerhalb ihrer maßgebenden Gruppen, wie sie etwa seit der Reichsgründung bis mindestens in die allerletzte Zeit herrschte, mußte daher der Ausbreitung des Judenhasses, als einer aus der Beobachtung von äußerlichen Unterscheidungen entspringenden instinktiven Abneigung, günstig sein. Gefördert werden mußte er durch materielle Erregungen, nämlich die Hoffnung, Berufe, die dem Juden noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit unzugänglich waren — wie allerdings vielfach auch der Mehrheit des übrigen deutschen Volkes —, ihm wieder gang oder teilweise verschließen zu können, ein Bestreben, dessen Befürworter freilich übersahen, daß die freie Entwicklung des jüdischen Volksteils und insbesondere die Befriedigung seines Bildungsbedürfnisses m erster Linie dem nicht j ü bischen Philologen, Juristen, Mediziner usw. Beschäftigung verschaffen muß. Anderseits freilich hätten alle diese Abneigungsgesühle trotz der sie fördernden materiellen Erwägung und" ungeachtet ihrer nachträglich hervorgeholten „geistigen" Begründungen niemals sich nahezu schrankenlos auswirken können, wenn" dem deutschen Studenten klar geworden wäre, daß hinter den seine unwillküre Abneigung hervorrufenden äußerlichen Verschiedenheiten ein geistiger Inhalt, ein Wert steht, der auf Achtung der Umgebung Anspruch machen darf. Daß ihm dies nicht klar wurde, ist zum erheblichen Teil des jüdischen Studenten eigene Schuld. Wie in der übrigen deutschen Judenheit, wirkten sich auch hier Erinnerungen einer Art von U e b er a s si milat i o n ans, die man vielleicht am besten mit der „F l u ch t v o r dem G h e t t o" bezeichnet, nämlich dem Bestreben der eben emanzipierten Gruppen, durch Verleugnung ihrer Herkunft möglichst schnell sozial aufzusteigen. Dies Bestreben mußte nicht nur die schon so oft literarisch geschilderten Lächerlichkeiten zeitigen, sondern auch dazu führen, daß nicht nur die Judenheit mit der aus der äußeren Verschiedenheit der Mehrzahl ihrer Mitglieder von der Umwelt sich ergebenden Abneigung betrachtet, sondern auch ihr geistiger Inhalt, 'das I u d e n t u m , mißachtet wurde; denn nur schwer wird eine Geistesrichtung Anerkennung finden, die von ihren berufenen Vertretern nicht nur nicht verteidigt, sondern halb oder ganz im Stiche lassen wird. Durch das Zusammenwirken aller dieser Kräfte mußte denn der studentische Judenhaß so anwachsen, daß er schließlich über die Ausschließung von Juden in fast sämtlichen Verbindungen hinaus in der ostentativen Unterstützung aller möglichen judenseindlichen Gruppen, ja sogar in Ausschließungsversuchen aus der amtlichen Deutschen Studentenschaft und hin und wieder sogar in offenen Ausschreitungen in Erscheinung trat. Gegen diese ihn aus unmittelbarster Nähe entgegentretenden Angriffe sah sich nun der jüdische Student zum Ab wehrkämpfe gezwungen, der von einigen entschlossenen Vorkämpfern schon verhältnismäßig früh ausgenommen wurde — die „Viadrina" hat sich bekanntlich bereits vor Gründung des Centralvereins Zusammengeschlossen —, nicht aus Besorgnis vor wirtschaftlicher Zurücksetzung, die wenigstens damals gerade der akademische Judenhaß als solcher nur in verhältnismäßig geringem.Grade hätte herbeisühren können, als in dem Gefühle, in der Mißachtung des Judentums persönlich mißachtet zu sein. Es wurde klar, daß es unser Ziel sein mutz, dem Judentum, gleichgültig, wie der einzelne zu seinen Lehren persönlich stehen mag, die Achtung zu verschaffen, die seiner Jahrtausende alten Geschichte und seinen sittlichen Leistungen zukommt, es einzugliedern in die anerkannten Werte der Umwelt, und insbesondere mit dem Werte zu verbinden, an dem uns den Anteil abzusprechen die offizielle Begründung aller Judensemdschaft in unserem Vaterlande bildet: mit dem Deutschtum. Hier scheiden sich die Wege: bereits vor der Jahrhundertwende wurde die erste zionistische Studentenverbind n n a gegründet, für den Gedanken, den ausschließlichen oder Mindestens vorwiegendenJnhalt des Judentums imNationalen zu erblicken, eine Vertretung auf akademischem Boden geschaffen. Seitdem ist für den deutsch-jüdischen Studenten die Verpstichtung unabweisbar geworden, diesem Gedanken unsere Anschauung entgegenzusetzen: das Bekenntnis der nativn a l e n Zuge h örigkeit zum D e u t s ch t u nt u n b d a s Primat des Sittlich-Religiösen im Iu d e n tu m. Das Bekenntnis zum Deutschtum, die Auffassung, daß über die Zugehörigkeit zu einer Nation der Wille, ihr anzugehören, entscheidet, trat aber zugleich der rassenmäßig begründeten judenf feindlichen Theorie gegenüber, und zwar nicht nur als der logisch besser begründete Gedanke — das zu beweisen ist ja bekanntlich gerade in Deutschland mit seiner noch nicht einmal einheitlich gemischten Bevölkerung recht leicht —, sondern als der sittlich höhere und, wie uns ja wieder in unseren Tagen bewußt wird, das wahre Wohl des Vaterlandes fördernde Grundsatz. Diese Gedanken zu begründen, zu vertiefen und zur allgemeinen Ueberzeugung zu erheben, muß der Inhalt der Arbeit wie der Dentschjnden überhaupt, so insbesondere des deutsch- Au-drmZohM STÄ“ De u t s ch - j ü d i s ch e Verbindungen. — Wolfgang Matzdsrff: Studentische Ortsgruppen des E. V. — Ludwig Tietz: Student und Jugendbewegung. — Wilhelm Lewinskr: Die Deutsch-jüdische Jugend in d er sozialen Arbeit.