Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 43 (28.10.1937)
- Date
- 1937-10-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 C-V.- Zeitung WIRTSCHAFT DER WOC Seite 15 28. Oktbr. 1937 Was geht in Amerika vor? Amerika, vielfach das Land der unbegrenzten Möglichkeiten genannt, ist auch das Land der unbegrenzten Ueberraschungen. Diese Eigenschaft hat es jetzt wieder unter Beweis gestellt. Noch sieht man nicht klar, was die eigentlichen Ursachen für den gewaltigen Sturz aller iWaren- und^ .Wertpapier-Kurse an den amerikanischen Börsen waren, der in der vergangenen Woche, verzeichnet werden musste. Im Augenblick, da diese Zeilen geschrieben werden, ist zwar schon wieder eine gewisse Beruhigung imd (unter Schwankungen) Erholung festzustellen; die schweren- Kursverluste, die eingetreten sind, konnten aber noch lange nicht aufgeholt werden. Eines steht bisher fest: Das Ausmass des amerikanischen Börsenkrachs von- 1929, der den eigentlichen Anstoss zu dem scharfen Rückgang der Weltkonjunktur in den folgenden Jahren gab, hat die diesmalige Entwicklung noch nicht angenommen und es scheint zunächst auch keine Gefahr zu bestehen, dass sie sie annehmen wird. Die wirtschaftlichen Bedingungen sind heute von den damaligen so grundverschieden und. die technischen Abwehrmöglichkeiten auch in USA soviel grösser, dass die in einer Angstpsychose geäusserten Befürchtungen mancher überseeischer Wirtschaftskreise mit einer gewissen Sicherheit als übertrieben angesprochen werden können. Trotzdem ist natürlich für jeden wirtschaftlich interessierten Menschen eine Beantwortung' der Frage, was nun eigentlich wirklich in Amerika los ist. ausserordentlich wichtig. Uns Juden interessiert sie unter dem spezieilen Gesichtspunkt der Auswanderung besonders, denn die Vereinigten Staaten bilden nach wie vor ein grosses Aufnahmegebiet für unsere Menschen, ganz abgesehen davon, dass eine anhaltende Baisse an den Rohstoff markten auch auf die Wirtschaftslage der grossen überseeischen Rohstoffländer, in Mittel- und Südamerika, Australien usw., nicht ohne Einfluss. bleiben könnte. Die Einwanderungsbestimmungen der meisten Staaten sind schon in den augenblicklichen guten Konjunkturzeiten so streng, dass wir nur mit Sorge auf ihre Gestaltung bei einer neuen Depression blicken können. Aber soweit ist es noch nicht. Nüchtern betrachtet, wird man zumindest einen Teil des jetzt ■ erfolgten Rückschlags als eine nicht unerwartete Reaktion auf die in der ersten Hälfte dieses Jahres besonders starke Kausse ansehen müssen. Dabei sind zweifellos auch Uebertreibungen in der Preisentwicklung vorgekommen, die sich eines Tages unangenehm bemerkbar machen mussten. Immerhin: der Rückgang der letzten Wochen geht auf vielen Gebieten weit über das Ausmass. einer Preiskorrektur hinaus. Wenn man überlegt, dass eine ganze Reihe Börsenwerte an den amerikanischen Börsen gegenüber ihrem Höchststand in diesem Jahr um 40 und mehr Prozent gesunken sind, dass die Baumwolle und andere Rohstoffe an den amerikanischen Warenmärkten einen Preisfall von z. T. bis zu einem Drittel (und bei einigen Waren noch darüber hinaus!) ihres 1937 erreichten höchsten Preises mitgemacht haben, dann muss man doch zu der Ueberzeugung kommen, dass noch andere Ursachen wirksam gewesen sein müssen. Und diese Ursachen scheinen einmal auf psychologischem, zum anderen auf wirtschaftspolitischem bzw. rein politischem Gebiet zu liegen. Wenn wir zunächst von den psychologischen Gründen reden wollen, so wird man daran erinnern müssen, dass in amerikanischen und auch englischen Zeitungen die Konjunkturfrage schon seit vielen Wochen erörtert wird, und es ist sicher, dass dadurch in breitere Kreise der amerikanischen Wirtschaft eine gewisse Nervosität getragen wurde. Dabei kann es doch wahrlich nicht als aussergewohnlich angesehen werden, dass die gewaltige und ununterbrochene Aufwärtsbewegung des letzten Jahres — zuletzt angefacht durch die im Vorjahr verkündeten englischen Aufrüstungspläne — einmal einer etwas ruhigeren Entwicklung Platz macht, und dass auch gewisse Unterbrechungen und Korrekturen eingetreten sind. Die Erinnerung an das Jahr 1929 hat aber viele ängstliche Gemüter, die es auch in der Wirtschaft gibt, erschreckt,, die Unternehmungslust trotz nach wie vor grossen Bedarfs gehemmt und aus der Verlangsamung der wirtschaftlichen Aufwärtsbewegung einen Stillstand und schliesslich einen nicht unerheblichen Rückgang der Preise und Notierungen werden lassen. Und in der nun in USA einsetzenden Psychose hat man auch verkannt, dass die Grundlagen der amerikanischen und auch der Weltwirtschaft trotz aller Hausseübertreibungen heute wesentlich gesünder als damals sind. Die erschwerten Bedingungen für die Effektenspekulation in USA haben verhindert, dass eine ungesunde Ueberspekulation vorhanden ist, die ja die letzte Ursache des amerikanischen Börsenkrachs von 1929 war. Die Vorräte an Rohstoffen sind im Gegensatz zu 1929 heute nicht sehr gross (wenn man von einigen Waren, die im letzten Jahr eine besonders reichliche Ernte zu verzeichnen hatten, absieht), und auch in den eigentlichen Rohstoffländern konnten die Läger zu einem guten Teil völlig geräumt werden. Die meisten Preis- oder Produktionkartelle, die für einzelne Rohstoffe in Uebersee bestehen, haben ihre Bedingungen wesentlich gemildert, und es wird bei einer etwa erneut einsetzenden Ueberproduktion viel leichler als damals möglich sein, die jetzt bereits bestehende Organisation schnell wieder in Gang zu setzen, um Uebertreibungen vorzubeugen. Und schliesslich wird man daran denken müssen, dass die Entwicklung der Rüstungen, die ja zu einem guten Teil zu der Aufwärtsentwicklung der letzten Zeit beigetragen Hat, auch weiterhin Arbeit und Materialien in erheblichem Umfange beanspruchen wird. Man sieht aus dieser noch keineswegs vollständigen Aufzählung, wie grundverschieden die wirtschaftliche Situation heute im Vergleich zu 1929 ist, und man wird weiter daran denken müssen, dass die Lage der Landwirtschaft in allen Landern wesentlich gekräftigter und stabiler ist als damals, so dass von dieser Seite im Augenblick ebenfalls keine besonderen Gefahren drohen dürften. Die grösste Gefahr, die droht, ist die, dass aus einer Verkennung der tatsächlich zur Zeit wirksamen Faktoren, die zweifellos vorhandene Verlangsamung der Auftriebskräfte überschätzt wird und so in weiteren Kreisen der Weltwirtschaft wieder eine Art „Untergangsstimmung" eintritt, die dann natürlich der beste psychologische Nährboden für gefahrvolle, aber wirtschaftlich kaum berechtigte Preisausschläge bedeutet. Vor allem vermindert sie aber die Widerstandskraft, -die nach einer ausgesprochenen Hochkonjunktur notwendig ist, um auch eine Zeit schwächeren Auftragseingangs mit Optimismus durchhalten zu können. Bevor wir von den anderen Ursachen sprechen,, die zu der starken Depression aller Märkte in USA geführt haben, sei schliesslich noch darauf hingewiesen, dass bei einem starken Abflauen der Konjunktur heute eigentlich in allen Ländern, die aus der letzten Krise gelernt haben — und zu ihnen gehört auch Amerika — konjunkturstützende Massnahmen bereit liegen, die nur in Kraft gesetzt und ausgeführt zu werden brauchen, um zumindest einen sehr beachtlichen Ausgleich für einen Rückgang der privaten Wirtschaftstätigkeit zu schaffen. Zu den mehr politisch bedingten Gründen der augenblicklichen weltwirtschaftlichen Situation gehört neben einer gewissen Unsicherheit, die in USA über die wirtschaftspolitische Linie der Regierung eingetreten sein mag, vor allem die Störungen der Weltwirtschaft infolge des japanisch-chinesischen Konflikts. Gerade die angelsächsischen Länder haben in diesen Gebieten sehr grosse wirtschaftliche Interessen und es ist ganz ohne Zweifel, dass der vorübergehende Ausfall derartig bedeutender Märkte in einigen Zweigen der Weltwirtschaft deutlich spürbar ist. Man wird deshalb der labilen politischen Lage in einigen Teilen der Welt einen guten Teil der Schuld für die unerwartet scharfen Preiseinbrüche an den amerikanischen Märkten beimessen müssen. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass die Aufhellung der politischen Situation gegen Ende der vergangenen Woche, auch die amerikanischen und anderen Weltmärkte wieder in besserer Verfassung fand. Schon werden von drüben Stimmen laut, die den entstandenen Pessimismus als übertrieben bezeichnen, und es ist zu hoffen, dass sich diese Auffassung im Interesse der gesamten Weltwirtschaft in weiteren Kreisen durchsetzen wird. hw. Edward Filene Vor wenigen Wochen ist in Boston Edward Filene 77 Jahre alt gestorben. Wer war Filene? Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Man hat ihn unter dem Stichwort „Wirtschaftsführer" rubriziert — das ist richtig und falsch zugleich, denn er war noch weit mehr: er war Wirtschaftsreformator, Philanthrop, Sozialpolitiker. Und er war Jude, ein aufrechter und stolzer Jude, geboren im Jahre 1860 in Salem (Massachusetts), dem äussersten Nordwesten der Vereinigten Staaten. Sein Aufstieg begann von Boston, an der seinem Geburtsort entgegengesetzten Ostküste der USA. Dort gründete er ein Warenhaus und einen Einzelhandelskonzern, die bald zu den bekanntesten der Vereinigten Staaten gehörten. Wir könnten weiter aufzählen, dass ^er lange Zeit Präsident der Handelskammer von Boston war, dass er viele Jahre die amerikanische Abteilung der Internationalen Handelskammer führte und gerade in dieser Eigenschaft in Europa wohl bekannt war, dass er noch vielen anderen grossen Wirtschaftsorganisationen angehörte usw. . Aber was^bedeuten alle diese Posten im Vergleich zu dem Menschen Filene, der sich allen sozialen und humanitären Bestrebungen zur Verfügung stellte, der selbst unzählige Wohlfahrtsinstitutionen ins Leben gerufen hat und der — in Erkenntnis der vielen Mängel des kapitalistischen Systems — einen neuen Weg ging und seinen Arbeitern und Angestellten sehr entscheidende Mitbestimmungsrechte in allen geschäftlichen Fragen einräumte. Sein Ziel, die Kaufkraft der arbeitenden Schichten zu heben und dadurch sein Idealbild einer in sozialer Hinsicht gerechter gestuften Gesellschaft der Verwirklichung näher zu bringen, suchte er durch die Schaffung eines reich dotierten Fonds zu erreichen, der Kredite an Arbeiter vergab und daneben eine Durchleuchtung der gesamten Wirtschaftsstruktur und eine Umbildung im Sinne seines Gründers fördern sollte. Das sind nur einige wenige seiner Arbeiten, aber vielleicht die typischsten. Ganz Ausdruck seiner Persönlichkeit war auch, dass er im Jahre 1924 in verschiedenen europäischen Ländern Wettbewerbe zur Förderung des Friedens in Europa ausschrieb, dass er in vielen Staaten die finanziellen Grundlagen zur Durchführung sozialpolitischer und anderer wissenschaftlicher Forschungsarbeiten zur Verfügung stellte, und dass er trotz aller dieser idealen Bestrebungen und Tendenzen ein Mann der Wirklichkeit war, der ganz im wirtschaftlichen und geschäftlichen Leben stand und grosse Erfolge hatte. Filene hatte sich auch schriftstellerisch betätigt und sich dabei gleichfalls in erster Linie mit sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen beschäftigt. Seine Bücher sind zum Teil in mehrere Sprachen übersetzt worden. So nüchtern die äussere Erscheinung dieses Mannes war, so stark und kraftvoll war seine innere Persönlichkeit, und wer — wie der Verfasser dieser Zeilen — vor Jahren einmal Gelegenheit hatte, ihn persönlich zu sprechen, wird den dabei gewonnenen Eindruck nicht schnell 75 Jahre F. V. Grünhld Fast möchte man sagen: Ein Begriff feiert Jubiläum. Denn die Firma F. V. Grünfeld ist im Laufe der 75 Jahre ihres Bestehens zu einem Begriff geworden. Was der Gründer des Hauses anstrebte, wurde unter seinen Söhnen und Enkeln zur Wahrheit: Wenn man von „Grünfeld" spricht, verbindet man eine ganz bestimmte Vorstellung damit, und das es eine gute ist, dafür haben die Inhaber und Angesteliten in vielen Jahren intensiver Arbeit gesorgt. Wir hatten in letzter Zeit aus traurigen und freudigen Anlässen verschiedentlich Gelegenheit, des Unternehmens und seiner Mitarbeiter zu gedenken. Wir tun es auch heute wieder in dem stolzen B A N K E Bewusstsein, dass es sich hier um eine Firma handelt, deren Geschäftsgrundsätze vielen zmft Vorbild geworden sind. So klein ihr Anfang war, so gross war ihre Entwicklung: Aus dem Lädchen, das F. V. Grünfeld im Jahre 1862 in Landeshut eröffnete, entstand 1864 der Grünfeld-,3azar", ein ebenfalls noch kleiner, aber im Vergleich zum Anfang doch schon wesentlich erweiterter Verkaufsraum. Dauernde Vergrösserungen führten 1873 zur Einrichtung der Versandabteilung und 1884 wurde gleichfalls in Landeshut der Grund zu der heute so bedeutenden Landeshuter Leinen- und Gebildweberei F. V. Grünfeld gelegt. Mit dem Uebergang zur Fabrikation vergrößerte sich auch der Aktionsradius des Hauses. Im Jahre 1889 wurde das Berliner Ver- P8ül KOFSfkOWSRI U^^^^^!!Sm^^ Immobilien Berlin W 8, Friedrlchstr. 166. Ruf 1208 $T kaufshaus in der Leipziger Strasse eröffnet, in das 1900 die bis dahin noch in Landeshut befindliche Hauptgeschäftsleitung und die Versandabteilung übersiedelten. Umfangreiche Erweiterungen der Fabrikations- und Verkaufsstätten folgten. Nach dem Weltkrieg entstanden. 1924 das Zweiggeschäft in Köln und 1928 das zweite Berliner Verkaufshaus am Kurfürstendamm. Nach dem Tode der Söhne des Gründers, Ludwig und Heinrich Grünfeld — wobei besonders die Arbeit Heinrich Grünfelds, die weit über den eigenen Betrieb hinausreichte, unvergessen bleibt — ist in dem Hause nunmehr die dritte Generation der Familie in leitender Stelle im Geiste und im Sinne der Väter tätig. Wir wünschen ihr weiter eine erfolgreiche Arbeit. Am L November kann die Lederhandlung F. Baumann Nach f., Driesen (Neum.), auf ihr 75jähriges Bestehen zurückblicken. Ihr Begründer, F. Baumann, hat sein Geschäft 49 Jahre geleitet und es dann seinem Schwiegersohn, Ernst S a 1 i n g e r, übergeben. Dieser feiert am gleichen Tage mit seiner Gattin Wally, geb. Baumann, das Fest der silbernen Hochzeit Offene Auslandsstellen Zur Besetzung genehmigt durch das Landesarbeitsamt Brandenburg: Gesucht werden: für Barranquilla '(Koiombia) jüdischer Chemiker zur Herstellung von Margarine und Fett, jüdischer Chemiker zur Herstellung von Wasserstoff und Sauerstoff, jüdischer Elektrotechniker für Fabrikanlagen. Für Neuseeland eine jüdische Dame zur selbständigen Leitung eines Küchenb e t r i e b e s für ein Hospital, bei freier Kost, Wohnung und Berufskleidung und einem Gehalt von 3 Pfund Sterling pro Woche. Nur Bewerberinnen, die nachweislich eine Tätigkeit im Grossbetrieb hatten, kommen in Betracht. Ausführliche Bewerbungen, nur auf dünnem Luftpostpapier, sowie Zeugnisabschriften, Lebenslauf und Passphoto werden weitergeleitet durch die Jüdische Gemeinde, Berlin SW19, Lindenstrasse 48—50. Bewerbungen auf gewöhnlichem Papier werden nicht mit Luftpost befördert. Die Vortragsreihe des C.-V. über Auswanderungsrecht (insbesondere De visenrecht) am 1. und 2. November 1937, 20,15 Uhr, im Brüdervereinshaus, Berlin W62, Kurfüratenstrasse 115 kann lediglich von Juristen gegen Vorzeigen einer Einladung besucht werden. Die Einladungen sind bei der Hauptgeschäftsstelle, Berlin Wlö, Emser Strasse 42, IV, schriftlich zu bestellen. Bankhaus Veit L. Hemburger Karlsruhe ANTON KOHN Bankhaus NÜRNBERG Königstrasse 26 Brunnengasse 2 Telephon für den Ortsverkehr: Nr. 27841, 27941 für den Fernverkehr: 27755 Postscheckkonto Nr. 60 Depositen - Kass e: Bauerngasse 20 — Ecke Knauerstrasse Telephon: Nr. 60076 t--^ Bankhaus August Stern & Cie. Fernruf 220341 KÖltl Drasuagasse 3 Gegründet 1860 Erledigung oH«r bankmSsslgen Geschäfte tt Ausführung von Börsenaufträgen r für Rheinisch-Westfälische und Berliner Börse I Kn festem Auftrage I für schnell entschlossene Käufe Wohnhäuser gesucht ✓ Barauszahlung / Zweitevtl. dritfsteHlge Hypotheken zu kaufen gesucht. 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